Auf Apple TV: Boys’ State

Jeden Sommer treffen sich in Texas 1.000 junge Männer, um sich in Staatsführung zu üben. Amanda McBaine und Jesse Moss haben über diese „Boys’ State” genannte Tradition einen gleichnamigen Dokumentarfilm gedreht.

Er träumt von einer Karriere bei der CIA oder dem FBI: Ben Feinstein ist einer der Protagonisten, der am stärksten polarisiert. (Foto: YouTube)

Sie heißen René, Robert, Steven, Ben und Eddie, sind 17 Jahre alt und die vermeintliche Zukunft der amerikanischen Politik. Im Sommer 2018 nahmen sie an dem „Boys’ State” genannten Programm teil, das schon namhafte Politiker wie Bill Clinton oder Dick Cheney durchliefen. Es gibt übrigens auch ein entsprechendes Programm für Mädchen, aber die Regisseur*innen Amanda McBaine und Jesse Moss interessieren sich in ihrem Dokumentarfilm „Boys’ State” lediglich für das männliche Pendant. Der Grund: 2017 sorgte Boys’ State für einen landesweiten Skandal, als es die Trennung Texas’ von den Vereinigten Staaten votierte. Man gelobte Besserung. McBaine und Moss wollten sich ansehen, wie die Nachwuchspolitiker mit ihrer Verantwortung umgehen.

Klingt nicht besonders spannend? Ist es aber. Nicht nur weil sich im Lauf des Films die Konfrontation zwischen dem links-liberalen Flügel und den konservativeren Kräften dramatisch hochschaukelt, sondern auch weil „Boys’ State” ungewohnte Einblicke in die amerikanische Politik erlaubt. Die jungen Männer sollen sich in zwei fiktive Parteien aufteilen: die Föderalisten und die Nationalisten. Sie müssen Gesetzesentwürfe verfassen und darüber abstimmen und jede Partei muss ihre eigene Führungsspitze wählen.

Steven Garza, der Sohn mexikanischer Immigrant*innen, tritt an, um den höchsten Posten des Gouverneurs zu erringen. Garza ist die zentrale Figur des Films, ein unscheinbarer Junge, der sich aber als begnadeter Redner herausstellt und als einer der Einzigen eine politische Vision hat: „Compromise”. Er möchte das gespaltene Amerika wieder vereinen, indem sich die Amerikaner*innen auf ihre Gemeinsamkeiten konzentrieren, anstatt darauf, was sie entzweit.

Wer aber gewählt werden will, der muss vor allem den anderen Boys das erzählen, was sie hören wollen. Und das sind augenscheinlich vor allem zwei Dinge: Schwangerschaftsabbrüche müssen verboten und Waffenbesitz erlaubt werden. Sprachlos hört man zu, wie Gouverneurskandidat Robert MacDougall das johlende Publikum mit Pro-Life-Slogans anheizt, nur um abseits zuzugeben, dass er diese Ansichten selbst gar nicht teilt. Boys’ State und die Politik im Allgemeinen sind für ihn ein Spiel, es geht darum zu gewinnen. Umso überraschender ist es, wie er nach verlorener Schlacht seinen Konkurrenten Steven voll und ganz unterstützt.

Auch für Ben Feinstein ist Politik ein Spiel, aber eines, das er sehr ernst nimmt. Der junge Mann hat als Kind durch eine Meningitis-Erkrankung beide Beine verloren und kämpft mit bemerkenswertem Einsatz für seine Ziele. Allerdings setzt er dabei zweifelhafte Methoden ein. Als Feinstein herausfindet, dass der politische Gegner Garza an einer Anti-Waffen-Demo teilgenommen hat, schlachtet er diese Neuigkeit gnadenlos aus. Dabei schreckt er nicht vor schmutzigen Tricks zurück, er manipuliert, mobbt Garza im Internet und nimmt sich dabei ein Beispiel am noch amtierenden US-Präsidenten. „He’s a fantastic politician”, sagt Boys’ State-Teilnehmer René Otero über Feinstein, „but I don’t think a fantastic politician is a compliment either.”

Die Regisseur*innen urteilen nicht, sie beobachten. Sie erlauben den Zuschauer*innen, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Das Ende soll hier nicht verraten werden, aber so wie Trump sogar den unbeliebten George W. Bush noch sympathisch wirken ließ, könnte es gut sein, dass man sich in ein paar Jahren, wenn es einige dieser Jungs tatsächlich nach oben schaffen sollten, noch mal nach dem „real Donald Trump” zurücksehnen wird.

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