Im Stream: Judas and the Black Messiah

Mit einer Mischung aus Thriller, Historiendrama und Biopic zeichnet Regisseur Shaka King die Monate vor der Ermordung des Black Panther-Leaders Fred Hampton nach. Der Film weiß vor allem durch das hervorragende Drehbuch und die beeindruckenden Schauspielleistungen zu überzeugen.

Selbst O’Neal (vorne) kann Hamptons Überzeugungskraft nicht immer widerstehen. (Foto: Warner Bros)

Chicago in den späten 1960er-Jahren: In einem großen Hörsaal flimmern dokumentarische Videoaufnahmen über eine Leinwand. Sie zeigen Black Panther-Aktivist*innen bei Versammlungen, Demonstrationen, Presseinterviews. Als das Video endet, gehen wir von der Doku zur Fiktion über: Mit bedrohlichem Tonfall verkündet der von Martin Sheen gespielte J. Edgar Hoover: „The Black Pathers are the single greatest threat to our national security, more than the Chinese, even more than the Russians. Our counterintelligence must prevent the rise of a black messiah from their midst.“ Wie wir später erfahren, handelt es sich bei der Veranstaltung um ein Briefing für FBI-Agent*innen.

„Judas and the Black Messiah“ ist allerdings nicht in erster Linie aus FBI-Perspektive erzählt. Eine Schlüsselfigur wird in der darauffolgenden Szene eingeführt. Nachdem Bill O’Neal (LaKeith Stanfield) festgenommen worden ist, schlägt der FBI-Agent Roy Mitchell (Jesse Plemons) ihm einen Deal vor: Wenn er die Black Panther-Partei ausspioniert, bleibt ihm die mehrjährige Haftstrafe erspart. Der politisch uninteressierte O’Neal nimmt das Angebot an und wird Teil der Black Panthers, wo er sich mit dem Vorsitzenden der Sektion Illinois, Fred Hampton (Daniel Kaluuya), anfreundet.

War die Story in einer früheren Version des Drehbuchs noch stärker auf Hoover fokussiert, so rückte die Black Panther-Bewegung immer mehr in den Vordergrund. Für den Film mussten die Autor*innen, zu denen neben Will Berson sowie Kenneth und Keith Lucas auch Regisseur Shaka King zählen, erst einmal auf Spurensuche gehen. Denn auch wenn viel über Fred Hamptons brutale Ermordung durch das FBI geschrieben wurde, so ist sein eigentliches Engagement doch eher lückenhaft dokumentiert. Im April 1969 war er Mitbegründer der Rainbow Coalition, einer antirassistischen, antiklassistischen Bewegung, mit sowohl weißen als auch nicht-weißen Mitgliedern. Ziel dieser Koalition war es, einerseits die rivalisierenden Straßengangs zu vereinen, andererseits aber auch soziale Ungerechtigkeit, Wohnungsnot, Armut, Polizeigewalt zu bekämpfen.

Neben den hervorragenden Schauspieler*innen zeichnet sich „Judas and the Black Messiah“ hauptsächlich durch die schnelle, mosaikartige Erzählweise aus. Sie vermag es, dem Publikum für zwei volle Stunden den Atem zu verschlagen. „Judas“ enthält alles, was es für einen guten Thriller braucht: Spannung, Verrat, überraschende Wendungen, menschliche Abgründe. Das heißt aber nicht, dass „Judas“ ein actionbepackter Hollywoodblockbuster ist, der historische Begebenheiten zu reinem atmosphärischen Background verkommen lässt. Mindestens genauso sehr handelt es sich um ein nuanciertes Historiendrama und bewegendes Biopic. Im Film wird sich dabei längst nicht nur für den damals 21-jährigen Hampton interessiert, auch Nebenfiguren erhalten eine erstaunliche Tiefe. In dem Sinne geht es im Film nicht vordergründig um historische Events, sondern um betroffene Individuen: ihre Motivationen, ihre Ängste, ihre zwischenmenschlichen Beziehungen. Selbst das FBI wird nicht karikatural als böse dargestellt. Stattdessen sehen wir ein Spektrum zwischen abgrundtiefem Rassismus und unbekümmertem Mitläufertum. Die vielen Schauplatz- und Perspektivwechsel erlauben es, diese historische Phase mit einer beeindruckenden Komplexität wiederzugeben.

Anfang dieses Jahres schrieb „Judas and the Black Messiah“ Geschichte: Es war der erste Film mit ausschließlich Schwarzen Produzent*innen, der jemals bei den Oscars in der Kategorie „Bester Film“ nominiert wurde. Am Ende sollte die Trophäe zwar an „Nomadland“ gehen – dafür konnte er aber in den Kategorien „Bester Nebendarsteller“ (Kaluuya) und „Bester Originalsong“ absahnen.

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