Die Filme von Charlie Kaufman: Wo höre ich auf, wo fängst du an?

Mit seinem neusten Werk fordert Charlie Kaufman die Zuschauer*innen mehr denn je heraus. Was wie ein Bruch mit seinen früheren Filmen wirkt, ist im Grunde eine konsequente Fortführung dessen, was seine Kunst immer schon ausmachte.

Zum Teil fühlt es sich an als erstrecke sich der Besuch, den Lucy und Jake dessen Eltern abstatten, über Jahrzehnte hinweg. (© Netflix)

Eine gefühlte Ewigkeit ist es her, dass zuletzt ein Film von Charlie Kaufman erschien. Dabei müsste man inzwischen daran gewöhnt sein, stets vier bis fünf Jahre auf ein neues Werk des US-amerikanischen Autors und Regisseurs zu warten. Zumindest seit er 2008 mit „Synecdoche, New York“ für einen seiner Filme erstmals nicht nur das Drehbuch schrieb, sondern auch Regie führte, nimmt der Künstler sich immer mehrere Jahre Zeit.

Die Filme der letzten zwölf Jahre stellen einen klaren Bruch mit Kaufmans früherem Werk dar. Knapp ausgedrückt könnte man sagen, dass sie weniger mainstream sind. Äußerst originell war Kaufmans Werk jedoch schon immer. Wer jemals einen Film von ihm gesehen hat, wird ihn, egal ob er gefällt oder nicht, wohl so schnell nicht mehr vergessen. Wenn schon nicht der ganze Streifen, so dürften sich doch zumindest bestimmte Elemente ins Gedächtnis eingeprägt haben: das Portal in „Being John Malkovich“ (1999), das direkt in John Malkovichs Kopf führt, die Firma in „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ (2004), die auf Wunsch unliebsame Erinnerungen aus dem Gedächtnis löscht, oder Charlie Kaufman als Hauptfigur im Film „Adaptation“ (2002), in dem er sich selbst beim Schreiben ebenjener Romanadaptation zeigt. Mit seinen Drehbüchern hat Kaufman bewiesen, dass er jede noch so abstruse Idee zu einer kohärenten, unterhaltsamen und bewegenden Geschichte weiterzuentwickeln vermag.

Die neueren Filme von ihm wirken wie eine Abweichung von seinen früheren Werken und gleichzeitig aber auch wie eine konsequente Fortführung seines Ansatzes. Die Dramaturgie ist mittlerweile weniger konventionell, die Aussage opaker und die Figuren unnahbarer. Dafür sind die Themen immer noch dieselben: das Unbewusste, romantische Beziehungen, existenzielle Angst, Einsamkeit, Kulturpessimismus, Identität, Zeit.

Diese Themen kommen ohne Zweifel in vielen Filmen vor, doch bei Kaufman nehmen sie einen besonderen Stellenwert ein, folgt die Logik der Erzählung doch stärker dem Innenleben der Figuren als äußeren Anhaltspunkten. Mit „I’m Thinking of Ending Things“, der seit letztem Freitag auf Netflix gestreamt werden kann, erreicht sein impressionistischer Stil seinen vorläufigen Höhepunkt: Prämisse des Films ist nicht eine Erzählung von A nach B, sondern die Aneinanderreihung von Konzepten, Dynamiken und Assoziationen. Die meisten Szenen bestehen aus minutenlangen Dialogen oder Monologen, und auch wenn das alles auf Anhieb an Filme von Terrence Malick, Dialoge von Richard Linklater oder etwa Darren Aronofskys „Mother!“ (2017) erinnert, so ist „I’m Thinking of Ending Things“ dennoch ganz anders.

Die Handlung dieses lose auf dem gleichnamigen Roman von Iain Reid basierenden Films kreist um ein junges, heterosexuelles Paar, das zum Essen eingeladen ist: Die Frau (Jessie Buckley) soll die Eltern ihres Freundes Jake, (Jesse Plemons) kennenlernen. Der Film funktioniert in drei Akten: die Hinfahrt, der Aufenthalt im Haus und die Rückfahrt. Diese Struktur ist mit Abstand das Konventionellste an diesem Film, der aus der Perspektive von Jakes Freundin, die der Einfachheit halber im Folgenden Lucy genannt wird, erzählt wird.

Die Logik einer Erinnerung

So paradox es auch klingen mag: „I’m Thinking of Ending Things“ funktioniert am besten, wenn man an ihn nicht wie einen Film, sondern wie an das Innere von jemandes Verstand herantritt. Dann sind die surrealistischen Elemente, abrupten Zeitsprünge und Veränderungen von Kleidung, Namen und Rhythmen leichter einzuordnen. Der Familienhund taucht nur auf, wenn gerade jemand an ihn denkt. Das Essen steht nur dann auf dem Tisch, wenn gerade Essenszeit ist. Menschen sagen Dinge, die sie noch gar nicht wissen können. Dinge verschwinden, tauchen auf, verändern sich, werden überarbeitet, so wie dies auch bezüglich unserer Erinnerungen und Eindrücke im Laufe des Lebens passiert.

