Brasilien und der Bolsonarismus: „Affekte zwischen Furcht und Hass“

Anfang Oktober wird in Brasilien ein neuer Präsident gewählt. Auch der aktuelle Amtsinhaber Jair Bolsonaro tritt erneut zu den Wahlen an. Wer dessen politischen Erfolg verstehen will, muss einen Blick in die Geschichte des Landes werfen, meint Christian Ingo Lenz Dunker, Psychoanalytiker und Professor am psychologischen Institut der Universität São Paulo, der den „Bolsonarismo“ seit Jahren analysiert.

Würde den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro eher mit Diktatoren des 20. Jahrhunderts vergleichen: der brasilianische Psychoanalytiker Christian Dunker. (Foto: privat)

woxx: In brasilianischen Medien haben Sie die These formuliert, der auf den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro zurückgehende Bolsonarismus habe verborgene faschistische Tendenzen in der Gesellschaft offengelegt. Wie genau meinen Sie das?


Christian Dunker: Dazu müssen wir uns einige Aspekte der brasilianischen Geschichte in Erinnerung rufen: die Sklaverei (diese wurde in Brasilien 1888 abgeschafft; Anm. d. Red.), die Diktatur von Getúlio Vargas (Präsident Brasiliens von 1930 bis 1945 und von 1950 bis 1954; Anm. d. Red.) und den „estado novo“ („Neuer Staat“, der von Vargas 1937 ausgerufen und bis 1945 diktatorisch von ihm regiert wurde; Anm. d. Red.), und schließlich die Diktatur ab den 1960er-Jahren. Diese Ereignisse sind verbunden mit einem sehr konservativen, faschistischen und populistischen Umgang mit sozialen und politischen Themen. Brasilien hatte die zweitgrößte faschistische Partei im Westen (die 1932 gegründete „Ação Integralista Brasileira“ (AIB); Anm. d. Red.) und mit dem „integralismo“ (eine Sammlungsbewegung, aus der sich die AIB rekrutierte; Anm. d. Red.) eine sehr populäre faschistische Bewegung. In den 1960er-Jahren erlebten wir die Rückkehr dieses Faschismus, von Gewalt und Segregation, und dies dauerte 20 Jahre lang an.

Und was passierte danach?


Es gab keinen Versuch, das Geschehene aufzuarbeiten, keine neuen Gesetze, kein Entnazifizierungsprogramm. Brasilien war das letzte Land in Amerika, das eine Wahrheitskommission bekam – aber die war nicht beschaffen wie in Südafrika. Es gab keine Anstrengung, irgendeine Konsequenz aus der Geschichte zu ziehen, keinerlei Diagnose oder wenigstens ein Problembewusstsein. Das entsprach ganz der Tradition der weißen Rechten Brasiliens. Jair Bolsonaro kennt diese Geschichte natürlich. Er war Mitglied des Militärs und nahm während der Diktatur an militärischen Aktivitäten teil. Er ist eigentlich ein Repräsentant dieser alten faschistischen Tradition.

Wie konnte Bolsonaro auf dieser Basis Präsident werden, da die faschistische Strömung in Brasilien an sich ja nicht mehrheitsfähig ist?


Soweit ich es einschätzen kann, gibt es hierzulande nicht mehr als 15 Prozent Faschisten. Um gewählt zu werden, ging er eine Art von Allianz ein mit den Konservativen, Liberal-Konservativen und gewöhnlichen Rechten. So wurde die Tragödie geschaffen, die wir nun erleben.

Was konnte es zu dieser Allianz kommen?


