TĂśRKEI: Antifeministische Leitkultur

von | 26.02.2015

Nach dem brutalen Mord an der Studentin Ă–zgecan Aslan protestierten in der TĂĽrkei Zehntausende gegen frauenfeindliche Gewalt. Die Kritik an herrschenden misogynen Einstellungen und der konservativ-islamischen Politik der Regierung eint verschiedene politische Lager.

Frauenbewegung mit Tradition: Demonstrantinnen bei einem Protestmarsch in Istanbul nach
der Ermordung der Studentin
Ă–zgecan Aslan.

Der Mord an der 20-jährigen Özgecan Aslan hat in der Türkei eine Welle der Empörung ausgelöst. Seit den Gezi-Protesten im Sommer 2013 gingen nicht mehr so viele Menschen im ganzen Land auf die Straße, Zehntausende demonstrierten an mehreren Tagen. Am 11. Februar war die Psychologiestudentin in Tarsus im Südosten der Türkei verschwunden. Zuletzt hatte eine Freundin sie gesehen, mit der zusammen die junge Frau in ein Sammeltaxi eingestiegen war. Das sind Minibusse, die sowohl innerorts als auch zwischen verschiedenen Städten auf den immer gleichen Strecken Fahrgäste transportieren. Özgecan Aslan war auf dem Heimweg von der Universität in Tarsus zu ihrem Elternhaus im 30 Kilometer entfernten Mersin. Ihre Kommilitonin war nach ein paar Stationen ausgestiegen.

Wie Ermittlungen später ergaben, wich der 26-jährige Fahrer des Sammeltaxis daraufhin vom Weg ab. Aslan, nunmehr die einzige Kundin des Mannes, beschwerte sich und wehrte sich heftig, als er anhielt und versuchte, sie zu vergewaltigen. Die Studentin setzte ein Tränengasspray ein und zerkratzte dem Angreifer das Gesicht. Der stach zunächst mehrfach mit einem Messer auf die junge Frau ein, um sie dann mit einer Eisenstange zu erschlagen. Der Vater des Täters und ein Freund der Familie halfen anschließend dabei, die Leiche zu einem Flussbett in der Nähe von Tarsus zu bringen und dort teilweise zu verbrennen. Der Leichnam wurde jedoch zwei Tage später entdeckt, die Täter wurden schnell gefasst.

Die Umstände der Tat empfinden viele Menschen in der TĂĽrkei als ebenso widerwärtig wie exemplarisch fĂĽr eine bedrohliche frauenfeindliche Verrohung von Teilen der Gesellschaft. Der mutmaĂźliche Täter stammt aus einer ehemals wohlhabenden konservativen Familie in Tarsus, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten war, weshalb der Mann als Fahrer zu arbeiten begann. Auf seiner Facebook-Seite posiert er immer wieder mit dem Wolfszeichen, das fĂĽr eine mit den Ultranationalisten sympathisierende politische Gesinnung steht. Auf einem weiteren Foto lädt er ostentativ eine Pistole, auch das steht fĂĽr Gewaltbereitschaft und primitive Männlichkeitsrituale. Die hĂĽbsche Studentin war Alevitin, gehörte also einer religiösen Minderheit an, deren Angehörige von rechten Sunniten häufig als irgendwie links und liberal angesehen werden; handelt es sich zudem um alevitische Frauen, gelten diese ihnen als „verfĂĽgbar“.

Die selbstbewusste Ă–zgecan Aslan hat sich mutig gewehrt. Bei seiner Vernehmung gab ihr mutmaĂźlicher Mörder zu Protokoll, sie habe „sein Gesicht in StĂĽcke gerissen“, es habe ganz schrecklich gebrannt. Auf einem Zeitungsfoto ist ein bulliger Mann in Handschellen zu sehen, die Kratzer sind fast nicht mehr sichtbar. Doch gerade solch weinerliche Rechtfertigungen sind es, die viele Menschen in der TĂĽrkei in Rage bringen, weil diese Aussagen Verständnis auslösen sollen. Sie korrespondieren dabei perfide mit der demonstrativ reaktionären Familienpolitik der regierenden konservativ-islamischen „Partei fĂĽr Gerechtigkeit und Fortschritt“ (AKP), die, immer der Stimmung ihrer konservativsten Wähler entsprechend, vor allem Entschuldigungen fĂĽr die Täter sexueller Ăśbergriffe findet.

