Im Kino: Civil War

Seit seinem Regiedebüt „Ex Machina“ ist der britische Filmemacher Alex Garland für seine politischen Sci-Fi- und Fantasystreifen bekannt. Wer sich „Civil War“ mit entsprechenden Erwartungen ansieht, wird allerdings enttäuscht.

Dass auf ihrem Auto „Press“ steht, kommt den vier Journalist*innen immer wieder zugute. (© Ascot Elite Entertainment Group.)

Die Vereinigten Staaten von Amerika in nicht allzu ferner Zukunft: Ein anhaltender Bürger*innenkrieg hat das Land in beispielloses Chaos gestürzt. Straßen sind übersät von zurückgelassenen Autos; Strom und Benzin sind ein seltenes Gut; die Gesellschaft, wie wir sie kennen, ist zusammengebrochen.

Inmitten dieser Lage beschließen vier Menschen mit dem Auto von New York nach Washington D.C. zu fahren: die Fotojournalist*innen Lee (Kirsten Dunst) und Jessie (Cailee Spaeny) sowie die Journalisten Joel (Wagner Moura) und Sammy (Stephen McKinley Henderson). Ihr Ziel ist das Weiße Haus, um dort den amtierenden Präsidenten zu interviewen. Wieso die vier diese lebensgefährliche Fahrt auf sich nehmen? Weil es, wie Lee erklärt, die einzige Story ist, über die es sich noch zu berichten lohnt.

Der britische Künstler Alex Garland ist für Filme bekannt, in denen er Worst-Case-Szenarien als Ausgangsprämisse nimmt. Dass er darüber hinaus als sehr politischer Drehbuchautor gilt, liegt an Filmen wie seinem Regiedebüt „Ex Machina“ (2014). Dieser handelt von zwei Wissenschaftlern die frauenähnliche Roboter benutzen, um ihre Machtfantasien auszuleben. Auch in seinem 2022 erschienenen Film „Men“ thematisiert Garland anhand verschiedener Männertypen unterschiedliche Formen patriarchaler Gewalt. Gemein ist seinen Filmen, dass er auf Konventionen des Horror- und Science-Fiction-Genres zurückgreift, um Fragen bezüglich Gesellschaftsnormen und Machtverhältnissen aufzuwerfen.

„Civil War“, sowohl Kriegsfilm als auch Roadmovie, weicht mit seinem völligen Verzicht auf Fantasy- oder Sci-Fi-Elemente von dieser Linie ab. Von einem Politthriller ist Garlands Film dennoch weit entfernt, dafür ist er viel zu unspezifisch. Wir erfahren weder, wie es dazu kam, dass ein Bürgerkrieg ausbrach, noch wofür die unterschiedlichen Kriegsparteien stehen. Dass im Film eine Allianz zwischen den Staaten Texas und Kalifornien existiert, soll die Handlung wohl eher von der aktuellen politischen Lage in den USA entfernen als sie ihr annähern. Ob diese Allianz zeigen soll, dass politische Ideologien in dem dargestellten Kontext keine Rolle mehr spielen, oder ob es vielmehr darum ging, Zuschauer*innen entlang des gesamten politischen Spektrums ins Kino zu locken, darüber lässt sich nur spekulieren.

Im Laufe des Films spielt es jedenfalls kaum eine Rolle, auf welchem Kontinent die Handlung spielt. Was die Hauptfiguren auf ihrer Reise beobachten, soll uns nicht diesen spezifischen Konflikt näherbringen, sondern vielmehr moralische Grauzonen aufzeigen, die sich generell in einem solchen gewaltdominierten Kontext auftun können. In einer Szene, die auch im Trailer zu sehen ist, erklärt eine Verkäuferin in einem Kleiderladen dem fassungslosen Joel, sie habe mit Blick auf die Bilder in den Nachrichten entschieden, sich aus dem Bürgerkrieg rauszuhalten. Der Moment erinnert stark an Adam McKays „Don’t Look Up“ (2021). In diesem prognostizieren Wissenschaftler*innen einen Meteoritenaufprall, den nichts und niemand auf der Erde überleben wird. Die Reaktion der Menschheit besteht darin, die Warnung zu ignorieren. In seinem fast zweieinhalb Stunden langen Film reiht McKay Szene an Szene, in welcher sich dieses Szenario wiederholt: Warnungen samt Argumenten auf der einen Seite, Schulterzucken auf der anderen.

