Backcover: Nora Wagner und Kim El Ouardi

Am 2. Mai ging es von Esch aus los: Zusammen mit einer Gruppe von Künstler*innen starteten Nora Wagner und Kim El Ouardi ein nomadisches Filmprojekt quer durch Luxemburg. Vor ihrer Abreise trafen sich die beiden mit der woxx, um über kollaborative Werke, ressourcenschonende Prozesse und fehlende Gemeinschaft zu reden.

Im Juli und September illustrieren Performance-Künstlerin Nora Wagner und Filmemacher Kim El Ouardi die Backcover der woxx. (Copyright: Nora Wagner)

woxx: Im Mai beginnt Ihr nomadisches Projekt während dessen Sie gleichzeitig die Juli- und September-Backcover der woxx gestalten werden. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?

Nora Wagner: Sie ist vor fünf Jahren ganz organisch zustande gekommen. Anfangs haben wir uns mit unseren jeweiligen Projekten gegenseitig geholfen, mit der Zeit haben wir dann angefangen, gemeinsame Projekte zu gestalten. Das Ganze ergab sich auch aus der gemeinsamen Lust zu experimentieren und Projekte zu entwerfen, die mit weniger Budget auskommen. Im Filmprojekt kommt viel zusammen, das uns allen beiden wichtig ist.

Kim El Ouardi: Für mich sind der Wald und das Wandern in den letzten Jahren zu einem wichtigen Teil meines Lebens geworden. Mich zieht es immer irgendwo hin. Oft weiß ich nicht, was ich suche, doch ich merke, wie ich mich auf den Weg machen will. Wie auch im „Roadmovie‟, ist der Weg eigentlich das, wonach ich suche. Das macht auch unser kollaboratives nomadisches Projekt aus.

Was kann man sich unter einem nomadischen Projekt vorstellen?

N.W.: Es gibt einen roten Faden: Wir wissen, es soll ein Film dabei entstehen ‒ dieses „Roadmovie‟, das uns auf der Spur hält. Den Film drehen wir zusammen mit den Leuten, denen wir auf unserer Reise begegnen. Die Geschichte entwickelt sich, indem wir wandern und immer wieder Menschen begegnen. In dem Sinne ist das Projekt nomadisch, weil es diese Bewegung braucht, um sich weiterzuentwickeln und etwas zu werden. Unterwegs machen wir an zehn verschiedenen Stationen halt ‒ Institutionen, Museen und sozialen Strukturen ‒ wo wir eine Woche lang mit Leuten, vor allem Jugendlichen, zusammen eine Szene des Filmes schreiben. Zu jeder Szene stößt ein*e neue*r Künstler*in oder eine Gruppe von Künstler*innen dazu, sodass sich die Parameter ständig ändern, neue Elemente dazukommen und man seinen Platz in der Gruppe immerzu neu finden muss. Das ist auch eine Quintessenz des Nomadismus: Sich in einer neuen Lage schnell zurechtfinden zu müssen.

Nach welchen Kriterien wurden die Stationen ausgesucht?

N.W.: Uns war es wichtig, dass sie für die gleichen Werte stehen. In den sozialen Strukturen geht es uns darum, den Leuten, denen sonst nicht zugehört wird, eine Stimme zu geben und ihnen einen Raum zu bieten, wo sie nicht stigmatisiert werden, sondern die Geschichten erzählen können, die sie wollen.

Die Reise fängt in der Kulturfabrik in Esch an, geht in den Norden Luxemburgs und durch ein paar belgische Grenzstädte, bevor sie wieder in Esch endet. Vier Monate lang, das Ganze zu Fuß. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

N.W.: Ich hatte 2015 schon ein Projekt gemacht, für welches ich sechs Monate lang durch Europa gereist bin, Ausstellungen gestaltet und Workshops mit Leuten gemacht habe. Dieses ursprüngliche Projekt hat mir so viel Reichtum und Komplexität offenbart, dass ich immer noch über die gleichen Problematiken nachdenke. So etwa die Auseinandersetzung mit dem Museum als einem elitären Ort, der nicht wirklich zugänglich ist. Ich bin damals der Frage nachgegangen, wie man Kunst aus dem Museum raus in die Öffentlichkeit bekommt. Neu ist die Frage einer zugänglichen Form der Kunst nicht, aber sie ist immer noch aktuell. Das nomadische Projekt ist unsere Antwort darauf: Dann gehen wir eben einfach auf die Leute zu. Und da wir zu Fuß unterwegs sind, ist klar, dass wir für die Leute auch ansprechbarer sind.

