Fotografie: Narben, Wasser, Männerkörper


Der Fotograf Arnoldas Kubilius wirft einen in der Kunst eher seltenen, zärtlichen Blick auf den männlichen Körper. Seine Fotografien sind Ausdruck einer Obsession, metaphorische Selbstporträts und queer. Ein Austausch mit dem litauischen Künstler, der zurzeit im Ancien Cinéma in Vianden ausstellt.

Wasser ist Kubilius‘ Element. Seine Fotografien drücken unter anderem Verletzlichkeit aus. (Fotos: Arnoldas Kubilius)

woxx: Arnoldas Kubilius, Ihr Werk besteht hauptsächlich aus Aktfotografien von Männern. Der Mann erscheint als verletzliches und erotisches Wesen. Ist Ihre Arbeit eine Kritik an einem festgefahrenen Geschlechtermodell, in dem Männern allgemein eher Härte, Macht und Unverwundbarkeit zugeschrieben werden?


Arnoldas Kubilius: Auch wenn mein Werk tatsächlich aus dieser Struktur herausfällt, die Sie erwähnen, will ich damit nichts und niemanden kritisieren. Mit meinen Fotografien folge ich meiner Leidenschaft – so einfach ist das. Und ich denke, dass in meinen Arbeiten, abgesehen von der Darstellung dieser Verletzlichkeit, auch eine gewisse Faszination und Zelebrierung stattfindet: die Zelebrierung der Vitalität, der Männlichkeit in all ihren Formen und dem Wunder des Menschenfleischs.

Auch wenn es keine explizite Kritik ist, so widerspricht Ihr Werk dennoch der gängigen Darstellung der Männlichkeit oder der Geschlechterrollen.


Ich würde gerne Ihre Meinung dazu hören. Was sind Geschlechterrollen überhaupt? Psychologisch und gesellschaftlich betrachtet, gibt es so viele sich entwickelnde Aspekte des männlichen und weiblichen Daseins. Vielleicht stellt meine Kunst eine der vielen Formen von Männlichkeit dar, die einen bestimmten Platz in unserer gegenwärtigen Welt haben?

Ich verstehe Ihr Werk als Bruch mit der besagten Darstellung, auch weil es den männlichen Körper von der Heteronormativität befreit – zum Beispiel dann, wenn Sie mit stoppeligen Bärten und ineinander verschlungenen Zungen gleichgeschlechtliches Begehren in Nahaufnahme zeigen. Beschreiben Sie Ihre Arbeit denn als queer oder feministisch?


Die Tatsache, dass meine Arbeit den männlichen Blick auf den männlichen Körper porträtiert, macht sie eindeutig queer. Ist das feministisch? Auch hier würde ich gerne hören, was Sie dazu sagen.

Ihre Arbeiten erinnern an die feministischer Künstler*innen der 1970er- und 1980er-Jahre: Die stellten den männlichen Körper erstmals als Menschen anstatt als Machtsymbol oder idealisierte Knabenfigur dar. Warum haben Sie den männlichen Körper als Motiv gewählt?

Aus einer schlichtweg unnachgiebigen Obsession heraus.

Der männliche Körper, Narben, Texturen – das alles fasziniert den Fotografen Arnoldas Kubilius.

Wasser, Haut und Schatten sind Leitmotive Ihrer Fotografien. Warum?


Der Körper, Muskeln, Haut, Narben, Haare, Falten, Adern und so weiter faszinieren mich. Sie vermitteln unendliche Möglichkeiten von Figuren und Formen, sie können poetisch sein, verspielt, roh. Sie können eine Geschichte erzählen, ein Geheimnis hüten und das Auge amüsieren. Sie können verführen und abstoßen. Der nackte Körper ist die reinste menschliche Form und verwandelt sich im Dialog mit dem Wasser, er transzendiert. Wasser, Spiegelungen, Tropfen, Gänsehaut können dem Ganzen zusätzlich Ruhe, Verspieltheit, Mysterium, Unerwartetes, Sinnlichkeit verleihen…

Wie kommt es, dass Sie selten die Gesichter Ihrer Models fotografieren?

Meine Bilder sind auf gewisse Weise alle Selbstporträts. Nicht im wortwörtlichen Sinn natürlich, aber im metaphorischen. Ich beleuchte alles, was mich fasziniert, und deswegen auch all das, was ich bin. Darüber hinaus verwandeln sich gesichtslose Subjekte oft in überraschend abstrakte Figuren.

Wir haben viel über das gesprochen, was Sie bereits geschaffen haben. Was sind Ihre Projekte für die Zukunft?


Ich habe diesen Sommer mein erstes Fotobuch im Selfpublishing veröffentlicht: (H)OMBRES – ein Zusammenspiel des spanischen Wortes „hombre“ für Mann und des französischen „ombres“ für Schatten. Ich habe es gemeinsam mit dem super-kreativen britischen Designer Jake Noakes kreiert. Es enthält 51 Fotografien und einen Essay der wundervollen amerikanischen Fotografin Connie Imboden. Zurzeit experimentiere ich weiter mit Unterwasserfotografie und einigen Videoproduktionen. In Zukunft würde ich mich gerne mehr mit Buchpublikationen und Installationen beschäftigen.

Arnoldas Kubilius, im Ancien Cinéma 
Café-Club in Vianden. 
Noch bis zum 29. November.

Arnoldas Kubilius wurde 1982 in Litauen geboren. Er arbeitet inzwischen als Fotograf in Luxemburg. In seiner Arbeit konzentriert er sich auf den männlichen Körper mit all seinen Formen und Texturen. Kubilius präsentiert einige seiner Fotos auf seinem Instagram-Account „arnooophoto“.


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