Fragen über Fragen

Garland ist da subtiler. Er berücksichtigt in „Civil War“ das Spektrum an Reaktionen, die Menschen in einer akuten Krise an den Tag legen können: Manche tun in der Tat so, als ob nichts wäre; andere nutzen die Situation zu ihren Gunsten; noch andere setzen ihr Leben aufs Spiel, um das Geschehen zu dokumentieren. So etwa die vier Protagonist*innen des Films.

(© Ascot Elite Entertainment Group.)

Als Held*innen werden sie jedoch nicht dargestellt. Joels einziges Interesse an dem Job scheint der Adrenalinrush zu sein, den das Kriegsgeschehen in ihm auslöst. Und auch wenn die anderen drei ihren Beruf aus weniger oberflächlichen Gründen ausüben, so bleibt Garland bei dessen Darstellung auffällig vage. Keine der Figuren nimmt sich zu irgendeinem Zeitpunkt Notizen, niemand reicht Fotos, geschweige denn einen Artikel, bei einem Presseorgan ein. Gibt es überhaupt noch betriebsfähige Fernsehsender oder Tageszeitungen? Und wer konsumiert diese Berichterstattung? Fragen, die im Film weder gestellt noch beantwortet werden. So entsteht der Eindruck, als betrieben die Protagonist*innen Journalismus als Selbstzweck; als nutzten sie die Aufschrift „Press“ auf ihrem Auto lediglich, um sich leichter Zugang zu verschiedenen Orten zu verschaffen.

„Sobald man beginnt, sich Fragen zu stellen, kann man damit nicht mehr aufhören. Also stellen wir keine Fragen. Wir dokumentieren, damit andere Fragen stellen können“, fasst Lee gegenüber der anfangs noch berufsunerfahrenen Jessie die Rolle von Journalist*innen zusammen. Durch seine Bildsprache scheint Garland nahelegen zu wollen, dass die Hauptfiguren sich weitaus stärker in den Konflikt einbringen, als es zumindest Lee bewusst ist. Immer, wenn es zu einem Austausch von Schüssen kommt, steigt diese mit gezücktem Fotoapparat aus dem Auto. Wenn sie durchs Visier schaut, um die Angreifer*innen zu orten, ist die Parallele zum Visier einer Waffe mehr als deutlich. Als Kriegsreporter*innen dokumentieren die vier das Geschehen nicht nur: Um ihren Beruf überhaupt ausüben zu können, sind sie auf diesen Krieg angewiesen. Bezeichnenderweise sind es vor allem Gewaltszenen, auf welche Lee und Jessie ihre Kamera richten. Und auch Garlands Hauptinteresse scheint dem Gewaltvorkommen zu gelten, stellt er dieses doch immer wieder in langen, äußerst brutalen Sequenzen dar. Was er damit scheinbar vermitteln will, ist die Aufgabe, die sowohl Kriegsjournalist*innen als auch Regisseur*innen von Kriegsfilmen wie „Civil War“ zukommt: Den Krieg als so verwerflich wie nur möglich darzustellen.

Am Ende des Films bleibt allerdings die Frage, ob Garland mit seinem Film mehr aussagt, als dass Krieg furchtbar ist und um jeden Preis vermieden werden sollte. Der Eindruck hält sich hartnäckig, dass der Filmemacher vor allem darauf aus war, einen visuell beeindruckenden Kriegsfilm zu machen. Ist die Mentalität, die Lee an den Tag legt, möglicherweise auch die von Garland? So wirkt es zumindest: Der Filmemacher zeigt eine Aneinanderreihung von Situationen, das Fragestellen beziehungsweise -beantworten will er aber scheinbar den Zuschauer*innen überlassen. Wäre „Civil War“ genau wie „Ex Machina“ oder „Men“ an einem undefinierten Fantasieort angesiedelt, würde das nicht weiter stören. Einen in den USA spielenden Film zu drehen, darin aber keinen direkten Bezug zu den realen politischen Lagern zu nehmen, wirkt jedoch wie ein billiger Trick. Zumal die Werbekampagne den Film explizit als Politthriller verkauft und damit falsche Erwartungen schürt.

Das Mindeste, was man über Garlands neuen Streifen sagen kann, ist, dass er in den vergangenen Wochen auf Social Media und im Feuilleton hitzige Debatten bezüglich seiner Qualität und möglichen Botschaft ausgelöst hat. Es beschleicht eine*n jedoch der Eindruck, dass dies stärker mit dem Ruf Garlands und dem Titel seines neuen Films zu tun hat, als mit dessen tatsächlichem Inhalt. Den Film als mehr als ein ästhetisches Spektakel zu begreifen, würde ihn mehr aufwerten, als er es verdient.

In fast allen Sälen.

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