Antisemitismus in der KPD: „Nicht die Beschützer des jüdischen Kapitals“

In seinem neuen Buch „Gegen den Geist des Sozialismus“ untersucht der Historiker Olaf Kistenmacher ebenso akribisch wie aufschlussreich die Judenfeindschaft in der Kommunistischen Partei Deutschlands während der Weimarer Republik.

„Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie“: Die KPD-Parteifunktionärin Ruth Fischer auf einer Veranstaltung im Sommer 1923. (Foto: Wikimedia)

Was ist das Ziel der kommunistischen Revolution: Befreiung der Arbeit oder Befreiung von der Arbeit? Oder anders gefragt: Gibt es in der klassenlosen Gesellschaft noch ein Proletariat?

Lenin formuliert in „Staat und Revolution“, das Proletariat werde „alle Klassenunterschiede und Gegensätze“ abschaffen und damit „sich selbst als Proletariat“ aufheben. Vor hundert Jahren, 1923, erinnerte einer der Mitbegründer und bedeutendsten Vertreter des Neomarxismus, Georg Lukács, in „Geschichte und Klassenbewußtsein“ an dieses Ziel: „Der revolutionäre Sieg des Proletariats ist also nicht wie bei früheren Klassen die unmittelbare Verwirklichung des gesellschaftlich gegebenen Seins der Klasse, sondern wie dies schon der junge Marx erkannt und scharfsinnig hervorgehoben hat: ihre Selbstaufhebung.“ Im Zentralorgan der ehemaligen „Kommunistischen Partei Deutschlands“ (KPD), der „Roten Fahne“ konnten die Redakteurinnen und Redakteure mit Lukács‘ Aufsatzsammlung leider nur wenig anfangen: Es wurde als „kaum verständliches Machwerk eines Geistesspezialisten“ verrissen.

Mit der Weltanschauung und den gesellschaftspolitischen Strukturen der KPD in der Zwischenkriegszeit hat sich der Historiker, Philosoph und Publizist Olaf Kistenmacher akribisch auseinandergesetzt. In seiner 2016 veröffentlichten Promotion untersuchte er systematisch auch die judenfeindlichen, antisemitischen und antizionistischen Formulierungen und Ausarbeitungen in der Roten Fahne. Der Freiburger ça ira-Verlag hat nun eine komprimierte und sehr gut lesbare Fassung dieser wissenschaftlichen Arbeit als Essay mit dem Titel „‚Gegen den Geist des Sozialismus‘. Anarchistische und kommunistische Kritik der Judenfeindschaft in der KPD zur Zeit der Weimarer Republik“ herausgegeben.

Unter allen das politische Leben im Deutschland der Weimarer Zeit mitbestimmenden Parteien vermutet der unvoreingenommene Beobachter eine judenfeindliche, antisemitische und antizionistische Ausrichtung bei der KPD wohl am allerwenigsten. Einerseits wurde die Partei, die aus den Reichstagswahlen 1930, 1932 und 1933 jeweils als drittstärkste politische Kraft hervorging, allein schon wegen der Herkunft ihrer führenden Parteimitglieder als „Judenpartei“ diffamiert. Andererseits war der Antisemitismus selbstverständlich nie eine Komponente des Parteiprogramms, im Gegenteil: Antisemitismus bedeutete in den 1920er-Jahren des letzten Jahrhunderts mehrheitlich, den marxistischen Klassenstandpunkt verlassen zu haben. Folgerichtig verwies die Partei in einer ihrer ersten Veröffentlichungen nach dem Gründungsparteitag, die den Antisemitismus zum Inhalt hatte und an Kleinbauern, Häusler und Landarbeiter gerichtet war, dass „Profitgier und Wucher“ nicht auf die „Juden“ zurückgeführt werden könnten.

Diese Haltung wurde jedoch nicht in den politischen Alltag übernommen. So versuchte zum Beispiel die selbst aus einer jüdischen Familie stammende Politikerin Ruth Fischer, eine radikale Vertreterin des sogenannten linken Flügels innerhalb der KPD, auf einer mehrheitlich von rechten Antikommunisten besuchten Parteiveranstaltung im Sommer 1923 ihre Zuhörer und Zuhörerinnen mit folgender „Beweisführung“ für sich zu gewinnen: „Sie rufen auf gegen das Judenkapital, meine Herren? Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine Herren, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es nicht weiß. Sie sind gegen das Judenkapital und wollen die Börsenjobber niederkämpfen. Recht so. Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie. Aber meine Herren, wie stehen Sie zu den Großkapitalisten, den Stinnes, Klöckner …?“

Nie wurde also der Antisemitismus kritisiert, sondern allenfalls dazu aufgefordert, die Hetze gegen das vermeintlich „jüdische“ Finanzkapital um die Agitation gegen das Kapital als Ganzes zu erweitern. So sagte der im linken Flügel der Partei eine führende Rolle spielende Hermann Remmele auf einer Versammlung der „Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei“ (NSDAP) in Stuttgart im selben Jahr: „Sie, die Faschisten, geben nun an, das jüdische Finanzkapital zu bekämpfen. Schön. Tun Sie das! Einverstanden! (Stürmischer Beifall bei den Faschisten.) Aber Sie dürfen eines nicht vergessen, das Industriekapital! (Zuruf bei den Faschisten: „Bekämpfen wir genau so!“) Denn in Wirklichkeit ist das Finanzkapital nichts anderes als das Industriekapital.“ Ähnlich äußerte sich auch Heinrich Brandler, ein Gründungsmitglied der KPD und zwischen 1921 und 1923 deren Parteivorsitzender. Er forderte Anfang 1923 in der Roten Fahne, die KPD müsse den Kleinbauern, Kleinbürgern und Intellektuellen „begreiflich machen, daß nicht nur das verjudete Finanzkapital, sondern noch mehr das arische Industrie- und Agrarkapital“ das Problem sei.

