Clarice Lispectors Kurzgeschichten: Ohne anzuklopfen

Konventionen kümmerten sie wenig: die 1977 verstorbene Autorin Clarice Lispector. In Brasilien gilt sie als Kultautorin und wird in einem Atemzug mit Virginia Woolf und Franz Kafka genannt. Mit „Ich und Jimmy“ liegt nun eine überarbeitete Übersetzung ihrer Kurzgeschichten vor und bietet die Gelegenheit zur Neu- oder Wiederentdeckung.

Als Autorin furchtlos: Clarice Lispector galt in Brasilien schon zu Lebzeiten als feministische Ikone; im deutschsprachigen Raum wird sie noch als Geheimtipp gehandelt. (Foto: Arquivo Nacional do Brasil)

Es gibt Stimmen, die gleich aufhorchen lassen, und Clarice Lispector wusste, wie sie sich als Autorin Gehör verschaffen konnte. Ihre Geschichten beginnen immer in medias res, die ausschließlich weiblichen Protagonistinnen fallen gleich ohne anzuklopfen mit der Tür ins Haus. Allein für solche ersten Sätze schon lohnt sich die Lektüre: „Das erste Mal, dass wir ein Äffchen zu Hause hatten, war kurz nach Neujahr.“ – „Sie hieß Almira und hatte stark zugenommen.“

Um Kohärenz und Konventionen schert Lispector sich ebenso wenig: Die titelgebende Erzählung „Ich und Jimmy“ stellt die gängige Höflichkeitsfloskel gleich mal auf den Kopf. Ihre Figuren sind hässlich oder hübsch, unmoralisch oder jungfräulich, greise oder Kinder, sie halten sich Äffchen, unterhalten fiktive Affären mit bekannten Sängern, ermorden ihre Liebhaber oder erleben sexuelle Abenteuer mit außerirdischen Wesen. Wie Miss Algrave, die körperliche Ekstase mit Ixtlan vom Saturn erlebt. „Sie verständigten sich auf Sanskrit“, kommentiert die Autorin lapidar.

Manchmal zitiert Lispector sich selbst, greift in ihre eigenen Texte ein, entschuldigt sich bei Verlegern und Lektoren, wenn sie deren Kritiken nicht berücksichtigt, umreißt mit knapp eine Seite langen Texten die ganze Welt und verliert sich dann wieder in mäandernden Sätzen über die Essenz von Mischwesen. Sie schreckt weder vor Surrealismus zurück noch vor Kitsch. Als Leser*in darf man sich immer wieder freuen, über ihre Direktheit, die ungewöhnlichen Einfälle und vor allem den trockenen Humor. Eine Dreiecksbeziehung zwischen zwei Frauen und einem Mann, der nebenbei noch eine Affäre mit einer Prostituierten unterhält, charakterisiert sie folgendermaßen: „In Wirklichkeit waren die drei zu viert, wie die drei Musketiere.“ Und eine ihrer Geschichten endet einfach mal mit den Sätzen: „Was danach geschah, weiß ich nicht mehr. Ich glaube, es geschah nichts.“

Als Autorin war Lispector furchtlos, eine Eigenschaft, die sie sich womöglich im Laufe ihres bewegten Lebens aneignen musste. Sie wurde 1920 als Chaja Pinkussowna Lispektor in der damaligen Sowjetunion (heute Westukraine) geboren. Als sie zwei Monate alt war, flohen ihre russisch-jüdischen Eltern vor den immer wiederkehrenden Pogromen nach Brasilien. Ihre Mutter starb als Lispector noch ein Kind war, einen Verlust, den sie auch in ihrer literarischen Arbeit thematisierte. Während ihres Jurastudiums begann sie erste Texte zu veröffentlichen, bekannt wurde sie mit ihrem Roman „Perto do coração selvagem“ (Nahe dem wilden Herzen).

Als Leser*in darf man sich immer wieder freuen, über ihre Direktheit, die ungewöhnlichen Einfälle und vor allem den trockenen Humor.

Sie heiratete einen Diplomaten und verbrachte die nächsten Jahre in Europa und Nordamerika. Nach ihrer Scheidung 1959 kehrte sie jedoch nach Rio de Janeiro zurück. Regelmäßig veröffentlichte sie Romane, Kurzgeschichten und Kinderbücher und erregte mit ihrem eigenwilligen Schreibstil Aufsehen. Neu waren für die brasilianische Literatur die inneren Monologe, die ihr Vergleiche mit Virginia Woolf einbrachten. Ein weiterer Schicksalsschlag ereilte sie, als sie durch ein selbst verschuldetes Feuer schwer verletzt wurde und nur noch unter Schmerzen schreiben konnte. 1977 starb sie einen Tag vor ihrem 57. Geburtstag an Krebs.

Während ihre Idiosynkrasie überrascht und amüsiert, beeindrucken vor allem ihre klugen Einsichten über das Schreiben, die Liebe und das Leben im Allgemeinen. In der Geschichte „Sofies Dramen“ erzählt sie von einem Mädchen, dessen Schwärmerei für ihren Lehrer jäh unterbrochen wird, als dieser auf die Idee kommt, einen Aufsatz von ihr zu loben, den sie selbst gar nicht so gelungen findet: „Alles, was an mir nichts taugte, war mein Schatz“. Auf wenigen Seiten gelingt es Lispector den Prozess des Sich-Verliebens und der Inspiration voll und ganz zu durchdringen und in Worte zu fassen, die man zuvor so noch nicht gelesen hat. „Mit ihren zahllosen Härchen glichen sie zwei sanften Kakerlaken“, lässt die Autorin Sofie über die Augen ihres Lehrers sagen. Abscheu und Anziehung vereint in einer ziemlich unerhörten Metapher.

Vielleicht kommen einem die Figuren deshalb so lebensnah und unvermittelt vor, weil sie aus jeder Schublade springen, in die man sie womöglich zwängen zu können glaubt. „Ich und Jimmy“ klingt eigen, ohne dass Lispector versuchen würde zwanghaft originell zu sein, oder für ihre Einfälle Beifall zu heischen. Ihr gelingt, was gute Literatur im besten Fall bewerkstelligen kann, und zwar neue Sichtweisen zu eröffnen. Gleichzeitig spürt man auf jeder Seite, wieviel Spaß es ihr machte, immer wieder Haken zu schlagen und die Erwartungen der Leser*innen ad absurdum zu führen. Dabei ist sie ebenso tiefgründig wie unterhaltsam – und vor allem: nie langweilig.

Clarice Lispector: Ich und Jimmy. 
Aus dem Portugiesischen von Luis Ruby. Manesse Verlag, 416 Seiten.

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