Angesichts der allgemeinen Empörung beeilte sich Präsident Recep Tayyip Erdoğan, den Mord öffentlich als zutiefst verabscheuungswĂĽrdig zu verurteilen. Seine Töchter eilten zum Kondolenzbesuch zu Aslans fassungsloser Familie. Dennoch lieĂź man wieder einmal die Bemerkung folgen, dass es muslimischen Männern obliege, ihre Frauen zu schĂĽtzen. Im Klartext: Wäre die junge Frau nicht alleine mit dem Sammeltaxi gefahren, dann wäre ihr nichts passiert. Der Minister fĂĽr Verkehr und Kommunikation, LĂĽtfi Elvan, forderte, ab sofort dĂĽrften Männer unter 26 Jahren nicht mehr als Sammeltaxifahrer tätig sein. Diese Bemerkung rĂĽckt den grausamen Mord in die Ecke einer JugendsĂĽnde. Sie legt nahe, dass Männer unter 26 Jahren durch die Präsenz einer jungen Frau im öffentlichen Verkehrssystem allgemein gefährdet sind, zu Vergewaltigern und Mördern zu werden.

Seit den Gezi-Protesten im Sommer 2013 gingen nicht mehr so viele Menschen im ganzen Land auf die StraĂźe.

Überall in der Türkei strömten Frauen wie Männer in der vergangenen Woche auf die Straße und protestierten. Özgecan Aslans Foto hängt in Bussen, viele Sammeltaxifahrer solidarisierten sich mit dem Opfer, ein Unternehmer schaltete sogar eine Fernsehwerbung in ihrem Namen. In den konventionellen Medien und auch in den sozialen Netzwerken steht der Name Özgecan Aslan nunmehr als Symbol für die Sehnsucht nach einer modernen, aufgeklärten Türkei, in der Frauen als selbständige Teilnehmerinnen am öffentlichen Leben geschützt werden und Gewalt gegen sie gesamtgesellschaftlich geächtet wird.

Die Realität sieht derzeit anders aus. Bereits im ersten Monat dieses Jahres wurden 29 Frauen von Männern ermordet. Jede dritte Frau in der TĂĽrkei erlebt in ihrem Leben häusliche Gewalt. 28 Prozent der tĂĽrkischen Männer befĂĽrworteten bei einer Umfrage 2013 Gewalt gegen Ehefrauen und halten dies fĂĽr normal und nötig. 34 Prozent sahen dies ebenso, Gewalt sei aber „nur gelegentlich notwendig“. 118.014 Frauen erstatteten 2014 Anzeige wegen häuslicher Gewalt, 2013 waren es 82.205. Die Dunkelziffer ist hoch, denn viele Frauen meiden aus Angst oder Scham den Weg zur Polizei.

Die Politik gibt immer wieder falsche Signale. Regelmäßig äuĂźern AKP-Politiker gängige konservative Klischees, die sie mit angeblichen Volkswerten oder der Religion legitimieren. So rĂĽgte Erdoğan den Proteststil der Frauen nach der Ermordung Aslans: Tanzen auf Demonstrationen sei pietätlos und der Feminismus passe nicht zur tĂĽrkischen Kultur. Das ist unhistorisch und falsch, denn bereits in der Endphase des osmanischen Reichs gab es eine starke Frauenbewegung, die eine Abschaffung der Mehr-Ehe, Frauenwahlrecht und andere BĂĽrgerrechte forderte. Sie bereitete das Fundament fĂĽr die relativ frĂĽhe Gewährung von BĂĽrgerrechten inklusive des Wahlrechts fĂĽr die TĂĽrkinnen in den DreiĂźigerjahren.

