Belgien
: Etwas bleibt immer hängen

Nach dem Attentat auf dem Brüsseler Flughafen gerät ein junger belgischer Unternehmer in den Verdacht, der „Mann mit dem Hütchen“ zu sein. Inzwischen ist das Verfahren eingestellt. Doch er selbst hat schweren Schaden genommen.

Wurde verdächtigt, einer der Brüsseler Attentäter zu sein: Der belgische Unternehmer Adnan Ahmad. (Foto: Tobias Müller
)

Wurde verdächtigt, einer der Brüsseler Attentäter zu sein: Der belgische Unternehmer Adnan Ahmad. (Foto: Tobias Müller
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Wenn Adnan Ahmad vorfährt und aus seinem Auto springt, wirkt er wie ein Jungunternehmer aus dem Bilderbuch. Coffee-to-go-Becher in der Hand, zurückgekämmte Haare, hellgrauer Anzug. Sogleich streift er das Jacket ab und lädt den einzigen Mitarbeiter zu einer Begrüßungszigarette in den Hof ein. Grinsend sagt er: „Wochenlang regnet es, und kaum ist es ein paar Minuten warm, stehen wir im Schatten. Richtige Belgier!“ Dann fällt die Maske. Den Kaffee, sagt Adnan Ahmad, hat er sich zur Beruhigung gekauft. Es ist das erste Mal, dass er wieder hier in seinem Betrieb ist. Und er hofft heute zum letzten Mal über die Ereignisse zu sprechen, die ihm deutlich machten: als „richtigen“ Belgier sieht man ihn nicht. Und das wird sich auch nie ändern.

Was er ist, weiß der 30-jährige Adnan Ahmad, der 1991 mit seinen Eltern aus Pakistan ins flämische Hasselt gekommen ist, allerdings auch nicht mehr. Bis Ende März war seine Existenz klar definiert. IT-Experte, alleinerziehender Vater zweier Töchter, seit 2015 Inhaber des größten Ambulanz-Betriebs in der Provinz Limburg. Dann kam der Sonntag, der alles veränderte. Kurz zuvor, am 22. März, hatten islamistische Terroristen am Brüsseler Flughafen und in der Metro ein Blutbad angerichtet. Am 27. März dann, gegen acht Uhr morgens, liegt Adnan Ahmad noch im Haus seiner Eltern in Hasselt im Bett. Die Töchter sind schon auf und schauen TV. Als jemand mit Wucht gegen die Haustür schlägt, sitzt er senkrecht im Bett.

Die Eltern waren noch wach, als man ihn freiließ. Sie drückten 
ihn an sich und sagten, alles werde gut. 
Nur: das wurde es nicht.

Aus dem Fenster im Flur sieht er, dass draußen Polizisten stehen. Er sucht seine Klamotten zusammen und wundert sich: „Was habe ich mit der Polizei zu tun?“ Die Beamten kündigen eine Hausdurchsuchung an, bereitwillig gibt Ahmad Schlüssel, Autoschlüssel, Portemonnaie und Handy ab. „Worum geht es eigentlich?“, fragt er einen Polizisten. Die Antwort erschreckt ihn: „Du wirst gesucht wegen Terrorismus. Du musst mitkommen.“ Und doch muss er lachen. Wie will jemand ihn und Radikalismus in Zusammenhang bringen?

Noch nicht einmal mit Religion habe er zu tun, erklärt Adnan Ahmad. Die Eltern sind praktizierende Muslime, er selbst aber war seit Jahren in keiner Moschee. Er hat keine muslimischen Freunde, trinkt Samstagabends gerne Whiskey, nennt sich selbst Atheist und Freidenker. Mit zwölf begann er sich selbst ein Bild von der Welt zu machen. „Ich habe mein Leben immer auf Wissen basiert. Und an ein 2.000 oder 1.600 Jahre altes Buch zu glauben, funktioniert nicht für mich. Was nicht heißt, dass ich keinen Respekt für den Glauben anderer hätte.”