(Copyright: Nora Wagner)

Was fasziniert Sie an der Idee, monatelang unterwegs zu sein?

K.E.O: Vieles. Das Unterwegsein, die ganze Zeit draußen in der Natur zu verbringen, mal abzuschalten, um auf andere Weise mit Leuten, die man unterwegs trifft, in Verbindung zu kommen. Ich mag es am liebsten, wenn ich nicht weiß, wohin es geht und was mich erwartet. Das ist hier absolut der Fall: Wir wissen nicht, wem wir alles begegnen werden und was aus den Begegnungen entstehen wird. Ich freue mich darauf, zu sehen, wer wir selbst nach den vier Monaten sein werden.

N.W.: Es ist spannend. Wir werden unseren eigenen Strom produzieren und wissen nicht, ob wir es hinkriegen werden, den Film nur damit zu drehen oder manchmal trotzdem auch ans Netz müssen. Es ist eine bewusste Entscheidung, unsere Ressourcen aufs Minimum zu reduzieren, um uns bewusst zu werden, wie viel eigentlich für einen Film gebraucht wird.

K.E.O.: Wir nehmen nur eine kleine Kiste mit unseren Kleidern mit und neben einigen Mikrofonen, eine Kamera. Da stellt sich dann auch die Frage: Was ist das Minimum?

Was erhoffen Sie sich als Reaktionen vonseiten der Öffentlichkeit?

N.W.: Ich hoffe, dass wir ein Objekt erschaffen, das zum Gespräch anregt und auch in Veranstaltungen gezeigt werden wird, die danach Raum für Diskussionen schaffen. Und dass der Film inspiriert.

Wozu?

N.W.: [kurze Pause] Egal! [lacht]

K.E.O.: Dass er dazu inspiriert, irgendeine gewagte Idee umzusetzen!

N.W.: Etwas Verrücktes zu tun. Das Handy auszumachen, das Netflix-Abo zu kündigen, oder raus in die Natur zu gehen.

K.E.O.: Seine Nachbarn kennenzulernen.

N.W.: Teil einer Gruppe zu werden. Ein Bewusstsein für unseren Konsum und Ressourcenverbrauch zu entwickeln und zu merken, dass man schon mit sehr wenig viel schaffen kann.

K.E.O.: Ja, die Leute sollen Lust darauf kriegen, selbst einen Film zu drehen.

Und was erwartet die woxx-Leser*innen auf den Backcovern, die Sie gestalten werden?

N.W.: Vor allem Collagen: Wir fordern jede*n Künstler*in, der*m wir auf unserer Reise begegnen, dazu auf, selbst einen kleinen Beitrag für die Backcover zu gestalten. Die Jugendlichen, mit denen wir den Film drehen, fragen wir, was sie gerne in einer Zeitung sehen würden. Während der vier Monate werden wir zudem Tagebuch führen. Vielleicht kommen die einen oder anderen Einträge auch auf die Covers. Es sollen viele verschiedene Stimmen aufeinandertreffen und das Projekt gemeinsam dokumentieren.

Nora Wagner hat angewandte Kunst und freie Kunst mit Schwerpunkt Literatur und Philosophie studiert. Ihre ersten Erfahrungen vor zehn Jahren in verschieden Künstler*innenkollektiven fand sie „so bereichernd‟, dass sie seitdem im Austausch arbeitet. Der Wald, Geschichten, Wandern und gesellige Momente wie Kochen spielen eine wichtige Rolle in ihrer Kunst. Diese Elemente sind auch Kim El Ouardi wichtig. Als Jugendlicher entdeckte er die Kunst des Films. „Seitdem ist das Bewegtbild eine Leidenschaft‟. Nach einem Studium in Motion Graphics in Berlin trieb es ihn weg vom Computer und zurück zur analogen Kamera. Seit 2016 arbeitet er als Kameramann, mit dem Bestreben, Filme einfacher und in Gemeinschaft zu erschaffen. Nora Wagners Werke finden sich auf www.norawagner.com und jene von Kim El Ouardis auf www.melange-etrange.net


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