Das Gefasel der alten Männer birgt aber vielleicht auch eine Chance, denn selbst islamisch-konservative Frauenrechtlerinnen beginnen sich zu wehren. Die Autorin Yıldız Ramazanoğlu etwa fragte spöttisch auf Twitter, wann und wo der Prophet denn von Reiseregeln fĂĽr Frauen im Sammeltaxi gesprochen habe. Als der stellvertretende Ministerpräsident BĂĽlent Arınç vergangenen Sommer gesagt hatte, lautes Lachen von Frauen in der Ă–ffentlichkeit sei ungebĂĽhrlich, empörte das auch viele Konservative. Auf sämtlichen Protestmärschen fĂĽr Frauenrechte sind alle ideologischen Richtungen vertreten. Die prominente Feministin und Anwältin Canan Arın vom unabhängigen Frauenhaus-Projekt „Lila Dach“ unterstreicht, dass der Anstieg von Gewalt in den Familien auch mit der stärkeren Präsenz von Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft zu tun habe.

Verschiedene gesellschaftliche Organisationen haben nun fortlaufende Protestkampagnen angekündigt. Derzeit bilden sich anlässlich von Nachrichten über frauenfeindliche Vorfälle spontan Proteste, die bisweilen die Form eines Happenings annehmen. Vor einer Woche wurde bekannt, dass eine Konrektorin an einem Gymnasium in Antalya Schüler dazu anstiften wollte, Mitschülerinnen zu belästigen, die Miniröcke tragen, damit sie sich anders kleiden. Diese seltsame Pädagogik wurde am Samstag von Tausenden Männern karikiert, die auf dem Istiklal-Boulevard im Istanbuler Zentrum Taksim in Miniröcken flanierten und ihre Solidarität mit den Frauen zum Ausdruck brachten.

Der Kampf um Frauenrechte könnte verschiedene miteinander konkurrierende Fraktionen einen. Eine solche Funktion hatte das Thema bereits in den Achtzigerjahren nach dem Militärputsch. Da alle anderen Themenkomplexe verboten waren, erstarkte die feministische Bewegung und setzte sich gleichzeitig fĂĽr mehr demokratische Rechte ein. Auch im Kampf der Kurden gegen den „Islamischen Staat“ spielen Frauen derzeit eine wichtige Rolle. In den kommenden Monaten wird sich zeigen, ob die Opposition in der Lage ist, dieses Thema im Wahlkampf fĂĽr die Parlamentswahlen im Juni zu nutzen.

Sabine KĂĽper-BĂĽsch arbeitet als Journalistin und berichtet fĂĽr die woxx vorwiegend aus der TĂĽrkei. Sie lebt in Istanbul.

Dat kéint Iech och interesséieren

INTERGLOBAL

Syrien: Das Misstrauen bleibt

Viele syrische Kurd*innen sind im Rahmen eines Abkommens mit der Übergangsregierung in ihre Häuser zurückgekehrt. Auch die kurdischen bewaffneten Kräfte sind nun eigenen Angaben zufolge dem syrischen Staat unterstellt. Doch das Verhältnis zur Regierung bleibt angespannt.

INTERGLOBAL

Ecuador: Krabbenkultur kontra Kleinbauern

Der Garnelenexport in Ecuador boomt und sorgt für einen bescheidenen wirtschaftlichen Aufstieg des Landes. Doch der aufblühende Wirtschaftszweig geht mit der Zerstörung bäuerlicher Lebensgrundlagen einher. Die woxx hat landwirtschaftliche Kollektive besucht, die sich wehren.

INTERGLOBAL

Italie : Le racisme tue et ne se cache plus

En Italie, une série de faits divers, un hommage rendu par Meloni à un ancien fasciste ou encore un nauséabond débat sur la « remigration » témoignent, ces derniers mois, d’un racisme décomplexé qui atteint toutes les couches de la société.

INTERGLOBAL

Kolumbien: Unruhiger Ăśbergang

In Kolumbien ist aus der Regierungsübergabe an den Sieger der Präsidentschaftswahl, den rechtsextremen Abelardo de la Espriella, ein öffentlicher Schlagabtausch geworden. Beide politischen Lager stellen die Legitimität des jeweiligen Gegners mit unhaltbaren Unterstellungen in Frage.