Nach seiner Zeit in der Armee ging Bolsonaro direkt in die Politik. 30 Jahre lang war er Abgeordneter in Rio de Janeiro und im Parlament in Brasilia, aber es gab in dieser Zeit nichts, wodurch er sich auszeichnete. Er agierte sozusagen im Keller der Politik, und von dort aus organisierte er eine Art Revolte. Eine Rebellion des Kellers, von Abgeordneten ohne Macht, ohne Prestige, ohne Stimme. Und als dann 2013 die brasilianische Ökonomie zusammenbrach und es zusätzlich den „lava jato“-Korruptionsskandal gab (deutsch: „Autowäsche“; Name der Kommission, die vor allem gegen Politiker*innen der Arbeiterpartei „Partido dos Trabalhadores“ PT um den ehemaligen Präsidenten und damals erneut kandidierenden Lula da Silva ermittelte; Anm. d. Red.), gelang es Bolsonaro in diesem fragilen Moment, seine Auffassung von Politik zu etablieren.

Wodurch zeichnet sich der „bolsonarismo“ aus?


Er dreht sich um Waffen und Gewalt, eine machistische und aggressive Rhetorik, und er verspricht in einem instabilen Moment Lösungen, die auf gesellschaftlicher Regression basieren: zurück zur Familie, zu den alten Zeiten, zurück zur Militärdiktatur, zu Militärs in der Politik, zur alten Moral. Die Nicht-Faschisten, die Bolsonaro unterstützen, fanden sich in einer Art diskursivem Staatsstreich wieder. Die meisten glauben nicht, dass er tun würde, was er versprach, sei es aus Blindheit oder aus Wunschdenken. Einen Einfluss hatte auch der neue Protestantismus, die evangelikalen Kirchen, die seit dem Ende der Diktatur aufgekommen sind, eine Strömung, mit der Bolsonaro eng verbunden ist. Es ist wichtig dies zu verstehen: wie man die Figur von Jesus Christus quasi mit einem Gewehr waffnen kann, ohne dass die Leute darin ein Pro-
blem sehen.

„Bolsonaro agierte sozusagen im Keller der Politik, und von dort aus organisierte er eine Art Revolte.“

Er wurde doch aber bestimmt nicht allein deshalb Präsident, weil die Leute ihn unterschätzt oder nicht ernst genommen haben?


Ein Merkmal, das dazu kommt, ist Bolsonaros Fähigkeit, eine soziale Bewegung zu schaffen. Und zwar aus Leuten, die sich in einem Art Schlafzustand befanden, die wenig Gehör fanden im öffentlichen Raum. Solche Milieus aktiviert er mit einer sehr symbolischen Art, die Straßen einzunehmen, die einer Revolution sehr nahekommt. Eine rechte Revolution, die proklamiert: Wir müssen in jeder Hinsicht von Null beginnen, eine neue Moral, eine neue Menschheit schaffen, und die brasilianischen Institutionen radikal verändern. Hinzu kommt ein weiteres Merkmal: die Instrumentalisierung des Gefühls von Hass. Bolsonaro operiert mit Affekten zwischen Furcht und Hass.

Wie sieht das konkret aus?


Er sagt: „Wir sind nicht sicher“, „eure Kinder und Familien sind nicht sicher“, „Schulen sind nicht sicher“ und schürt so Ängste. Universitäten sind für ihn Orte unter linker, kommunistischer Kontrolle, und so gibt es viele Orte, die ihm zufolge nicht sicher sind. Und es gibt ja tatsächlich einen Mangel an Sicherheit in Brasilien, Kriminalität und Gewalt, sowie eine Politik, die unzureichend dagegen vorzugeht. Die Leute spüren das. So sagt Bolsonaro in diesem Punkt die Wahrheit, um daraus eine Lüge zu kreieren. Es gibt sehr viel Furcht, und er schafft einen Feind, von dem er eigentlich sagt: „Lasst uns diese Leute umbringen, lasst uns sie eliminieren! Sie sind die Ursache eurer Furcht.“ Auch das charakterisiert diesen neuen Faschismus. Und schließlich ist da noch das Element der Anti-Politik: Politik betreiben außerhalb bzw. vermeintlich gegen die etablierte Politik.

Wie beurteilen Sie Bolsonaro im Vergleich zu Rechtspopulisten in anderen Ländern, mit denen er ja auch zusammenarbeitet? Gibt es etwas, das ihn von diesen unterscheidet?


