Ecuador: Bedingt willkommen

Mehr als vier Millionen Menschen haben laut UN-Flüchtlingshilfe in den vergangenen Monaten Venezuela den Rücken gekehrt. Die meisten von ihnen sind nach Kolumbien, Peru und Ecuador geflohen. Die Stimmung gegenüber den Flüchtlingen droht zu kippen. Ein Feature aus der ecuadorianischen Hauptstadt Quito.

Die Zukunft beginnt mit einem Lachen: Gemeinsam mit der Caritas Ecuador kümmern sich Nonnen des Oblata-Ordens in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito um Flüchtlinge aus Venezuela – und um deren Kinder. (Foto: Knut Henkel)

„Oblata“ – der Name des Ordens steht über dem Torbogen in der Calle Antepara von Quito. Neben dem schwarzen Metalltor, das den Eingang in die „Casa de Acogida Buen Samaritano“, dem „Heim zur Aufnahme des Guten Samariter“, versperrt, befindet sich ein Büro. Dort arbeiten Mitarbeiter*innen von Caritas Ecuador, die Neuankömmlinge in der Hauptstadt des Landes in Empfang nehmen. Es sind Flüchtlinge aus Venezuela, vor allem Frauen mit Kindern und Familien, die in der Herberge des Oblata-Ordens im Altstadtviertel San Blas unterkommen.

Eine von ihnen ist Noraima Rigual. Vor sieben Monaten ist die kräftige 36-jährige von der Isla Margarita in Venezuela geflohen. „Am 17. Oktober habe ich mich entschieden zu fliehen. Ich wurde unter Druck gesetzt, geschlagen und zwei Tage später habe ich Venezuela mit meinem Sohn verlassen“, sagt die Sozialarbeiterin.

Grund für die Repressalien war ihre Weigerung, ein Ausbildungsprojekt zu koordinieren. „Ich sollte ein Programm zur Ausbildung von Vollzugsbeamten leiten und dazu gehörte auch der Umgang mit der Waffe. Da war für mich Schluss.“ So weit ihr Geld reichte ist sie gereist, um sich in Sicherheit zu bringen. Die Behörden haben ihr geglaubt, ihr ein humanitäres Visum ausgestellt, das eine Arbeitserlaubnis beinhaltet.

Ein Vorteil, den Rigual gegenüber den allermeisten der heute in der „Casa de Acogida Buen Samaritano“ untergebrachten Flüchtlingen hat. Ein rundes Dutzend Familien sowie zahlreiche Mütter mit ihren Kindern sind heute in der „Casa de Acogida Buen Samaritano“ untergekommen. Bis zu einhundert Schlafplätze hat Jenny Marcela Pantoja, Schwester des Oblata-Ordens und Direktorin der Einrichtung, in der ehemaligen Schule zu vergeben – Frühstück und Abendessen inklusive. Den Tag müssen die Flüchtlinge aus Venezuela jedoch außerhalb verbringen, sich um die Klärung ihres Status kümmern oder arbeiten, um die Herberge nach spätestens einem Monat zu verlassen und auf eigenen Beinen zu stehen. So lauten die Vorgaben der Schwestern, die im Januar 2018 die Herberge eröffnet haben. Seitdem ist sie fast immer ausgebucht.

„Anfangs kamen noch gut ausgebildete Menschen. Die hatten hier auf dem Arbeitsmarkt eine Chance. Mittlerweile sind es Leute aus einfachen Verhältnissen, die an unserer Tür klopfen“, sagt Pantoja. Die „Neuen“ haben in Ecuador mittlerweile ziemlich schlechte Karten, denn die Wirtschaft des Landes kriselt und so werden sie immer häufiger als Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt wahrgenommen. Das bekommen die Familien unverblümt zu spüren. „Frauen haben mir berichtet, dass sie aufgefordert wurden, in ihre Herkunftsländer zurückzukehren, andere, dass ihren Kindern ein Glas Wasser verweigert wurde. Das ist erschreckend“, sagt die Nonne in ihrer strengen schwarz-weißen Tracht, die lange Jahre im Nachbarland Kolumbien mit Binnenflüchtlingen und indigenen Ethnien gearbeitet hat.

