Die Guerilla Farc und die kolumbianische Regierung verhandeln ĂŒber Frieden. Doch die KĂ€mpfe gehen weiter und die Landfrage ist immer noch nicht gelöst.

Selbstdarstellung der Farc: Die Guerilla versucht an dem Bild zu kratzen, sie sei bloà eine Drogen schmuggelnde Terrororganisation. TatsÀchlich fÀllt der Blick auf die sozialen VerhÀltnisse im Land in der Berichterstattung oft unter den Tisch.
Das Anwesen von Ălvaro Uribe liegt nur ein paar Kilometer hinter dem internationalen Flughafen von MedellĂn, kurz bevor Blumenfarmen das Landschaftsbild mit ihren GewĂ€chshĂ€usern verĂ€ndern. Hermetisch abgeriegelt ist das weitlĂ€ufige Anwesen des ehemaligen kolumbianischen PrĂ€sidenten, gleiches gilt fĂŒr die Farm vor den Toren von MonterĂa, der Hauptstadt des Verwaltungsbezirks CĂłrdoba. Das an der KaribikkĂŒste im Norden gelegene Department gilt nicht nur als Hochburg der ViehzĂŒchter, sondern auch als Wiege des Paramilitarismus. „Uribe ist nicht nur Sympathisant und wichtigster Sprecher der GroĂgrundbesitzer, sondern lĂ€ngst selbst einer“, erklĂ€rt IvĂĄn Cepeda Castro. Der Anwalt ist Abgeordneter der Partei Polo DemocrĂĄtico Alternativo und einer der bedeutendsten Menschenrechtler Kolumbiens.
In den vergangenen Jahren hat Cepeda den Opfern des BĂŒrgerkriegs durchaus erfolgreich eine Stimme verliehen. Der erzkonservative FlĂŒgel der GroĂgrundbesitzer und Plantagenbetreiber hat in den vergangenen zwei Jahren immer mehr an Macht verloren. Der „Parapolitica“-Skandal, bei dem Verbindungen zwischen Politikern und ParamilitĂ€rs aufgedeckt wurden, habe viele Abgeordnete des FlĂŒgels von Uribe ins GefĂ€ngnis gebracht und den ehemaligen PrĂ€sidenten geschwĂ€cht, so Cepeda. „Uribe lehnt Friedensverhandlungen mit den Farc kategorisch ab und wird frĂŒher oder spĂ€ter etwas dagegen tun. Eine zentrale Frage der Verhandlungen und der Auslöser des bewaffneten Kampfes ist schlieĂlich die Landfrage.“
Morde an Gewerkschaftern und indigenen ReprÀsentanten, die mit den Farc in Verbindung gebracht werden, haben in den vergangenen Monaten zugenommen.
Am Problem der extremen ungleichen Verteilung von Landbesitz hat sich in Kolumbien auch nach fast 50 Jahren des bewaffneten Kampfes der Guerillaorganisationen „RevolutionĂ€re StreitkrĂ€fte Kolumbiens“ (Farc) und „Nationale Befreiungsarmee“ (ELN) gegen den kolumbianischen Staat kaum etwas geĂ€ndert. 1964 nahmen die Farc den bewaffneten Kampf auf. Am 17. Oktober begannen in Oslo nun offizielle Friedensverhandlungen. Luciano MarĂn Arango alias IvĂĄn MĂĄrquez, der VerhandlungsfĂŒhrer der Farc, hat darauf hingewiesen, dass die Landfrage fĂŒr seine Organisation weiterhin PrioritĂ€t habe. Die Agrarelite Kolumbiens habe mit Hilfe der ParamilitĂ€rs, gedeckt durch die Armee, annĂ€hernd acht Millionen Hektar Land geraubt.
HĂ©ctor MondragĂłn bestĂ€tigt diese Zahlen. Der Experte fĂŒr Landkonflikte weist in einem Bericht, den er gemeinsam mit der Politikwissenschaftlerin Paula Ălvarez Roa verfasst hat und der am 18. Oktober veröffentlicht wurde, auĂerdem darauf hin, wie wichtig die Kleinbauern fĂŒr die Lebensmittelproduktion und den Umweltschutz seien. Kleinbauern machen 80 Prozent der Agrarbetriebe aus. Sie bewirtschaften zwar nur neun Prozent der AgrarflĂ€che, seien aber deutlich produktiver als die GroĂbetriebe. Die kolumbianische Regierung unterstĂŒtzt hingegen GroĂgrundbesitzer und fördert vor allem Megaprojekte fĂŒr den Anbau von Ălpalmen, Zuckerrohr und anderen Produkten, die nicht der Lebensmittelversorgung der 45 Millionen Kolumbianerinnen und Kolumbianer dienen. Das mĂŒsste bei den Friedensverhandlungen auch zum Thema gemacht werden.