Ich würde sagen, im Vergleich mit dem ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump und sogar mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist seine Art über Gewalt zu sprechen, Gewalt auch zu gebrauchen, näher an der Praxis des ehemaligen Präsidenten Rodrigo Duterte auf den Philippinen. Die Art, wie Bolsonaro operiert, ist viel primitiver, viel weniger basierend auf zumindest formal demokratischen Institutionen als dies in anderen Ländern mit rechtspopulistischer Regierung der Fall ist . Am Ende könnte er deswegen den Einfluss auf die öffentliche Meinung und die Macht verlieren. Seine schockierende Art, mit Institutionen der brasilianischen Gesellschaft umzugehen, mit den Medien oder den Universitäten, könnte ihn politisch den Kopf kosten. Ich würde ihn also eher mit Diktatoren im altmodischen Sinn vergleichen. Bolsonaro ist selbst für den Club, zu dem er gehört, ein altmodischer Typ.

Kultiviert das Element der Anti-Politik, das sich vermeintlich gegen die etablierte Politik richtet: Der brasilianische Präsident Bolsonaro bei einem der von ihm initiierten Motoradkorsos, hier am 15. April dieses Jahres in São Paulo. (Foto: EPA-EFE/Fernando Bizerra Jr)

Was lässt sich aus Ihrer Sicht noch über den gesellschaftlichen Hintergrund des Bolsonarismus sagen?


Als Psychoanalytiker, der sich in gewisser Weise auch mit Politik beschäftigt, untersuche ich Diskurse im öffentlichen Raum. Dabei sieht man, wie Bolsonaro offen Dinge sagt, die in den vergangenen 40 Jahren in Brasilien nicht gesagt wurden. Eine Rolle spielt auch, dass in den Regierungsperioden von Lula und Dilma Rousseff, also grob zwischen 2003 und 2015, die soziale Mobilität stark zugenommen hat. Viele Leute schafften es aus der Armut in die Mittelschicht, und es gibt viele neue Millionäre in Brasilien. Zu dieser Entwicklung gesellt sich psychisch dann aber auch ein Erfolgsdruck, es kommt zu Enttäuschungen und zu der Einsicht, dass die Welt komplexer ist, als man dachte. Bolsonaro fängt diese Enttäuschung auf.

Wie gelingt ihm das?


Indem er dem PT beispielsweise Betrug vorwirft (Lula ist auch dieses Mal wieder Präsidentschaftskandidat der Arbeiterpartei; Anm. d. Red.). Von diesem Anti-PT-Diskurs zehrt er. Manche sagen, dass er deswegen gewählt wurde. Es ist auch eine klassische gesellschaftliche Situation, die Wilhelm Reich, Theodor W. Adorno, Sigmund Freud und viele andere sozialpsychologisch argumentierende Denker in ihre Analyse des Faschismus in den 1930er-Jahren in Europa einbezogen haben: Diese ist gekennzeichnet durch wirtschaftliche Faktoren wie Inflation, sowie durch instabile und aggressive soziale Beziehungen. In dieser Konstellation gibt es eine Masse von Leuten, die über soziale Netzwerke zum ersten Mal an Politik teilnehmen. Erstmals in der Geschichte erleben wir die digitale Inklusion von Millionen Brasilianerinnen und Brasilianern: Sie beschäftigen sich mit Politik, wie sie das mit Fußball oder Seifenopern tun. Bolsonaro produziert in diesem Zusammenhang einerseits eine Form der Anti-Politik, andererseits bewirkt er eine Super-Politisierung der sozialen Situation Brasiliens.

Bolsonaro verbreitet über soziale Netzwerke täglich zahlreiche Berichte, die seinen unermüdlichen Einsatz für das Wohl des Landes und seiner Bevölkerung demonstrieren sollen. Was hat es mit dieser Form der Kommunikation auf sich?


