Kritische Theorie: Wohin die Reise geht

Lange Zeit galt Friedrich Pollock als bloßer Verwalter der „Frankfurter Schule“. Eine umfassende Biographie rückt ihn nun als bedeutenden Gesellschaftskritiker ins Zentrum.

Ein Fabrikantensohn, der das Privateigentum abschaffen wollte; ein Jude, der vom Judentum nichts wissen wollte; ein Professor, der wenig publizierte; ein Ökonom, der sich an der Börse verzockte; ein Kommunist, der den Marxismus für anachronistisch hielt – es sind schillernde Attribute, mit denen sich die Vita des Mitbegründers des Frankfurter Instituts für Sozialforschung (IfS) beschreiben ließe. Doch als Friedrich Pollock am 16. Dezember 1970 im Alter von 76 Jahren in Montagnola im Tessin verstarb, war in einem Nachruf im deutschen Nachrichtenmagazin „Spiegel“ seine Rolle als „Gelehrter“ kaum der Rede wert. Stattdessen wurde er zum „Finanzverwalter“, „Helfer“, „Nachbar“ und „Hausmeier“ seines lebenslangen Freundes und engsten Mitarbeiters Max Horkheimer degradiert.

Entspricht dies so den Tatsachen? War Pollock wirklich nur der Administrator des von Horkheimer geleiteten und als „Frankfurter Schule“ bekannt gewordenen Instituts? Oder sind das lediglich Klischees und, weil auf Unkenntnis der historischen Fakten beruhend, dringend zu korrigierende Vorurteile?

Der am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur der Münchener Universität tätige Akademische Rat Philipp Lenhard hat es sich zur Aufgabe gemacht, die graue Eminenz der Frankfurter Schule – so der passende Untertitel der Biographie – aus der Vergessenheit hervorzuholen, sein publizistisches und wissenschaftliches Werk zu untersuchen und daraus seinen Einfluss auf die Arbeit des Institutes abzuleiten. Das Ergebnis der Biographie zeigt, wie notwendig diese Arbeit war.

Friedrich Pollock wird 1894 als Sohn eines jüdischen Fabrikanten im beschaulichen und provinziellen Freiburg im Breisgau geboren. Um am Markt bestehen zu können, verlegt der Vater Julius Pollock seine Leder- und Reisewarenfabrik nach Stuttgart. Sein erstgeborener Sohn Friedrich absolviert hier zwischen 1911 und 1915 eine kaufmännische Ausbildung mit dem Ziel, das väterliche Geschäft später einmal zu übernehmen. Doch hierbei lernt er den ebenfalls aus einer jüdischen Fabrikantenfamilie stammenden Max Horkheimer kennen und die beiden Freunde diskutieren lieber in einem Café über die Sinnlosigkeit des Lebens der eigenen Eltern, als sich aufzumachen, den einfachen, vorgezeichneten großbürgerlichen Weg ihrer Erzeuger einzuschlagen.

Gegen die Apologeten der sozialen Marktwirtschaft gerichtet, betont Pollock, für Europa sei die Vorbereitung planwirtschaftlicher Methoden eine Frage von Leben und Tod.

Nach dem Ersten Weltkrieg holen beide in München das Abitur nach und Pollock studiert anschließend in München, Freiburg und Frankfurt Ökonomie, Soziologe und Philosophie. Seine Promotion über die Geldtheorie von Karl Marx erhält die Bestnote. Eine ursprünglich geplante Veröffentlichung kommt allerdings nicht zustande, da ein anderer Autor eine ähnliche Untersuchung verfasst und diese vor dem Erscheinen von Pollocks Schrift publiziert.

Der Historiker Philipp Lenhard betätigt sich nicht nur als Pollocks Biograph. Vor zwei Jahren holte er das Typoskript der Dissertation aus der Frankfurter Universitätsbibliothek hervor und veröffentlichte es 2018 zusammen mit weiteren Texten Friedrich Pollocks im ersten Band in einer auf insgesamt sechs Bände angelegten Edition seiner Gesammelten Schriften im Freiburger ça ira-Verlag.

Die Arbeit ist auch heute noch lesenswert. Pollock rekonstruiert darin nicht allein detailliert den Geldbegriff, wie er von Marx im „Kapital“ und einer Vorarbeit hierzu, den sogenannten „Grundrissen“, entwickelt wird. Er wählt überdies, wie auch die damals noch unbekannten Theoretiker Isaak Rubin, Georg Lukács und Eugen Paschukanis, einen dezidiert ideologiekritischen Zugang zu Marxens Werk. Die Revolutions- und Klassentheorie, die das Zentrum des orthodoxen Marxismus ausmacht, rückt dabei in den Hintergrund. Stattdessen konzentrieren sich die Arbeiten der Genannten auf Marx‘ Ausführungen zu Ideologie, Verdinglichung und Fetischismus. Es ist ein Lesegenuss, mit welcher Süffisanz Pollock über die bürgerliche Volkswirtschaftslehre spottet.

