April 2024: Willis Tipps

Kapverdischer Stilmix

Nancy Vieira wurde 1975 im westafrikanischen Guinea-Bissau geboren, ein Staat, der im Zuge der „Nelkenrevolution“ in Portugal im gleichen Jahr seine Unabhängigkeit erlangte. Vier Monate nach Vieiras Geburt zogen ihre, dem Führer des antikolonialen Befreiungskampfes Amilcar Cabral verbundenen, Eltern mit ihr auf die Kapverden, die nun ebenfalls vom kolonialen Joch befreit waren. Die traditionelle Musik der Kapverden prägte Vieira; sie gilt heute als eine der bedeutenden Sängerinnen der auf Kapverde verbreiteten Musikrichtung Morna, dessen weltweite Botschafterin Cesaria Evora wurde. 1995 erschien Vieiras erstes Album und nach einer Plattenpause von sechs Jahren ist nun ihre siebte Veröffentlichung Gente (Menschen) erhältlich. Hier finden sich etliche Mornas, aber ebenso Stücke, die Elemente aus der brasilianischen und der Musik Lissabons enthalten, also durchaus nicht nur die Saudade-Melancholie liefern. Als Gastmusiker sind unter anderem der Fado-Star Antonio Zambujo, als auch der ehemalige kapverdische Kulturminister und Gründer der legendären Formation Simentera zu hören. Eine variantenreiche Mischung schöner Lieder, in denen Vieira mit ihrer warmen Stimme glänzt.

Nancy Vieira – Gente – Galileo

Klänge aus Krasnojarsk

Sibirische Folklore transportiert eine ganz spezielle Atmosphäre, die natürlich auch mit den unendlichen Weiten der Region zu tun hat. Die Gruppe Vedan Kolod stammt aus der sibirischen Metropole Krasnojarsk und hat bereits zahlreiche Platten in Russland herausgebracht. Vor kurzem ist ihre vierte internationale Veröffentlichung erschienen. Aufgeklärte Menschen muss man nicht darauf hinweisen, dass nationale Pauschalisierung und Stigmatisierung Unfug sind; in Bezug auf die Mitglieder dieses Trios, die familiär verbunden sind, erst recht. Der Titel Birds verweist auf die mythologische Bedeutung von Vögeln in vielen Kulturen. Dort, wo die Gruppe zu Hause ist, sind Vögel sowohl Symbol der Hoffnung auf Veränderung, stehen aber auch für erzwungene Migration. Die acht Stücke sind traditionell oder eng daran angelehnt, und die Instrumentierung besteht aus Perkussion und einer Vielzahl alter lokaler Instrumente, wie zum Beispiel der in Sibirien heimischen Maultrommel. Besonders die ungewöhnliche Klangfarbe des sibirischen Männer- und Frauengesangs fällt auf. Eine ganz überzeugende Präsentation einer hochinteressanten, hier noch unbekannten Musiktradition.

Vedan Kolod – Birds – CPL Music

Mazzottas apulischer Roots Rock

Diese Frau aus Lecce in Apulien hat nicht nur eine einzigartige Stimme, die von intim bis expressiv reicht, sie mag auch das Experiment: Maria Mazzotta gehörte lange zur Vorzeigegruppe der süditalienischen Folklore, Canzoniere Grecanico Salentino und machte sich dann selbstständig. Sie probiert alles aus, was ihren Gesang begleiten kann, vom Solo-Cello, über Akkordeonunterstützung bis zum vierköpfigen Ensemble. Auf ihrer aktuellen Platte Onde ist es ein Duo, bestehend aus Ernesto Nobili, der seinen Gitarrensound mit zahlreichen Effekten verfremdet und Christiano della Monica, der für Schlaginstrumente und elektronische Klänge zuständig ist. Da geht es teilweise richtig laut zu, aber die musikalische Identität Mazzottas gerät nie ins Hintertreffen. Wie man es schon von ihr kennt, zieht sie auch hier wieder alle Register des emotionalen Ausdrucks von zart bis rau. Jetzt aber, in diesem besonderen Umfeld, beweist sie sich auch als roots-rockende Shouterin. Die Stücke sind dennoch alle ganz aus oder nah an der süditalienischen Tradition, klingen jetzt allerdings neuartig. Egal was Maria Mazzotta anpackt, es ist immer innovativ, erstklassig und voller Emotionen.

Maria Mazzotta – Onde – Zero Nove Nove

Congo Funk!

Die beiden Kongos, die ehemaligen französischen und belgischen Kolonien mit ihren Metropolen Brazzaville und Kinshasa, waren Zentren einer der aufregendsten Musikstile Afrikas, der Rumba Congolaise, auch Soukous genannt. Dieser entstand als lokale Stile zunächst mit kubanischen Elementen und dann auch mit US-Funk und US-Soul verbunden wurden. Die Spezialisten für das Ausgraben von verschollen geglaubten musikalischen Schätzen, Analog Africa, haben jetzt Vinylaufnahmen aus der Zeit von 1969 bis 1882 unter dem Namen Congo Funk! zusammengefasst, die von Rumba-Swing bis zu Funk-Beat reichen. Da finden sich auch Stücke von Soukous-Berühmtheiten, wie Orchestre O.K.Jazz, Tabu Ley et l’Orchestre Afrisa, Les Bantous de la Capitale, Zaiko Langa Langa und von der legendären Sängerin Abeti. Diese Aufnahmen waren in Europa bisher nicht erhältlich gewesen. Dazu kommen Stücke von entdeckenswerten Gruppen. Das Album ist der reine Groove-Spaß, der Neugierige überzeugen und auch Kenner*innen viel Freude machen wird.

V.A. – Congo Funk! – Analog Africa

Transglobal World Music Chart April – Top 20

1. Lina · Fado Camões · Galileo Music Communication
2. Aziza Brahim · Mawja · Glitterbeat
3. Maria Mazzotta · Onde · Nove Nove Zero
4. Sahra Halgan · Hiddo Dhawr · Danaya Music
5. Aynur · Rabe · Dreyer Gaido
6. Tarek Abdallah & Adel Shams El Din · Ousoul · Buda Musique
7. Natascha Rogers · Onaida · Nø Førmat!
8. Les Amazones d’Afrique · Musow Dance · Real World
9. Otava Yo · Loud and Clear · ARC Music
10. Amsterdam Klezmer Band · Bomba Pop · Vetnasj
11. Ana Lua Caiano · Vou Ficar Neste Quadrado · Glitterbeat
12. Shakti · This Moment · Abstract Logix
13. Mari Boine & Bugge Wesseltoft · Amame · By Norse Music
14. Yīn Yīn · Mount Matsu · Glitterbeat
15. Ary Lobo · Ary Lobo 1958-1966 · Analog Africa
16. Cara de Espelho · Cara de Espelho · Locomotiva Azul
17. Maliheh Moradi & Ehsan Matoori · Our Sorrow · ARC Music
18. Nancy Vieira · Gente · Galileo Music Communication
19. Bombino · Sahel · Partisan
20. Ëda Diaz · Suave Bruta · Airfono

Die TWMC TOP 20/40 bei: www.transglobalwmc.com, Facebook „Mondophon auf Radio ARA“ und woxx.lu

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