PORTRAIT: Das GlĂĽck des Odysseus

von | 06.02.2004

Das Werk von Eduardo Arroyo ist vom Kampf gegen Franco geprägt. Als politischer Künstler sieht sich der spanische Maler, dessen spätere Werke zurzeit in Luxemburg zu sehen sind, trotzdem nicht.

Mit ernstem Blick: Eduardo Arroyo (Foto: Serge Garcia Lang)

Ein junger Mann mit Schlapphut, mit einer abenteuerlich anmutenden Felljacke ohne Ă„rmel und an Stelle von Schuhen mit SchnĂĽren festgezurrte TĂĽcher – eine Fotografie aus dem Jahr 1965 zeigt Eduardo Arroyo als jungen Wilden: auf einem Stuhl sitzend, in der Hand ein Pinsel, der Blick konzentriert nach vorne gerichtet.

Das Foto wurde in den Katalog zur Arroyo-Ausstellung im MusĂ©e national d’histoire et d’art Luxembourg aufgenommen, im Kapitel ĂĽber Leben und Werk des spanischen KĂĽnstlers. Kaum zu glauben, dass der Mann, der im Salon des Luxemburger Hotels Cravat seinem Interviewpartner gegenĂĽbersitzt, ein und dieselbe Person ist. Es ist ein vornehmer älterer Herr, der ĂĽber sein Leben und seine Arbeit spricht und den man eher fĂĽr einen Literaten als fĂĽr einen modernen Maler halten könnte. Doch zumindest eine entscheidende Gemeinsamkeit mit dem jungen KĂĽnstler fällt auf: Es ist derselbe ernste und konzentrierte Blick.

Unter der Diktatur General Francos geboren und aufgewachsen zu sein, habe sein kĂĽnstlerisches Schaffen entscheidend geprägt, sagt Arroyo. Die Opposition gegen die Franco-Diktatur stellt in der Tat einen roten Faden im Werke des KĂĽnstlers dar. Seine Bilder bringen die „Obsession fĂĽr Spanien“, wie er es selbst formuliert, zum Ausdruck. Immer wieder bezeichnen Arroyo diese Besessenheit als Antriebsfeder seines Schaffens. Zuerst habe ihn vor allem die Literatur interessiert, und noch heute verbringe er mehr Zeit in Bibliotheken als in Kunstmuseen, erklärt er. „Ich bin ein gescheiterter Schriftsteller“, hat Arroyo einmal gesagt. Dass er dabei tiefstapelte, wird ersichtlich, wenn man AuszĂĽge aus seinen zahlreichen Veröffentlichungen liest. Denn Arroyo schreibt, wie er malt. Mit klaren Konturen umreiĂźt er seine Sujets. Mit wenigen präzisen Worten beschreibt er das Wesentliche.

Zu malen begann Arroyo erst in Paris. Der 20-Jährige, der 1957 nach seiner Ausbildung zum Journalisten Spanien freiwillig verlieĂź, entschied sich an der Seine fĂĽr die bildende Kunst – fĂĽr Montmartre und gegen Saint-Germain-des-Près. Und doch hat seine Leidenschaft fĂĽr die Welt der BĂĽcher nie nachgelassen: Seine Bilder sind voller literarischer Zitate, einige thematisieren die Literatur, wie zum Beispiel die ironischen, karikaturhaften Porträts „Stendhal y cuatro aspirinas“ sowie „Flaubert y cuatro aspirinas“, die beide im Jahr 2000 entstanden und in der Luxemburger Ausstellung zu sehen sind. DarĂĽber hinaus illustrierte Arroyo BĂĽcher von Quevedo, Buzzati und Malraux sowie „Ulysses“ von James Joyce.

Das Leben im Exil bleibt fĂĽr den Spanier bis zur RĂĽckkehr in seine Heimat in den 70er Jahren ein bestimmendes Element. Mit der Reihe „Robinson CrusoĂ©“ verlieh er der Einsamkeit der Exilanten Ausdruck. Mit „Reflexions sur l’exil: Irun-Hendaye, 1939- 1976“ beschreibt er die Situation der Spanier im französischen Exil ein weiteres Mal: Von einem Aussichtspunkt an der Grenze beobachten französische Schaulustige während des Spanischen BĂĽrgerkriegs die Bombardierungen, als wĂĽrden sie ein „Spektakel“ verfolgen. Noch in den 1980er Jahren thematisiert er das GefĂĽhl der Zerrissenheit mit „Paris-Madrid-Paris“. „Obwohl ich mich weiterhin als Spanier fĂĽhlte“, sagt Arroyo, „lebte ich zwischen zwei Welten.“