Kistenmacher nennt eine Vielzahl solcher Beispiele. Die jüdischen Mitglieder der KPD und auch der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (USPD) wurden nicht allein mit solch offenem Judenhass aus den eigenen Reihen konfrontiert, sondern auch mit subtileren Formen. 1921 war es immerhin die Rote Fahne, die dies kritisierte: Im „Vorwärts“, der Parteizeitung der SPD, habe man dem KPD-Funktionär und Chefredakteur der Roten Fahne, August Thalheimer, den falschen Vornamen „Abraham“ gegeben. Als Erklärung gab der Autor des Artikels an, bei der SPD machten sich die „hervorstechendsten Merkmale des Kleinbürgertums“ bemerkbar, wozu „notwendigerweise der Antisemitismus“ gehöre. Doch auch die KPD-Parteizeitung bediente sich dieser Strategie, wie Kistenmacher zeigt: So wurde in den Jahren 1923/24 dem stellvertretenden Berliner Polizeipräsidenten Bernhard Weiß wiederholt der falsche Vornamen „Isidor“ gegeben, womit man verdeutlichen wollte, dass Weiß jüdisch sei. Auch von Joseph Goebbels, einem der führenden Nationalsozialisten, wurde der Beamte später regelmäßig so adressiert.

Doch wie kam es zu diesen und weiteren gefährlichen, hasserfüllten antisemitischen Äußerungen und verschwörungsideologischen Darstellungen einer sich originär der Völkerfreundschaft und der politisch-ökonomischen Emanzipation der Menschen verschriebenen politischen Partei?

Für die Bolschewisten, so hebt Kistenmacher zu Recht hervor, verkörperte das Proletariat bereits vor der Revolution die neue Gesellschaft. Es trug sie gewissermaßen in sich, sodass der Sozialismus nur „die Selbstverwirklichung des Proletariats“ sei. „Revolution“ bedeutete für die KPD weniger Befreiung der Menschen von der Lohnarbeit; vielmehr galt es, die Arbeit zu befreien: von den „Schmarotzern und Ausbeutern“. So ist in der Roten Fahne von 1927 zu lesen: „In der Sowjetunion herrscht der Arbeiter!“ Das eigentliche Ziel der kommunistischen Revolution, so wie es Marx in der „Kritik des Gothaer Programms“ von 1875 formuliert hat, wonach jenseits von herrschaftlichen Verhältnissen kooperiert wird – und zwar „jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ – ließ sich auf diese Weise sicher nicht realisieren.

Einerseits grenzte die KPD sich von den rechten nationalistischen Parteien ab; andererseits versuchte sie immer wieder, eine „Identität von nationalem und proletarischem Interesse“ zu konstruieren.

Olaf Kistenmacher legt überzeugend dar, dass die KPD mit diesem glorifizierenden, fetischisierten Verständnis von Arbeit den nationalistischen, antisemitischen Wahnvorstellungen der Nationalsozialisten nicht nur nichts entgegensetzen konnte, sondern diesen einen idealen Nährboden bereiten half. Auch in ihrer Haltung zum Patriotismus, zur Nation, zu Deutschland blieb die KPD die ganze Zeit der Weimarer Republik hindurch ambivalent. Einerseits grenzte sie sich von den rechten nationalistischen Parteien ab; andererseits versuchte sie immer wieder, eine „Identität von nationalem und proletarischem Interesse“ zu konstruieren.

Über die eingangs geschilderte Veranstaltung mit Ruth Fischer berichtete das KPD Zentralorgan im Juli 1923 in aller Kürze, allerdings ohne die antisemitischen Äußerungen wiederzugeben. Überliefert ist das Zitat von Franz Pfemfert, dem Herausgeber der Zeitschrift „Die Aktion“. Er war Gründungsmitglied der KPD, hatte die Partei allerdings bereits nach kurzer Zeit wieder verlassen. Pfemfert vertrat bereits vor dem Ersten Weltkrieg einen antinationalen Standpunkt und kritisierte die KPD wiederholt dafür, sich an den herrschenden Nationalismus anzubiedern. Auch seiner Analyse nach war der Antisemitismus in der KPD ein Symptom dieses Nationalismus. Mit dieser Deutung, so Kistenmacher, stand Pfemfert in der Tradition der von ihm geschätzten Rosa Luxemburg.

In seinem Essay analysiert der Historiker nicht allein die nationalen, antisemitischen Tendenzen der KPD der Zwischenkriegszeit. In einem Rückblick schildert er darüber hinaus auch die Judenfeindschaft in Russland nach der Oktoberrevolution. Weiter gibt er einen Überblick über die pogromartigen antijüdischen Ausschreitungen in Palästina im August 1929 und informiert über das Verhältnis der Palästinensischen Kommunistischen Partei zur KPD-Opposition, einer Abspaltung der KPD, die 1928/29 nicht zuletzt aus dem Streit über den adäquaten Umgang mit dem wachsenden Erfolg der NSDAP entstanden war.

Olaf Kistenmacher: „Gegen den Geist des Sozialismus“. Anarchistische und kommunistische Kritik der Judenfeindschaft in der KPD zur Zeit der Weimarer Republik. Verlag ça ira, 156 Seiten.

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