„Die ecuadorianische Wirtschaft steckt in einer Krise, rund fünfzig Prozent der Arbeitnehmer sind informell beschäftigt.“

Dort sei die Solidarität deutlich ausgeprägter als in Ecuador, meint sie. Eine Einschätzung, die Neuankömmlinge schon nach wenigen Tagen teilen. So wie beispielsweise die Familie von Jordanis Silva, die aus dem Ort Ocumare del Tuy im Bundesstaat Miranda in Venezuela hierhergekommen ist. Zu Fuß ist Silva in 28 Tagen mit seiner Frau und drei Kindern vom kolumbianischen Cúcuta bis an die ecuadorianische Grenze marschiert, und entsprechend abgezehrt sieht er nach dieser Anstrengung nun auch aus.

„Die Kolumbianer haben uns gut behandelt, uns Essen gespendet. Hier in Ecuador ist das deutlich schwieriger. Die Leute sind zugeknöpft, abweisend“, sagt er und reibt sich erschöpft über die Stirn, während seine Frau, die einen Säugling im Arm hält, zustimmend nickt. „Dabei wollen wir gar nicht hierbleiben. Wir wollen zu Verwandten in Peru. Da gibt es Arbeit für mich“, sagt Silva, der als Fischer, aber auch als Kleinhändler in Venezuela gearbeitet hat und der den niedrigen Temperaturen in Quito nichts abgewinnen kann. Ein paar Tage verschnaufen, etwas Geld verdienen und für die letzte Etappe der Reise hofft er auf Unterstützung. Ein Busticket etwa und dabei setzt er auf die Hilfe der Schwestern.

Die Ordensfrauen arbeiten in einem Netz mit vorrangig katholischen Organisationen wie der Caritas, dem Jesuitischen Dienst für Migranten und nur punktuell mit der Regierung. Den Grund dafür benennt Schwester Jenny Marcela Pantoja ganz offen: „Die Regierung hat zwar im letzten November angekündigt, ein umfassendes Programm für die Migranten aus Venezuela aufzulegen, aber davon haben wir noch nicht viel gesehen“, kritisiert die 43-Jährige.

Vor rund achtzehn Monaten hat der Orden entschieden, einen Mittagstisch für venezolanische Kinder zu organisieren und sie anschließend zu unterrichten. „Uns war aufgefallen, dass immer mehr Kinder auf der Straße spielten, während ihre Eltern als Kleinhändler etwas Geld zu verdienen versuchten. Das hat bei uns im Orden dann die Diskussion hervorgerufen, ob wir nicht mehr für die Migranten tun können, und so kam es zur Gründung der Herberge im Januar 2018“, erinnert sich die Nonne.

Platz für die Herberge war vorhanden, denn die Oblata-Schwestern hatten bis 2015 eine Schule betrieben, die schließen musste, weil die Regierung diese nicht mitfinanzieren wollte. So wurde aus dem Schulgebäude die Herberge für rund hundert Menschen. Bei deren Umbau und der Einrichtung der Küche im gegenüberliegenden Gebäude, das ein Sportplatz von der Herberge trennt, hat die Caritas geholfen. Dort befinden sich auch die Bäckerei, der Speisesaal sowie Versammlungsräume und ein paar Büros.

Die Schwestern haben alle Hände voll zu tun, denn kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Familien an das Metalltor klopfen. Als erstes müssen sich alle im Büro anmelden; kaum eine oder einer der Migranten aus Venezuela haben Papiere. Das ist ein Problem, denn seit Anfang Juni verlangt Peru gültige Dokumente zur Einreise. Ein Indiz für den Wandel in der Politik gegenüber den Migranten aus Venezuela, die bisher in fast allen Ländern Lateinamerikas ohne große Hürden aufgenommen wurden.