In Paris verdiente der Autodidakt, der nie eine Kunstakademie besuchte, seinen Lebensunterhalt zuerst mit Porträtmalereien, die er auf der StraĂźe verkaufte. 1960 stellte er erstmals aus, und schon bald profilierte er sich als eine der Hauptfiguren der „Figuration narrative“. Die Werke von Arroyo, Gilles Aillaud und anderen KĂĽnstlern wurde als europäische Version der Pop Art angesehen. Aufsehen erregte Arroyos Porträt „Les quatro dictatores“, auf dem neben Hitler und Mussolini der portugiesische General Salazar sowie Franco zu sehen sind, letzterer als Matador. Die spanische Botschaft in Paris legte Protest gegen Ausstellung des Bildes ein. Weitere Konflikte mit der Diktatur folgten, denn Arroyo wurde zunehmend militanter. Mit seinen Bildern ĂĽbte er unaufhörlich Kritik am Franco-Regime. Auf einer Reise nach Spanien 1973 wurde er schlieĂźlich festgenommen und kurz danach des Landes verwiesen.

Das Jahr 1975 bedeutete fĂĽr Arroyo eine Wendemarke. Nach Francos Tod konnte er nach Spanien zurĂĽckkehren. Doch die Heimkehr war desillusionierend: In Spanien schien man ihn zu ignorieren. Diejenigen, die im Land geblieben waren, sahen in den Exil-Spaniern Deserteure. „Je crois que j’ai compris dĂ©finitivement que l’ĂŞtre et le lieu d’Eduardo Arroyo“, schrieb Jorge Semprun. „Sa demeure et sa division picturale, sĂ©journent, peut-ĂŞtre pour toujours, dans l’exil.“ Der Exilant als Fantom, als entwurzeltes Wesen, dieser Seelenzustand fand unter anderem Eingang in „Heureux celui qui, comme Ulysse, a fait un long voyage“ (1977).

Arroyo hatte sich bereits in den 1960er Jahren den Ruf eines Provokateurs angeeignet. Doch nicht nur das Regime in Spanien wurde zur Zielscheibe. Auch ĂĽber die kĂĽnstlerische Avantgarde machte er sich lustig. Die Avantgarde sei nur ein Begriff ohne Bedeutung, erklärt Arroyo. Im Grunde sei er nichts anderes als eine Mode. Vor allem auf Marcel Duchamp hatten es der Spanier und seine Freunde abgesehen. Auf dem letzten Bild der Serie „Vivir y dejar morir o el fin tragico de Marcel Duchamp“ ist ein Staatsbegräbnis des damaligen Stars der Avantgardeszene mit US-Flagge auf dem Sarg dargestellt – eine Koproduktion von Arroyo, Aillaud und Antonio Recalcati. „Duchamp repräsentiert einen Typ KĂĽnstler, den man nur ablehnen kann“, schrieb Arroyo später. Doch auch seine Landsleute Joan MirĂł und Salvador DalĂ­ kamen nicht ungeschoren davon: Letzteren malte er zum Beispiel einmal als Hofnarren, ein anderes Mal reihte er den Schnurrbart des Katalanen unter „die verschiedenen Typen reaktionärer spanischer Schnauzbärte“ ein.

Im Mai 1968 schloss Arroyo sich den Maoisten an und nahm an der „Salle Rouge pour le Vietnam“ teil. Doch trotz des politischen Engagements während der Studentenrevolte lehnte er es ab, als „politischer Maler“ bezeichnet zu werden. „Ich habe nie gewusst, wie man politische Malerei macht“, erklärt er und fĂĽgt hinzu: „Ich habe nie an eine ‚Botschaft‘ geglaubt.“

Ein immer wiederkehrendes Motiv von Arroyos Arbeiten der 1980er Jahre ist die nächtliche Stadt, wie bei „Toute la ville en parle (Positano)“. Die Bilder des KĂĽnstlers sind dunkel gehalten, weit weniger farbintensiv als die frĂĽheren Werke. Grau- und Brauntöne rĂĽcken neben Schwarz in den Vordergrund, und die Motive sind nicht selten Boxer und Gangster. Der Maler zeichnet sich derweil ohne Gesicht. Dies wird ersetzt durch eine Farbpalette. Erst später, ungefähr in den vergangenen zehn Jahren, werden die Bilder wieder farbiger, ironischer, aber deshalb nicht unbedingt optimistischer.

Franco ist seit fast drei Jahrzehnten tot. „Heute ist Spanien absolut demokratisch“, betont Arroyo, auch wenn derzeit eine Partei an der Macht sei, die sich frĂĽher auf den Generalissimo berief. Der Mann im Hotelsalon blickt dabei ernst. Sein Blick hellt sich erst auf, als er ein paar Bekannte aus dem Foyer kommen sieht.

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