Diese Studie, urteilt der Biograph Lenhard, bildete ein wichtiges Fundament für die Marx-Rezeption des Instituts für Sozialforschung, und noch in den 1960er Jahren schickten die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno ihre Studierenden bei Fragen zur Marxschen Werttheorie zu ihrem Kollegen Pollock.

Zum zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution reist Pollock in die Sowjetunion, was er in Folge zu einer umfassenden Analyse der sowjetischen Wirtschaftsordnung nutzt. Diese baut er nach und nach zu einer quellengesättigten Habilitationsschrift mit dem Titel „Die planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion 1917 – 1927” aus. Wie Pollock im Vorwort hervorhebt, sei dies „der erste von nichtbolschewistischer Seite unternommene Versuch, wenigstens die allgemeine russische Wirtschaftsgeschichte der letzten zehn Jahre wissenschaftlich darzustellen”.

Um das Entstehen des Nationalsozialismus – die besondere Form des deutschen Faschismus – zu analysieren, befasst sich Pollock seit Beginn der 1930er Jahre mit den „Formveränderungen des Kapitalismus”. Das Institut für Sozialforschung ist da bereits im Exil in den USA. Bei den Versuchen, neben den globalen auch die politischen Folgen der Weltwirtschaftskrise einigermaßen in den Griff zu bekommen, bricht die wirtschaftsliberale Theorie mehr und mehr mit ihren eigenen Dogmen und macht den Staat zusehends zu einem eigenständigen Akteur. Diese Entwicklung schlägt sich auch in Pollocks Arbeiten nieder. Doch seine Studien zum „Staatskapitalismus” – wobei der Ökonomiekritiker zwischen einer autoritären Variante wie im Faschismus oder Staatssozialismus und der liberalen Variante von US-Präsident Theodor Roosevelts „New Deal“ unterscheidet – bedeuten keinen Bruch mit seinen Wurzeln.

Nach dem Krieg und der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil wird das Institut wieder in Frankfurt errichtet. Pollock veröffentlicht sein wissenschaftliches Hauptwerk: zur fortschreitenden Automation und deren ökonomischen und sozialen Folgen. Das ist sein größter Erfolg. Seine Überlegungen zu den Entwicklungen, die umgangssprachlich gern als digitale Revolution bezeichnet werden, sind bis heute aktuell.

Er wird zu mehreren Konferenzen eingeladen, gibt Fernsehinterviews und wird von Gewerkschaften um seine Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung gebeten. Explizit gegen die Apologeten der sozialen Marktwirtschaft gerichtet, betont Pollock, für Europa sei die Vorbereitung planwirtschaftlicher Methoden eine Frage von Leben und Tod.

Anders als Adorno, Herbert Marcuse oder Leo Löwenthal befasst sich Pollock weniger mit philosophischen oder kulturwissenschaftlichen Fragen, sondern ist der „politökonomische Prognostiker“ des Instituts. Er soll sagen, „wohin die Reise geht“, das heißt, die ökonomische Entwicklung auf den Punkt bringen, so dass die übrigen Mitarbeiter auf dieser Grundlage ihre theoretischen Studien vorantreiben können. Nicht zuletzt deshalb widmen ihm Horkheimer und Adorno ihr wohl bekanntestes Werk, die „Dialektik der Aufklärung“.

Man verstehe die bekannten Denker der Kritischen Theorie besser, wenn man Pollock kenne, so Philipp Lenhard vor einiger Zeit im Interview mit der Zeitung „Jungle World“. Die von dem Historiker in der Biographie als Kurzinhaltsangabe wiedergegebenen wichtigsten Arbeiten Pollocks spiegeln dessen originären Einfluss recht gut wider und regen zur Lektüre seiner Arbeiten an.

Die außerordentlich materialreiche und sehr gut geschriebene Darstellung ist mehr als nur eine Biographie. Sie ist, vor dem Hintergrund der deutsch-jüdischen (Geistes-)Geschichte der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts, auch die Geschichte der „Kritischen Theorie“ und ihrer bedeutendsten Theoretiker.

Philipp Lenhard: Friedrich Pollock. 
Die graue Eminenz der Frankfurter Schule. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 2019, 382 Seiten.
Friedrich Pollock: Marxistische Schriften. 
Gesammelte Schriften Band 1. Herausgegeben von Philipp Lenhard. 
ça ira-Verlag 2018, 362 Seiten.

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