Aus kleinen Brüchen kann großartige Kunst entstehen. Jüngstes Beispiel ist das Album „A Welcome Kind of Weakness“ von Noah Weinman aka Runnner.

Noah Weinman aka Runnner macht dem Namen seines musikalischen Soloprojekts alle Ehre und gibt auf seinem aktuellen Album ordentlich Gas. (© Maya Ragazzo)
Mit seinem neuen Studioalbum liefert der Singer-Songwriter Noah Weinman unter seinem Künstlernamen Runnner eine intime Bestandsaufnahme seines Gemütszustands – und gibt sich gewohnt anschlussfähig. Trennungsbedingter Herzschmerz, eine gerissene Achillessehne, drei Monate ans Bett gefesselt. Zugegeben, eine positive Jahresbilanz sieht anders aus. Diese bittere Erfahrung musste Weinman 2022 machen. In der Zeit wird die Arbeit an „A Welcome Kind of Weakness“ für den Indie-Musiker zu einem Ventil, um seinem Ärger Luft und aus der Not eine Tugend zu machen. Modus: Krisenbewältigung. Ergebnis: Krise erfolgreich überstanden. Seine Stärke spielt der US-Musiker auf seinem aktuellen Album gekonnt aus, indem er sich auf ein Fundament aus klugem und gefühlvollem Songwriting stützt.
Bereits seine vorherigen Veröffentlichungen (unter anderem „Always Repeating“, „Starsdust“ und „Like Dying Stars, We‘re Reaching Out“) überzeugten durch atmosphärische LoFi-Sounds und melancholische Texte. Mit seiner neuen Platte knüpft er nahtlos an dieses Konzept an, ohne jedoch bereits Bekanntes wiederzukäuen. Dafür gehen die Songtexte in ihrer Dringlichkeit zu sehr unter die Haut; sind die von ihm besungenen Risse, die Körper und Geist durchziehen, zu tief.

(© Maya Ragazzo)
Zum lieblichen Klang seiner Akustikgitarre erzeugt er eine Bandbreite an wirkungsvollen Stimmungsbildern. Damit reiht er sich in die lange Tradition von Singer-Songwriter*innen wie Andy Shauf („Darker Days“) und Bon Iver („For Emma, Forever Ago“) ein. Fokussierte er sich zu Beginn seiner Karriere auf das klassische Indie-Folk-Handwerkszeug, setzt er auf seinem neuen Album eigene Trademarks und erweitert mit den elf neuen Songs sein Repertoire. Flackerten früher im Hintergrund Blasinstrumente und Banjos auf, dominieren jetzt schimmernde Synthesizer und Pedal-Steel-Gitarren. Weinman löst sich damit vom Klischee des ewigen Lagerfeuersängers mit Klampfe und Mundharmonika und festigt seinen Status als versierter Multiinstrumentalist.
In „Get Real Sleep“ erzählt er mit Falsettstimme zu einem krachenden Schlagzeugbeat vom nächtlichen Gedankenkarussell, in „Split“ mündet sein Singer-Songwriter-Ansatz in einer poppigeren Soundkulisse; sonnig, enthusiastisch. Seiner Liebe zum Folk bleibt er trotzdem treu, ebenso dem Hang zu musikalischen Sprüngen in die Vergangenheit. Spielerisch wechselt er zwischen den übergroßen Rock-Posen der 1980er-Jahre und dem Sound der 2000er-Jahre à la Coldplay hin und her.
Auch textlich arbeitet sich Weinman auf „A Welcome Kind of Weakness“ lustvoll an der Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Gegenwart ab – vorrangig an seiner eigenen. Daran besteht spätestens nach „Coinstar“ kaum noch ein Zweifel. Die Gitarren sind auf Anschlag, inhaltlich kreist der Song um die Frage: Wie viele Einzelbilder braucht es, bevor aus einem Leben eine ganze Geschichte wird? Einer abschließenden Antwort verweigert sich Weinman konsequent, die müssen die Hörer*innen selbst finden. Klar ist allerdings: Kleine Brötchen werden bei Runnner nicht gebacken. Stattdessen wird im Akkord geklotzt, nicht gekleckert. Die einzige Ausnahme ist „Untitled October Song“. Hier nimmt Weinman für den Bruchteil einer Sekunde die Füße vom Gaspedal, um von den Irrungen und Wirrungen des Alltags zu erzählen und den Frontal-Crash mit dem eigenen Leben mit einer ähnlich präzisen Hingabe wie Sam Beam alias Iron & Wine („The Shepherd’s Dog“) zu besingen. Die Gefühlspalette an emotionalen Höhen und Tiefen spielt er einmal von vorne bis hinten durch. Dekadent, subtil in seinen Arrangements und mit dem versöhnlichen Fazit am Ende: Nach jeder Krise tut sich irgendwann der Himmel auf.

