Mara Martins (Déi Lénk): „Umwelt und Soziales müssen zusammengedacht werden“

Bei den kommenden Europawahlen kandidiert Mara Martins zum ersten Mal. Mit ihren 20 Jahren ist sie die jüngste luxemburgische Kandidatin.

Foto: Déi Lénk

woxx: Ihr persönliches Hauptinteresse gilt der Klimapolitik. Wieso engagieren Sie sich denn bei Déi Lénk und nicht etwa bei Déi Gréng?


Mara Martins: Als ich jünger war, war ich von Déi Gréng fasziniert, weil sie sich für die Umwelt einsetzen. Mit der Zeit ist mir aber bewusst geworden, dass sie zu liberal an die Sache herangehen. Für mich müssen Umwelt und Soziales zusammengedacht werden. Das eine geht nicht ohne das andere. Der Kampf gegen den Klimawandel darf nicht auf Kosten finanziell benachteiligter Menschen geschehen. Bei jeder politischen Maßnahme sollten deshalb die Auswirkungen auf sozial Schwache mitbedacht werden.

Was muss Ihrer Ansicht nach konkret passieren?


Es muss viel mehr getan werden, um die Biodiversität zu erhalten und sauberes Grundwasser zu gewährleisten. Wir sind für ein europaweites Verbot von Glyphosat, genmanipulierten Lebensmitteln und Massentierhaltung. Zurzeit enthalten Lebensmittel zahlreiche schädliche Stoffe, wie beispielsweise Nitrate. Wer diese vermeiden will, muss auf teure Bioprodukte zurückgreifen. Das kann sich aber nicht jeder leisten. Auf europäischer Ebene muss garantiert werden, dass Produkte, die im Respekt von Tier, Käufer und Landwirt produziert wurden, auch einkommensschwachen Menschen zugänglich sind. Darüber hinaus muss EU-weit verstärkt in den öffentlichen Transport und die Mobilité douce investiert werden. So kann Niedrigverdienern entgegengekommen werden, die sich bei steigenden Preisen irgendwann kein Benzin mehr werden leisten können. Ein weiteres Beispiel für soziale Klimapolitik betrifft Atomkraftwerke: Sie abzuschalten hilft zwar der Umwelt, schadet aber den Angestellten, die dadurch ihren Arbeitsplatz verlieren. Es ist wichtig, Atomkraftwerke nicht einfach abzuschalten, ohne Weiterbildungen und alternative Jobmöglichkeiten für Betroffene vorzusehen.

Auf der ersten Seite des Wahlprogramms von Déi Lénk steht zu lesen: „Immer mehr Menschen erkennen, dass der Hauptverantwortliche für den dramatischen Zustand des Planeten niemand anderes als das kapitalistische System ist.“ Sind sich dessen wirklich so viele bewusst?


Nein, ich fürchte nicht. Viele sind sich auch nicht bewusst, dass alles politisch ist. Was man auf dem Teller hat, hat mit Politik zu tun. Institutionen wie die Schule oder die Medien kommt deshalb die Aufgabe zu, darüber aufzuklären. Mit seinem Umfeld über politische Anliegen zu sprechen oder mittels einer Demo für eine bestimmte Problematik zu sensibilisieren, kann auch schon viel bewirken.

Was kann denn Ihrer Meinung nach durch eine Demo erreicht werden? 


Es wird Druck gemacht. Wenn sich die Bevölkerung nicht zu Wort meldet, ist es für Politiker leicht, über deren Köpfe hinweg zu entscheiden. Durch eine Demo wird Politikern die Präsenz einer kritischen Masse vor Augen geführt. Die Fridays-for-Future-Demos kommunizieren, dass Teile der Bevölkerung das Weiter-wie-bisher nicht akzeptieren.

In ihrem Wahlprogramm drückt Déi Lénk ihre Unterstützung aus für Menschen, die sich weigern, sich der herrschenden Ordnung zu unterwerfen. Was ist damit gemeint?


Wir unterstützen Menschen, die kritisch sind, die versuchen, etwas zu verändern, die sich nicht ausbeuten und kleinkriegen lassen.

Weigert sich auch Déi Lénk als Partei, sich der herrschenden Ordnung zu unterwerfen?


Déi Lénk ist offener für unterschiedliche Formen des politischen Engagements als andere Parteien. Zahlreiche unserer Mitglieder engagieren sich auf unterschiedlichste Weise und nehmen auch immer wieder an Demos teil. Wir verstehen uns eher als Bewegung denn als Partei und versuchen, dem Rest der Bevölkerung auf Augenhöhe zu begegnen. Wenn ich mit Politikern anderer Parteien spreche, empfinde ich das als etwas einschüchternd, bei Déi Lénk fühle ich mich sehr viel wohler. Ich wurde als junge Frau umgehend respektiert, obwohl ich mich zuvor nicht in der Jugendpartei engagiert hatte. Im Gegensatz zu anderen Parteien sind wir offener für Menschen mit wenig Erfahrung.

Zwischen Menschen, die auf die Straße gehen und solchen, die das nicht tun, besteht oft ein gewisses Unverständnis. Wie kann man diese Gruppen einander annähern?


Menschen, die sich engagieren, werden zum Teil kritisiert, wenn sie sich nicht in jeder Hinsicht perfekt verhalten. Manche haben die Fridays-for-Future-Demos pauschal diskreditiert, weil ein paar Demonstrierende anschließend bei McDonalds essen waren, Müll gemacht haben oder provokative Sprüche auf ihren Plakaten stehen hatten. Bei den Gilets Jaunes haben ein paar schwarze Schafe, die randaliert haben, das gesamte Bild der Protestbewegung geprägt. Plötzlich herrschte die kollektive Auffassung, dass die Gilets Jaunes nur auf Zerstörung aus sind. Solche Verallgemeinerungen sind nicht hilfreich. Statt diejenigen anzugreifen, die sich engagieren, wäre es besser, man versuchte, die Intentionen der Demonstrierenden nachzuvollziehen.

Mara Martins (20) hat letztes Jahr ihr Abitur gemacht. Zurzeit arbeitet sie in einer Maison Relais, anschließend will sie Erziehungswissenschaften studieren. Sie war erst bei Jonk Lénk aktiv, dann beim Move, trat 2017 Déi Lénk bei und engagiert sich seit einem Jahr auch bei Déi Lénk Jeunes.


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