Die nĂ€chste Verhandlungsrunde zwischen den Farc und der kolumbianischen Regierung unter dem konservativen PrĂ€sidenten Juan Manuel Santos soll am 15. November in Havanna stattfinden. Das Treffen steht unter der Schirmherrschaft von Norwegen und Kuba und wird von Chile und Venezuela begleitet. Es ist bereits der dritte Anlauf, den Ă€ltesten bewaffneten Konflikt in Lateinamerika beizulegen und die SchĂ€tzungen zufolge ĂŒber 10.000 KĂ€mpfer der Farc in die Gesellschaft zu reintegrieren. „DafĂŒr sind bisher noch keine Weichen gestellt und auch keine Fonds aufgelegt worden“, meint der Menschenrechtler Cepeda. Er ist der Sohn von Manuel Cepeda Vargas, einem der letzten Kongressabgeordneten der „Patriotischen Union“ (UP), der 1994 ermordet wurde.
Die UP war 1985 als Sammelbecken der Linken gegrĂŒndet worden und galt als politischer Arm der Farc und der ELN. Die Partei erreichte bei den Wahlen 1986 und 1988 beachtliche Ergebnisse und setzte sich fĂŒr die Demokratisierung des Landes ein. Besonders erfolgreich war sie in den Verwaltungsbezirken Cauca, Magdalena Medio, UrabĂĄ, ChocĂł und Arauca sowie in MedellĂn, der zweitgröĂten Stadt des Landes. FĂŒr ihre Erfolge wurden Mitglieder und AnhĂ€nger der UP brutal verfolgt. Die beiden PrĂ€sidentschaftskandidaten und AnwĂ€lte Jaime Pardo Leal und Bernardo Jaramillo Ossa, acht Kongressabgeordnete, 13 Abgeordnete in Regionalparlamenten, zahlreiche Berater, ein knappes Dutzend BĂŒrgermeister und Tausende AnhĂ€nger der UP wurden in den Achtziger- und frĂŒhen Neunzigerjahren ermordet. „Ein Blutzoll, von dem sich die kolumbianische Linke bis heute nicht erholt hat“, meint der Konfliktforscher Bernardo PĂ©rez Salazar. Die Jagd auf Mitglieder und ReprĂ€sentanten der UP hat dazu gefĂŒhrt, dass es kaum Vertrauen zwischen Regierung und Guerilla gibt, was die Verhandlungen ĂŒber ein Friedensabkommen erschwert hat.
Das sei nun anders, beteuern beide Seiten. Die Regierung wolle die Investitionsbedingungen in Kolumbien verbessern und den wirtschaftlichen Aufschwung der letzten Jahren weiter vorantreiben, betonte Kolumbiens Botschafter, Juan Mayr Maldonado, Mitte Oktober auf einer Kolumbien-Tagung in Berlin. Den Farc wiederum wird KriegsmĂŒdigkeit attestiert, militĂ€risch wurde sie in den vergangenen Jahren immer weiter zurĂŒckgedrĂ€ngt, auch in ihren klassischen RĂŒckzugsgebieten. Derzeit gilt der Norden des Cauca als besonders gefĂ€hrlich. Morde an Gewerkschaftern und indigenen ReprĂ€sentanten, die immer wieder mit den Farc in Verbindung gebracht werden, haben in den vergangenen Monaten merklich zugenommen. Daran hat sich auch mit dem Verhandlungsauftakt in Oslo Mitte Oktober nichts geĂ€ndert, denn nicht nur die ParamilitĂ€rs, deren Zahl die NGO Arco Iris auf rund 10.000 schĂ€tzt, sorgen nach wie vor fĂŒr Terror in Kolumbien, auch die Armee ist weiter aktiv.
Die Regierung Santos will den Farc keine Chance geben, sich durch einen Waffenstillstand eine Atempause zu verschaffen und zu reorganisieren. Parallel zu den Verhandlungen gingen die KĂ€mpfe weiter, kritisierte mehrfach die ehemalige Senatorin Piedad CĂłrdoba. Sie fordert einen Waffenstillstand. Doch PrĂ€sident Santos hat am Freitag vergangener Woche angekĂŒndigt, dass die kolumbianische Armee ihre Anstrengungen verdoppeln und die Farc ĂŒberall angreifen werde. Innerhalb von 48 Stunden gab es daraufhin sechs Tote, sieben ĂberlĂ€ufer und drei Gefangene.
Der Traum von Frieden und sozialer Gerechtigkeit wird in Kolumbien dennoch weitergetrĂ€umt, und das nicht nur in den Camps der Farc. „Die Farc haben nach wie vor eine politische Ideologie, ein politisches Projekt. Es stimmt einfach nicht, dass die Guerilla nur eine Drogen schmuggelnde Terrororganisation ist“, sagt Cepeda. Als solche wird sie im In- und Ausland gern dargestellt, wobei die sozialen VerhĂ€ltnisse in Kolumbien meist unter den Tisch fallen. An diesen habe sich unter der Regierung von Santos kaum etwas geĂ€ndert, kritisiert der Konfliktforscher PĂ©rez. Er mahnt seit Jahren, dass ein Land, das jedes Jahr 300.000 Jugendliche aus Schulen und UniversitĂ€ten entlĂ€sst, mehr tun mĂŒsse, um der Jugend Perspektiven aufzuweisen. Das könnte auch ein Thema fĂŒr die Verhandlungen in Havanna sein.
Knut Henkel arbeitet als freier Journalist und ist fĂŒr die woxx immer wieder in Lateinamerika unterwegs. FĂŒr diesen Artikel recherchierte er in der kolumbianischen Hauptstadt BogotĂĄ.