Peru stöhnt unter den rund 700.000 Migranten und ist nach Kolumbien, das mehr als eine Million Flüchtlinge beherbergt, die Nummer zwei im Ranking der Geflüchtete aufnehmenden Länder. Danach folgt Ecuador mit rund 300.000 Flüchtlingen. Für deren Versorgung fehlen an allen Ecken und Enden die nötigen Mittel, so Schwester Pantoja. „Wir erhalten Hilfe von der Caritas aus Deutschland, auch von Adveniat, und die Stadtverwaltung von Quito bezahlt uns täglich vierzig Mittagessen für die Kinder – das ist alles, was wir an Unterstützung erhalten“.

Den vier anderen Herbergen in Quito geht es genauso. „Selbst Schulplätze für die Kinder aus Venezuela gibt es in aller Regel nicht“, sagt Mauricio Burbano, der Vizedirektor des Jesuitischen Dienstes für Migranten (JRS). Seine Organisation bietet psychologische und juristische Hilfe an, hilft den neu Angekommenen mit Beratung und Kleidung, die den klimatischen Bedingungen der in 2.850 Meter Höhe liegenden ecuadorianischen Hauptstadt entspricht. Dort ist es extrem schwer für die Venezolaner, Jobs zu ergattern. „Die Wirtschaft steckt in einer Krise, rund fünfzig Prozent der Arbeitnehmer sind ohnehin informell beschäftigt“, so Burbano. „Die Neuankömmlinge werden als billige Konkurrenz wahrgenommen und immer öfter schlägt ihnen Ablehnung entgegen“, sagt der 47-jährige Migrationsexperte von der Päpstlichen katholischen Universität in Quito.

Diese Erfahrung hat auch Noraima Rigual schon gemacht. Sie hat als Putzfrau gearbeitet, bis ihr Arbeitgeber sie zu vergewaltigen versuchte. Die Polizei jedoch habe auch zwei Monate nach der Tat die Ermittlungen noch nicht aufgenommen, klagt Rigual gegenüber zwei Mitarbeiterinnen des UN-Flüchtlingshilfswerks. Die beiden sind regelmäßig in der Herberge des Oblata-Ordens vor Ort; nicht nur um derartige Straftaten zu protokollieren und den Frauen psychologische Hilfe anzubieten, sondern auch um den Flüchtlingen mit Tipps weiterzuhelfen. Dabei bekommen sie immer wieder Berichte über die Ausbeutung der Venezolaner und Venezolanerinnen zu hören. Jordanis Silva ärgert sich beispielsweise darüber, dass er auf dem Bau für die Hälfte dessen, was ein Ecuadorianer erhält, schuften muss. Alles andere als ein Einzelfall in Ecuador, meinen Pantoja und Burbano einstimmig. Die Regierung jedoch gehe dagegen nicht vor.

Das haben die Migranten der ersten Stunde noch ganz anders erlebt. Damals kamen gut Ausgebildete wie Roger Vilain. Er lehrt seit knapp drei Jahren an der päpstlichen katholischen Universität von Quito Philosophie und hatte sich noch von Venezuela aus beworben. „Sie haben mich genommen“, sagt er lächelnd, er arbeitet nun mit Mauricio Burbano zusammen und ist mit ihm befreundet. „Ich hatte Glück“, sagt der schlaksige Mann Ende 40, der Venezuela verlassen musste, weil er kritische Artikel geschrieben hatte. Solche Artikel schreibt er auch weiterhin, nur lebt er jetzt in Sicherheit. Das gilt auch für Noraima Rigual.

Doch richtig angekommen ist sie in Quito mit ihrem sechsjährigen Sohn Gabriel noch immer nicht. Das würde sie liebend gern ändern. Es wird jedoch nicht einfach werden – und das liegt nicht allein an ihr.

Knut Henkel berichtet für die woxx aus Lateinamerika.

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