Antisemitismus in der KPD: „Nicht die Beschützer des jüdischen Kapitals“

In seinem neuen Buch „Gegen den Geist des Sozialismus“ untersucht der Historiker Olaf Kistenmacher ebenso akribisch wie aufschlussreich die Judenfeindschaft in der Kommunistischen Partei Deutschlands während der Weimarer Republik.

„Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie“: Die KPD-Parteifunktionärin Ruth Fischer auf einer Veranstaltung im Sommer 1923. (Foto: Wikimedia)

Was ist das Ziel der kommunistischen Revolution: Befreiung der Arbeit oder Befreiung von der Arbeit? Oder anders gefragt: Gibt es in der klassenlosen Gesellschaft noch ein Proletariat?

Lenin formuliert in „Staat und Revolution“, das Proletariat werde „alle Klassenunterschiede und Gegensätze“ abschaffen und damit „sich selbst als Proletariat“ aufheben. Vor hundert Jahren, 1923, erinnerte einer der Mitbegründer und bedeutendsten Vertreter des Neomarxismus, Georg Lukács, in „Geschichte und Klassenbewußtsein“ an dieses Ziel: „Der revolutionäre Sieg des Proletariats ist also nicht wie bei früheren Klassen die unmittelbare Verwirklichung des gesellschaftlich gegebenen Seins der Klasse, sondern wie dies schon der junge Marx erkannt und scharfsinnig hervorgehoben hat: ihre Selbstaufhebung.“ mehr lesen / lire plus

Buch über den deutschen Arbeitsbegriff: Zum Wohl der Gemeinschaft

Die deutsche Auffassung davon, was Arbeit gesellschaftlich bedeutet, ist eng mit dem Antisemitismus und dem Aufstieg des Nationalsozialismus verbunden. Der Sozialphilosoph Nikolas Lelle hat nun eine Studie zur Wirkungsgeschichte des Begriffs vorgelegt, die bis in die Gegenwart reicht.

Arbeit als Dienst an der Volksgemeinschaft: Die Ideologisierung der Arbeit umfasste auch die Inszenierung und Zuweisung der Geschlechterrollen, wie hier auf dem Titelblatt der nationalsozialistischen Zeitschrift „NS-Frauenwarte“. (Bild: Internet)

Die Vorstellung, dass Deutsche besonders gut, hart, effizient, präzise, tüchtig und fleißig arbeiten – ihre Beziehung zur Arbeit gilt als einzigartig – hat eine lange Tradition und hält sich bis heute. Besonders wirkmächtig war dieser Topos zur Zeit des Nationalsozialismus. mehr lesen / lire plus

Durchsuchung bei Radio Dreyeckland: Jenseits aller Verhältnismäßigkeit

Die polizeiliche Durchsuchung von „Radio Dreyeckland“ Mitte Januar sollte vermutlich auch dazu dienen, die Nutzer*innen des ältesten Freien Radios in Deutschland auszuspähen.

Wurde Mitte Januar polizeilich durchsucht: „Radio Dreyeckland“, eines der bekanntesten Freien Radios 
in Deutschland. (Foto: Internet)

„Die beschlagnahmten Gegenstände haben wir, nachdem alle Daten von der Staatsanwaltschaft kopiert worden sind, wieder zurückerhalten“, sagt Andreas Reimann, einer von zwei Geschäftsführern des Freien Senders „Radio Dreyeckland“, am Montag in Freiburg bei einer Pressekonferenz. Noch immer ist man fassungslos angesichts der Hausdurchsuchung Mitte Januar und spricht von „vollständig überzogenen Maßnahmen jenseits aller Verhältnismäßigkeit“ (siehe den Artikel „Repression gegen Radio Dreyeckland“ in woxx 1719). mehr lesen / lire plus

Aufklärung als gesellschaftliche Praxis: Über die Zerstörung der Vernunft

Wahrheit war nie eine bloß theoretisch-gedankliche, sondern eine zutiefst praktische Idee – dies zu zeigen, ist ein zentrales Motiv in den Büchern des Hamburger Gesellschaftstheoretikers Gerhard Stapelfeldt. Das Bewusstmachen von „unbewusst“ herrschenden Verhältnissen mit dem Ziel einer die Gesellschaft verändernden Praxis erscheint angesichts der jeden Bezug auf die Vernunft dementierenden neoliberalen Ideologie aber schwieriger denn je. Ein Gespräch über die Aufklärung und deren Dialektik.

Haben in ihrem jeweiligen Land eine neoliberale Wirtschaftspolitik eingeführt: Die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher, Bundeskanzler Helmut Kohl und US-Präsident Ronald Reagan während des Weltwirtschaftsgipfels 1985 in Bonn. (Foto: EPA/File Germany Out)

woxx: Kapitalismuskritik beschränkt sich heutzutage oft auf die Missbilligung des Neoliberalismus. mehr lesen / lire plus

Kritische Theorie: Wohin die Reise geht

Lange Zeit galt Friedrich Pollock als bloßer Verwalter der „Frankfurter Schule“. Eine umfassende Biographie rückt ihn nun als bedeutenden Gesellschaftskritiker ins Zentrum.

Ein Fabrikantensohn, der das Privateigentum abschaffen wollte; ein Jude, der vom Judentum nichts wissen wollte; ein Professor, der wenig publizierte; ein Ökonom, der sich an der Börse verzockte; ein Kommunist, der den Marxismus für anachronistisch hielt – es sind schillernde Attribute, mit denen sich die Vita des Mitbegründers des Frankfurter Instituts für Sozialforschung (IfS) beschreiben ließe. Doch als Friedrich Pollock am 16. Dezember 1970 im Alter von 76 Jahren in Montagnola im Tessin verstarb, war in einem Nachruf im deutschen Nachrichtenmagazin „Spiegel“ seine Rolle als „Gelehrter“ kaum der Rede wert. mehr lesen / lire plus