An einer Stelle erklärt Jake, wer an einer Eins-zu-eins-Abbildung der Realität interessiert sei, solle sich Fotos anschauen und nicht etwa Malereien. Kaufman selbst ist ebenfalls nicht an einer getreuen Realitätsnachahmung interessiert. Philosophisch betrachtet könnte man sagen: Der Stoff seines Films ist weniger Materialität, als vielmehr der negative Raum, der diese umgibt. Viele seiner Filme sind der Versuch, die Logik des Erinnerten, Fanatsierten oder Geträumten einzufangen, die Art, wie Personen ineinander übergehen, wie sie von einem Moment zum anderen anders aussehen, wie physikalische Gesetze oder Alltagslogik außer Kraft tritt, wie alles sich zugleich zutiefst real und surreal anfühlen kann. Das ist nicht realitätsfern: Es ist nur eine andere Realität als die außerhalb unserer Gedankenwelt. Stets ist Kaufman auf der Suche nach dem Wesenskern des Menschen, nach der ultimativen Authentizität. „You can’t fake a thought“, zitiert Lucy ihren Freund zu Beginn des Films und genau dieses Unverfälschliche ist es, was Kaufman in seinen Filmen ergründen möchte.

Auf einer weiteren Ebene ist „I’m Thinking of Ending Things“ ein Film über das Leben selbst. Die Figuren reden nicht nur über verschiedene Lebensphasen von der Kindheit bis zum hohen Alter, sie durchleben sie zum Teil innerhalb der Filmhandlung. An einer Stelle philosophiert Lucy: „People like to think of themselves as points moving through time. But I think it’s probably the opposite. We’re stationary and time passes through us, blowing like cold wind, stealing our heat, leaving us chopped and frozen, I don’t know, dead.“ Es ist nur eine von zahlreichen Aussagen, die Kaufman mit seinem Film zu visualisieren versucht.

Auf den ersten Blick scheint in „I’m Thinking of Ending Things“ ein eher pessimistisches Menschenbild vermittelt zu werden. „Most people are other people. Their thoughts are someone else’s opinions. Their lives a mimicry, their passions a quotation“, paraphrasiert Jake den Autor Oscar Wilde. Auf den zweiten Blick kann man dies aber auch so deuten, dass Fiktion dem echten Leben keineswegs untergeordnet ist. Dies scheint jedenfalls Kaufmans Haltung zu sein. In seinen Filmen funktionieren Fantasien autonom. Wie schon in „Synecdoche, New York“ setzt er sich auch hier wieder mit der Frage auseinander, wie Kunst und Leben sich gegenseitig beeinflussen.

Hirngespinst mit eigenem Willen

Während es anfangs so wirkt, als könne Jake Lucys Gedanken lesen, so deutet immer mehr darauf hin, dass er sie wohl gänzlich imaginiert. Möglicherweise ist Jake ihr einmal begegnet, ohne dass es zu einem Kennenlernen kam. Was wir im Film sehen, könnte demnach als Gedankenspiel gelesen werden: „Wie wäre mein Leben wohl mit dieser Frau an meiner Seite gewesen?“ Diese imaginierte Person ist jedoch keineswegs statisch, vielmehr spielt Jake zahlreiche Szenarien durch: Wie hätten meine Eltern wohl auf eine Quantenphysikerin, eine Malerin, eine Kellnerin reagiert? Wie wäre es, mit einer Feministin über „Baby It’s Cold Outside“ zu diskutieren? Wie wäre es wohl gewesen, die Frau zu kennen, die jenes Gedicht oder jene Filmrezension geschrieben hat?

Lucy als bloße Projektionsfläche des vereinsamten männlichen Protagonisten zu interpretieren, wäre jedoch verkürzt. Sie ist dies ebenso wenig wie etwa Clementine in „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“: Zwar sehen wir sie im Film fast nur in Form von Joels Erinnerungen, doch sind diese wesentlich von ihrer realen Persönlichkeit geprägt und lassen eine unerwartete Autonomie erkennen. Wie Clementine in „Eternal Sunshine“, so vermag es auch Lucy, Jake herauszufordern, zu überraschen oder wütend zu machen. Sie hat nicht nur Meinungen, die von Jakes abweichen, sondern auch einen eigenen Willen. Jake ist offensichtlich ebenso an den angenehmen wie den weniger angenehmen Aspekten einer romantischen Beziehung interessiert.

Dennoch ist sie natürlich eine Erfindung – in dem Sinne wie jede fiktionale Figur eine ist. Und so unzuverlässig Lucy auch ist: Sie ist die einzige Figur, die sich an ihrer verfremdeten Realität zu stören scheint. Sie ist irritiert, wenn ein Augenblick länger anhält, als er dies realistischerweise tun würde, wenn in der Landschaft etwas auftaucht, das da eigentlich nicht hingehört oder eine Straße nur grob angedeutet wird.

Die Frustration, die einige Zuschauer*innen von „I’m Thinking of Ending Things“ empfinden mögen, entspringt sicherlich dem Umstand, dass es sich bei diesem mehr um eine intellektuelle Spielerei als um einen Film im klassischen Sinne handelt. Aus ebendiesem Grund werfen manche Kritiker*innen Kaufman, wohl auch nicht völlig zu Unrecht, eine selbstgefällige Nabelschau vor. Zugutehalten sollte man ihm aber auf jeden Fall, dass er auf ein Neues nicht nur einen völlig unverwechselbaren Film, sondern auch eine Bildsprache geschaffen hat, die Dinge zum Ausdruck bringt, die wohl kaum anders als mit dem Medium Film erfassbar sind.


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