Die weltweit gröĂte Weltmusikmesse Womex fand dieses Jahr im finnischen Tampere statt. Auf 60 Showcase-Kurzkonzerten zeigten KĂŒnstler*innen verschiedenster Herkunft, wie spannend anders Musik aus ihren HeimatlĂ€ndern klingt, sei es akustisch oder mit elektrischen Instrumenten prĂ€sentiert. Hier einige Höhepunkte.
Die gröĂte Branchenveranstaltung der Weltmusikszene wartete auch dieses Jahr mit einigen Highlights auf. So traten in Tampere einige alteingesessene KĂŒnstler*innen auf, die eine lĂ€ngere Pause eingelegt hatten. Das finnische Power-Frauentrio VĂ€rttinĂ€, das wĂ€hrend seiner 38-jĂ€hrigen Karriere mit karelischen Liedern in Finnland sogar die Pop-Charts erobert hatte, kehrte mit einem fulminanten Auftritt bei der Womex-Eröffnung zurĂŒck und prĂ€sentierte sein neues Album. The Klezmatics aus New York City feierten ihrerseits live ihr vierzigjĂ€hriges Bestehen und kĂŒndigten ein neues Album an. Sie gelten als Modernisierer*innen des Klezmers, weil sie die zuvor etwas verstaubt klingende Musik der osteuropĂ€ischen JĂŒd*innen mit druckvollem Einsatz von E-Bass und Schlagzeug in die heutige Zeit holten.

Music made in Mali: Mit ihrer Gruppe Les Etoiles de GaranĂĄ sorgte Kankou KouyatĂ© fĂŒr gute Stimmung im Konzertsaal. (Foto: Willi Klopottek)
Weitere KĂŒnstler*innen, die auf eine lange Karriere zurĂŒckblicken können, waren auf den Womex-BĂŒhnen vertreten. So zum Beispiel Noura Mint Seymali aus Mauretanien, die in diesem Jahr den alljĂ€hrlich bei der Abschlussveranstaltung am Sonntag verliehenen Womex-Award erhielt. Seymali singt seit 20 Jahren mit starker Stimme und spielt die Winkelharfe Ardin. Als westafrikanische Musikerin und GeschichtenerzĂ€hlerin, Griotin genannt, tritt sie fĂŒr die Rechte von Frauen in einer muslimischen Gesellschaft ein und verbindet dabei die tradierte mauretanische Musik mit aktuellen Formen. Die alte Tidinit-Laute sowie E-Gitarre, E-Bass und Drums aktualisieren den Sound. WĂ€hrend ihres Auftritts tanzte der Saal. Der kapverdische Musiker Mario Lucio, der exakt eine Woche zuvor im EttelbrĂŒcker CAPE geglĂ€nzt hatte, brachte in Finnland das Publikum ebenfalls zum Tanzen. Lucio hatte mit seiner frĂŒheren Gruppe Simentera schon in den 1990er-Jahren mit Musik, die den Genres Morna und FunanĂĄ zugeordnet wird, Aufsehen erregt. Er war sogar von 2011 bis 2016 Kulturminister in seiner Heimat. Eine ĂŒberzeugende RĂŒckkehr auf die BĂŒhne â auch mit einem neuen Album.