Wissen, das war für ihn einst der Ausweg aus einer entbehrungsreichen Kindheit. Er erzählt von einem Computerspiel, das er als Junge hatte. Darin tauchte der Satz „Wissen ist Macht“ auf. Er nahm sich vor, alles über Computer zu lernen. Mit zwölf hatte er den Bestand der öffentlichen Bibliothek durch. Die Schule schloss er nicht ab, trotzdem arbeitete er mit 18 für den größten Web-Hosting-Betrieb der Niederlande. Als Altersgenossen nach dem Schulabschluss anfingen, Bewerbungen zu schreiben, war Ahmad bei Siemens, British Telecom und Dexia ein gefragter Mann.

In seiner Zelle im Keller des Gebäudes der Föderalen Polizei in Hasselt war all das weit weg. Ein Glas Wasser hat er bekommen, die Antidepressiva, die er gegen Stress schluckt, aber nichts zu Essen. Stundenlang wartete er, „ohne zu wissen, wie es mit meinem Leben weitergeht“. Erst, als es beinahe Mitternacht war, führten ihn zwei Beamte in ein Verhörzimmer. „Wo waren Sie am 22. März“, wollen sie wissen. „Das weiß ich nicht. Ich weiß nicht mal, was ich gestern zu Abend gegessen habe.“ Er verweist auf sein Telefon. GPS, Wifi, Bluetooth, alles ist ständig eingeschaltet. Seine Wege nachzuvollziehen, ist ein Leichtes. Die zweite Frage macht ihm Angst. „Sind Sie der Mann mit dem Hütchen?“

Was soll er darauf antworten? „Ich habe kein Hütchen. Ich weiß nichts davon“, sagt er. Was ihn beunruhigt: nicht Verbindung zu Terroristen wirft man ihm vor, oder radikalisiert zu sein. Man verdächtigt ihn, der meist gesuchte Terrorist des Landes zu sein, dessen Foto in diesen Tagen überall zu sehen ist. Ein verschwommenes Foto, über dessen Qualität sich der IT-Experte ereifert. „Wenn sie mich blitzen, bin ich bei Tempo 250 scharf zu sehen. Aber am Brüsseler Flughafen machen sie Bilder wie mit einem Handy im Jahr 2000. Da hat der belgische Staat versagt. Anstatt auf Intelligenz setzt man auf Profilierung. Das ist in meinem Fall geschehen.“

Länger als diese zwei Fragen dauert das Verhör nicht. Adnan Ahmad wird zurück in seine Zelle gebracht. Wenige Minuten später steckt man ihn in einen Polizeibus und lässt ihn vor dem Haus seiner Eltern aussteigen. Ein Beamter nimmt ihm die Handschellen ab. Ohne ein weiteres Wort fährt der Bus davon. Es ist ein Uhr in der Nacht, vielleicht halb zwei.

Wenn Adnan Ahmad seine Geschichte erzählt, folgt an dieser Stelle eine Pause. Man spürt das bleierne Gewicht, das auf ihm liegt. Die Eltern, erinnert er sich, waren noch wach, sie drückten ihn an sich und sagten, dass alles gut wird. Nur: das wurde es nicht. Wenige Stunden nach seiner Rückkehr, es dämmerte bereits, da untersuchen Polizisten die Notfall-Ambulanz, die Adnan Ahmad zu Hause geparkt hat. Türen und Motorhaube öffnen sie und durchsuchen den Krankenwagen auf eine Bombe. Dann fahren sie wieder weg. Klar ist: auch wenn man Ahmad freigelassen hat, glaubt man ihm nicht.

Ein Eindruck, der sich bestätigt, als er am Tag darauf in sein Büro will. Obwohl sie die Schlüssel hatten, haben die Beamten die Türen aufgebrochen, Computer und Papierkram konfisziert, alle Krankenwagen beschlagnahmt, sogar die Privat-Autos aller Angestellten mitgenommen. Mit zwölf, dreizehn Abschleppwägen kamen sie, zwei Beamte in jedem, sie sperrten die Ausfallstraße ab, während Adnan Ahmad in der Zelle saß. Mitarbeiter, die zur Arbeit erschienen, ließen sie mit vorgehaltener Pistole aussteigen.

