Februar 2025: Willis Tipps

von | 13.02.2025

Amparo Sánchez ist zurück

Als die im südspanischen Jaén geborene Amparo Sánchez anfing, Musik zu machen, war der wilde Mestizo-Stil erst im Kommen. Dieser Stil verbindet Spanisches mit Latinsounds/-rhythmen und fügt meist Rock, Ska und Reggae hinzu. Die Mestizo-Band, die Sánchez gründete, nennt sich Amparanoia und brachte 1997 ihre erste Platte heraus, trennte sich um 2008 und formte sich rund zehn Jahre später neu. In der Zwischenzeit ging und jetzt wieder ganz aktuell geht Sánchez ihre eigenen Wege und nimmt mit kleineren Ensembles auf, die meist weniger rockig und eher intimer spielen – wie zum Beispiel Calexico aus den USA. So ist es auch beim ganz neuen Album Ritual Sonoro. Sánchez singt und spielt Gitarre, ihr Landsmann Willy Fuego bedient die E-Gitarre und Raly Barrionuevo aus Argentinien verstärkt mit zweiter Akustikgitarre sowie der Charango-Laute der Anden-Völker. Die neun Lieder, auch wenn sie im Trio-Format eingespielt wurden, haben ordentlich Schwung und bewegen sich stilistisch in dem Rahmen, den man von Amparanoia kennt. Und wie immer fesselt Sánchez’ angeraute Stimme mit dezentem Vibrato, das sie so einzigartig macht.

Amparo Sánchez – Ritual Sonoro – Mamita Records

Baltische Polyphonie

Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen liegen geografisch nahe beieinander, sind aber sowohl sprachlich als auch musikalisch recht verschieden. Was sie gesanglich eint, ist vokale Polyphonie, wenn auch in unterschiedlichen Formen. Drei musikalisch erfahrene Frauen aus den drei Ländern trafen im Jahr 2022 eher zufällig aufeinander, beschlossen dann, die musikalischen Gemeinsamkeiten auszuloten, und gründeten The Baltic Sisters. Bei den Aufnahmen zum Debütalbum Värav, Värti, Vartai (übers. „das Eingangstor“) stieß noch eine weitere Sängerin aus Estland hinzu, die auch verschiedene Instrumente beherrscht. Im Mittelpunkt steht die litauische Tradition des Sutartines-Gesangs, angereichert mit Elementen aus den anderen beiden Ländern. Die vokale Harmonie der vier Stimmen ist ganz erstaunlich. Überwiegend sind die Stücke a cappella, während bei einigen unter anderem auch die lettische Kastenzither Kokles, Perkussion und die Maultrommel zum Einsatz kommen. Die Polyphonie des Baltikums hat bisher nur ganz selten Westeuropa erreicht und so bietet sich hier ein ausgezeichneter Einstieg, präsentiert von vier hervorragenden Sängerinnen.

The Baltic Sisters – Värav, Värti, Vartai – CPL Music

Chinesische Saiten

Zwei große Meisterinnen traditioneller chinesischer Saiteninstrumente haben in nur einem Nachmittag in Beijing das Album Prelude to the Divine Realm aufgenommen, das fünf Eigenkompositionen und vier traditionelle beziehungsweise klassische Kompositionen enthält. Gao Hong spielt die birnenförmige Pipa-Laute und hat seit über 20 Jahren zahlreiche – vor allem Genregrenzen überschreitende – Aufnahmen gemacht, kürzlich erst mit einem Flamencogitarristen. Auf der aktuellen Platte spielt sie zusammen mit der jungen Virtuosin Zhao Xiaoxia mit dem klaren Fokus auf chinesische Musik. Xiaoxias Instrument ist die Griffbrettzither Guqin, deren Ursprünge 3000 Jahre zurückreichen und die auch Slide-Töne erlaubt. Beide Musikerinnen leben seit Längerem in den USA, unterrichten an Konservatorien, sind aber weltweit unterwegs; so ist Xiaoxia auch mit renommierten Symphonieorchestern aufgetreten. Die neun Stücke sind besinnlich, beinahe meditativ und bieten eine beeindruckende Reise durch klassische chinesische Klangwelten, in der sich die perkussiven Töne der Pipa wunderbar mit den „gezogenen“ Klängen der Guqin verbinden. Eine überzeugende Zusammenarbeit!

Gao Hong and Zhao Xiaoxia – Prelude to the Divine Realm – Naxos World


Afro-Rock

Die Platte Sababu beinhaltet Musik, die ganz tief in der Tradition der westafrikanischen Troubadoure, den Griots, fußt und gleichzeitig ganz modern klingt. Aboubakar Traoré ist ein Musiker aus Burkina Faso und sollte nicht mit dem viel älteren Malier Boubakar Traoré verwechselt werden. Aboubakar Traoré singt und spielt die burkinische Kamélé N’goni, eine Verwandte der Kora, ein Instrument also mit großem, kugelförmigem Korpus und langem Hals; allerdings hat sie weniger Saiten und klingt dunkler. In seiner Gruppe Balima hört man auch das Balafon, wohl die Urmutter der Xylophone, das in der traditionellen Musik Burkina Fasos eine zentrale Rolle spielt. Ebenfalls dabei sind Perkussion, E-Bass und E-Gitarre. Was die Gruppe auf diesem Album auf die Beine stellt, ist richtig druckvolle, tanzbare westafrikanische Musik, die es nicht nötig hat, mit heute beliebten elektronischen Studiotricks zu arbeiten – handgemacht und ehrlich eben. Inhaltlich geht es Traoré unter anderem um ganz politische Themen wie Neokolonialismus und Emigration. Besser geht Afro-Rock nicht!

Aboubakar Traoré & Balima – Sababu – Zephyrus Records

 

World Music Charts Europe Februar – Top10 (print) / Top 20 (online)

1. Warsaw Village Vand & Bassalyki – Sploty – Karrot Kommando
2. L’Alba – Grilli – Buda Musique
3. Mostar Sevdah Reunion – Bosa Mara – Snail Records
4. Momi Maiga – Kairo – Segell Microscopi
5. Nfaly Diakité – Hunter Folk Vol. 1: Tribute to Toumani Koné – Mieruba
6. Al Andaluz Project – The Songs of Iman Kandoussi – Galileo
7. Amparo Sanchez – Ritual Sonoro – Mamita Records
8. Aboubakar Traoré & Balima – Sababu – Zephyrus
9. Ildikó Kali – Jore Jore – Ildikó Kali
10. Loya – Blankaz Antandroy – Lézard Zébré
11. Mari Boine – Alva – Norse Music
12. Baba Zula – Istanbul Sokaklari – Glitterbeat
13. The Baltic Sisters – Värav Varti Vartai – CPL Music
14. L.Shankar & Abhijit Banerjee – Full Moon – X Dot 25 Music
15. Libérica – Alé Ibérian Chants – Segell Microscopi
16. V.A. – Zanzibara 11, Congo in Dar: Dance no Sweat – Buda Musique
17. Mulatu Astatke & Hoodna Orchestra – Tension – Batov Records
18. Peter Somuah – Highlife – ACT
19. Nesrine – Kan Ya Makan – ACT 20. Songhoy Blues – Heritage – Transgressive Reords

Die WMCE TOP 20/40 bei: www.wmce.de, Facebook „Mondophon auf Radio ARA“ und woxx.lu

 

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