Vom SĂŒden in den Norden
Eine andere talentierte SĂ€ngerin aus Westafrika ist Kankou KouyatĂ©, eine Nichte des berĂŒhmten Musikers Bassekou KouyatĂ©. Mit ihrer Gruppe Les Etoiles de GaranĂĄ verband KouyatĂ©, die sich in ihren Texten offensiv fĂŒr Frauenrechte einsetzt, die besten Elemente malischer Musik zu einer Mischung, die Schwung in den Konzertsaal brachte. Zwei Gruppen aus Lateinamerika spielten die beliebte Cumbia. Die Latingruppe La Santa Cecilia, deren Mitglieder in Mexiko und den USA zu Hause sind, verband sogar verschiedene Latinstile wie Bolero, Tango, aber auch Cumbia in besonders aufregender Weise miteinander. Ausgesprochen markant waren Stimme und BĂŒhnenprĂ€senz der Bandleaderin Marisol âLa Marisoulâ HernĂĄndez. Zwei Acts aus dem nördlichen Europa ĂŒberzeugten durch die besonderen stimmlichen QualitĂ€ten ihrer SĂ€ngerinnen. HildĂĄ LĂ€nsman ist eine finnische SĂĄmi, deren Mutter bereits auf der Eröffnungsveranstaltung mit ihrem Trio ĂĆĄĆĄu beeindruckte. LĂ€nsman hatte schon vor sechs Jahre die Musikmesse in Tampere im Duo eröffnet. Danach experimentierte sie mit verschiedenen Formationen. Bei ihrem diesjĂ€hrigen Konzert hatte sie, von passenden Visuals unterstĂŒtzt, den Elektroniker Tuomas Norvio an ihrer Seite, der mal atmosphĂ€risch, mal druckvoll den Synthesizer einsetzte. LĂ€nsmans innovativer Joik, diese einzigartige, hochemotionale vokale Ausdrucksform der SĂĄmi, bescherte den aufmerksamen Zuhörer*innen GĂ€nsehautmomente.

HildĂĄ LĂ€nsman ist als SĂ€ngerin und Yoikistin in den Bands VildĂĄ, Solju und GĂĄjanas aktiv. (Foto: Willi Klopottek)
Anders, aber nicht weniger beeindruckend, war das Showcase von The Baltic Sisters, vier Frauen aus Estland, Lettland und Litauen. Drei von ihnen haben sich vor drei Jahren auf der Womex getroffen und sich zu einer kreativen Zusammenarbeit entschlossen. Die drei LĂ€nder haben gemeinsam, dass dort weiblicher A-cappella-Gesang tief verwurzelt ist. Zum Quartett erweitert um eine SĂ€ngerin, die auch die Kastenzither Kannel beherrscht, haben sie ihr neues Album prĂ€sentiert, in dessen Mittelpunkt litauische SutartinÄs-Lieder stehen. Ein ganz feines Gesangsquartett, das Polyphonie perfekt beherrscht und hier und da von dezenten ZitherklĂ€ngen verstĂ€rkt wird. Sie zogen das Publikum in ihren Bann.
Asiatische KlÀnge
Wie immer auf der Womex waren auch diesmal KĂŒnstler*innen aus Asien zu erleben. Die Familie der iranischen SĂ€ngerin Liraz wanderte 1970 nach Israel aus. Liraz, die bereits drei Platten veröffentlicht hat, prĂ€sentierte mit starker BĂŒhnenprĂ€senz und einer rockigen Band im RĂŒcken Lieder, die inspiriert sind von der populĂ€ren Musik in Iran, bevor sie von den Mullahs verboten wurde. In der traditionellen Musik Koreas spielen verschiedene Formen der Wölbbrettzither eine wichtige Rolle. Die beiden Frauen des Duos Dal:um spielten eine Zither in höherer Stimmung und eine mit Basssaiten, die mit einem Stöckchen angeschlagen werden. Schwer beeindruckend war ihr avantgardistisch anmutendes Spiel, bei dem sie elegische Sequenzen mit treibenden, perkussiven Phasen verwoben. Eine ganz seltene Chance, Musik aus China zu erleben, war das Showcase der in der Provinz Yunnan beheimateten jungen Gruppe Manhu mit vier Instrumentalisten und einer SĂ€ngerin. Ihre Version traditioneller Lieder des Sani-Volkes klingt auch fĂŒr EuropĂ€er*innen erstaunlich vertraut. Als dann noch ein Schlagzeug eingesetzt wurde, mutierten die Lieder vollends zu chinesischem Folkrock, der fĂŒr Stimmung im Saal sorgte.
Auch in ihrem 31. Jahr zeigte die Womex, dass jenseits der ausgetretenen Pfade der internationalen Musikindustrie die Weltmusikszene weiterhin höchst lebendig ist, sowohl in ihrer traditionellen akustischen AusprĂ€gung als auch in ihrer elektronischen Variante. WĂŒnschenswert wĂ€re, dass die eine oder andere Band ĂŒber kurz oder lang auch auf Luxemburger BĂŒhnen zu erleben wĂ€re.