Aber warum das Ganze? „Am Tag, als ich festgenommen wurde, sollte in Brüssel eine große Kundgebung stattfinden. Es gab einen anonymen Hinweis, dass dort in einem Krankenwagen eine Bombe explodieren sollte.“ Adnan Ahmad lacht bitter. „Eins plus eins ist zwei. Ich bin scheinbar der einzige ‚Braune‘ in Belgien mit einem Krankenwagen.“ Brauner? „Willkommen in Hasselt. So nennen sie mich mein ganzes Leben hier. ‚Brauner Affe.‘ In der Schule ging das los. Jeder, der in einer Autoritätsposition war, sprach mich auf diese Weise an. Auch Beamte der Föderalen Polizei, als ich dort meine Sachen abholen wollte.“

Noch immer hat Adnan Ahmad nicht einmal die Hälfte seiner Besitztümer zurückerhalten. „Ich habe ein eigenes Appartement. Auch dort fand eine Razzia statt. Die Beamten der Computer-Crime-Unit kamen sich wohl wie Kinder im Süßwarenladen vor, mit all der Apparatur, die ein IT-ler so hat.” Ein Inventar der Gegenstände wurde nicht angelegt, weswegen Ahmad sich wochenlang mit den Behörden herumschlagen musste. Schließlich nahm er sich einen Anwalt und reichte Klage ein. „Weil sie mir meinen Besitz nicht zurückgaben, wegen Rassismus, körperlichem Schaden, emotionalem Schaden, Umsatz-Schaden.“

Mittlerweile steht Ahmads Betrieb kurz vor dem Aus. Ein Krankenhaus kündigte die Zusammenarbeit, Partner zahlen die Rechnungen nicht, lange konnte er nicht einmal Rechnungen stellen, weil die Geräte konfisziert waren. Seit er Klage eingereicht hat gegen die Behörden, ist er zudem schon drei Mal verhaftet worden. „Einmal wollte ich ein Sandwich kaufen, hier an der Straße. Ein Polizist kam und fragte mich nach meinem Ausweis. Dann drückte er mich auf den Bordstein, legte mir Handschellen an, meine Kleider waren zerrissen, die Lippe geschwollen, ich hatte eine Wunde am Arm. Ein paar Stunden in der Zelle, dann konnte ich wieder gehen.“

Für Belgien, die Gesellschaft, in die er sich nach besten Kräften integrieren wollte, interessiert sich Ahmad nicht mehr. „Ich habe einen Teil meiner Identität hinter mir gelassen, und einen Teil von hier angenommen. Den haben sie mir wieder weggenommen.“ Bekannte, ehemalige Mitarbeiter und Eltern der Freunde seiner Kinder gehen auf Abstand. „Wo Rauch ist, ist Feuer, denken sie. Terrorismus-Verdacht, das wird man nie wieder los.“ Eine Annäherung an die pakistanische, muslimische Identität der Eltern kommt für ihn auch nicht in Frage. „Ich fange nicht wieder an zu glauben, weil ich ungerechtfertigt festgenommen wurde.“

Ein Wild im Scheinwerferlicht, so fühlt sich Adnan Ahmad in Belgien. Sein Beschluss, weit weg zu gehen, zum Wohle seiner Töchter, steht inzwischen fest. Wenn er sich selbst je wieder als freier Bürger fühlen soll, kann das nicht hier sein. „Dieses Gefühl haben sie mir genommen.“ Was ihn noch umtreibt, ist die Suche nach seinem früheren Ego. „Wie kann ich wieder frei sein, der glückliche, friedliebende Mensch, der ich früher war? Diesen Adnan habe ich verloren.“

Tobias Müller berichtet für die woxx aus Belgien und den Niederlanden. Er lebt in Amsterdam.

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