Das ist ein sehr sensibler Punkt. Es gibt massive Probleme mit der komplexen Bürokratie in Brasilien. Sie ist sehr langsam und hält die Menschen auf Abstand. Bolsonaro bietet dagegen eine Art von direkter Kommunikation mit seinen Anhängern an. Er bringt einen rohen Diskurs in die Politik, mit Schimpfwörtern und dergleichen. Das ist eine Sprache, wie man sie von einem alten Onkel kennt, aus der Bar, dem gewöhnlichen Leben. Damit schafft er einen Effekt von Authentizität. Im Gegensatz zur komplexen, formalen Politik, die man weit weg in der Hauptstadt Brasilia wähnt: Politiker, von denen man nicht einmal weiß, wer sie sind, scheinen dort über das Schicksal der Menschen zu entscheiden.

Sind die „motociatas“, die Motorrad-Korsos, die Bolsonaro in zahlreichen, auch abgelegenen Städten mit seinen Anhängern unternimmt, auch ein symbolischer Protest gegen diese vermeintlich weit entfernte Politik in Brasilia?


Das ist Teil dieses Macho-Image: Bolsonaro als „self-made-man“, als Führerfigur. Dazu kommt: In Brasilien gibt es eine starke Identifikation mit Autos. Bis etwa 2010 war es der Konsumententraum brasilianischer Familien, ein Haus und ein Auto zu kaufen. Die neuen Generationen sind nicht mehr so fasziniert vom Auto, sein Symbolwert sinkt. Motorräder sind nicht das gleiche wie Autos. Sie sind individueller und werden im brasilianischen Inland häufig gekauft. Sie sind so etwas wie ein Pferd, eine Art neues Pferd. Sie transportieren die Vorstellung, ein starker Mann zu sein, alleine gegen die Welt. Sie sind auch billiger als Autos. Und Bolsonaro kann ausdrücken, dass er selbst das Gesetz verkörpert: Manchmal trägt er einen Helm, manchmal nicht. Das entspricht genau diesem dualen Diskurs, den er führt: Er sagt etwas gewalttätiges, inakzeptables, und eine Woche später sagt er: „nein, das war nicht ernst gemeint, man muss das im Kontext sehen.“

Wer begleitet ihn da eigentlich auf diesen Paraden?


Viele stammen aus der Mittelschicht. Doch die Korsos sprechen auch arme Menschen an, die auf dem Motorrad Essen ausliefern, prekär Beschäftigte, Mototaxi-Fahrer aus der Unterschicht, aber eben auch Harley-Davidson-Fahrer und Menschen, die verrückt sind nach Geschwindigkeit und Maschinen, futuristischen Dingen, die wir auch mit Neofaschismus assoziieren können. Das Motorrad ist ein perfektes Symbol um die verschiedenen Schichten seiner Anhänger zusammenzubringen.

„Die Art, wie Bolsonaro operiert ist viel primitiver, sie basiert viel weniger auf zumindest formal demokratischen Institutionen als dies in anderen Ländern mit rechtspopulistischer Regierung der Fall ist.“

An anderer Stelle haben Sie die Einschätzung geäußert, der Bolsonarismus werde überdauern, selbst wenn Bolsonaro die Wahlen verliert. Wie kommen Sie zu dieser Analyse?


Ein weiteres Charakteristikum des bolsonaristischen Diskurses ist: Es gibt dort keine Möglichkeit, zu verlieren, kein Zurück, keine Entschuldigungen, kein: „ich lag falsch“. Es geht nur vorwärts, geradeaus. In diesem Sinn ist es klar, dass die Anhänger Bolsonaros es nicht akzeptieren werden, die Wahlen zu verlieren. Sie werden sagen: „Diese Ergebnisse akzeptieren wir nicht“, und von Wahlfälschung reden, von Betrug durch die Richter, die Presse. Die Zeit zwischen den Wahlen und der Vereidigung einer neuen Regierung könnte eine sehr gefährliche Periode werden. Falls Lula gewinnt, werden wir erleben, wie der Diskurs des Bolsonarismus sich selbst neu organisiert, um zurückzuschlagen. Das könnte dazu führen, dass die Gesellschaft noch mehr als bislang von Hass durchdrungen wird, und zu einem Ausbruch von Gewalt, auf den wir nicht vorbereitet sind.


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