Installationen/Videokunst: Physik des Alltäglichen

„Kraft x Weg“ nennt sich eine kleine, aber feine Ausstellung der Künstlerin Marion Cziba in der Galerie Junge Kunst in Trier, in der Gegenstände des Alltags erstaunliche neue Eigenschaften entwickeln.

Der Flur der kleinen Galerie ganz unten in der Karl-Marx-Straße, da wo sich die Sexshops und Bikerbars befinden, bleibt sauber. Das liegt nicht an einer manischen Putzkolonne, sondern an der Rauminstallation „o. T.“ (ohne Titel) der Künstlerin Marion Cziba. Sie besteht aus einem halben Dutzend Bodenreinigungsmaschinen, die durch den Raum schwirren. Die kleinen Staubsaugerroboter verfügen außerdem noch über grüne Plexiglashüte in konischer Form, die sie aussehen lassen, als wären sie gerade einem Raumschiff entglitten, das am Moselufer notlanden musste.

Dabei ist es nicht das erste Mal, dass Marion Cziba Kunst mit Putzrobotik vermischt. Die 46-jährige Saarbrückerin, die 2015 den „Peter und Luise Haber“-Preis der Hochschule der Bildenden Künste Saar erhielt, experimentiert bereits seit 2017 damit. 2019 zeigte sie mit „LS Circle Line“ eine Arbeit mit fünf Robotern, die mit einer roten Schnur verbunden waren und so ein primitives soziales System nachahmten. Im Fall von „o. T.“ agieren die Roboter aber freier, verfangen sich schon mal in den Füßen der Besucher*innen und nehmen deren Raum ein. Das passiv-aggressive Spielchen, das die kleinen Haushaltshelfer treiben, zeigt auf, inwieweit unser Alltag schon von „intelligenten“ Maschinen bestimmt wird.

Andere Installationen von Marion Cziba sind mehr „down-to-earth“, wie etwa der „Speicher“. Ein sonnenähnliches Gebilde, bestehend aus Spanngurten, hängt an der weißen Galeriewand, neben ihm ein „Moosgummi-Kollege“ (eigentlich ein alter Lautsprecher). Beide Objekte dienen als Speicher, die Spanngurte halten die Energie, die in sie gesetzt wurde, um die Spannung zu erzeugen, und der Lautsprecher gibt die Energie wieder, die durch die elektrische Spannung entsteht, die er zum Funktionieren braucht.

Ebenfalls um gespeicherte Energie geht es in dem unbetitelten Werk, das an der gegenüberliegenden Galeriewand prangt: Ein langes Stück Stahlblech, das auf jedem seiner Segmente ähnliche Muster aufweist. Wie diese dahingekommen sind, kann in der Videoarbeit „Rollen Versuche I-V“ beobachtet werden: Da schmeißt die Künstlerin verschiedene Stahlrollen über einen Fabrikboden und filmt dabei ihr Ausrollen. Mal in Echtzeit, mal in Zeitlupe entfalten sich die mächtigen Stahlrollen und knallen so hart auf den Beton, dass es gut tut, dass das Video ohne Ton ist.

Experimentierfreudigkeit scheint eine von Marion Czibas Spezialitäten zu sein. Ein weiteres Video, das nicht zu Hause nachgeahmt werden sollte, nennt sich „Halbautomatische Pirouetten“. Hier hat die Künstlerin einen Küchenmixer mit einer Schnur an einen Nagel in einer Wand gebunden. Wird das Gerät eingeschaltet, so windet es sich blitzschnell an die Wand und verliert im Eifer des Gefechts sogar noch den Schneebesenaufsatz. Cziba zeigt aber nicht nur die eigentlich Aufnahme, sondern variiert sie mit Zeitlupenaufnahmen und verfremdet sie mit Effekten, sodass dem Missbrauch eines Haushaltsgegenstands ein kosmisches Ballett entspringt.

Weniger spannend aber ist die letzte Videoinstallation mit dem Titel „Gehen“. Der Name ist denn auch Programm, in dem 1:21-minütigen Videoloop hat die Künstlerin lediglich den Asphalt unter ihren Füßen …genau, beim Gehen gefilmt. Etwas einfallslos und so fällt das Werk gegenüber den anderen durchaus gelungenen Verfremdungen ziemlich ab. Trotzdem lohnt sich der Besuch – und sei es nur, um sich mal von so einen Staubwisch-
roboter über die Schuhe fahren zu lassen.

In der Galerie Junge Kunst Trier, 
bis zum 29. Februar.

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