Nationale Resilienzstrategie: Prepper-Party ohne Phantasie

von | 15.10.2026

Der „Ernstfall“ kann vieles bedeuten. Eine neue Broschüre soll die Bevölkerung Luxemburgs darauf vorbereiten. Doch sie sorgt für Verwirrung und stellt die Rolle des Staats im Falle einer Katastrophe in Frage.

Zwei Ausschnitte aus Broschüren. Beide Male wird der gleiche Sirenenton symbolhaft dargestellt. Links wird das Signal als „Entwarnung“ bezeichnet, rechts als „Nuklearalarm“.

Gleiches Sirenensignal, unterschiedliche Bedeutung? Links die Erklärungen aus der aktuellen „Lëtz Prepare“-Broschüre, rechts jene aus der darin empfohlenen Broschüre „Was tun bei Atomalarm?“ von 2014.

Sind Sie bereit, 72 Stunden auf sich alleine gestellt zu sein? Dieser Tage verschickt die Regierung im Rahmen ihrer „Lëtz Prepare!“-Kampagne einen Leitfaden für „72 Stunden Autonomie“. Darin wird knapp beschrieben, was für Arten von Katastrophen es gibt, wie vor ihnen gewarnt wird und wie man sich auf einen solchen Fall vorbereitet beziehungsweise sich in diesem verhält. Ein Szenario etwa erklärt, wie sich die Luxemburger Behörden einen großflächigen Stromausfall vorstellen.

Wie auch immer eine derartige Notsituation konkret verlaufen wird: Die Bevölkerung soll sich auf drei Tage ohne Hilfe von außen vorbereiten, damit die Regierung sich vorwiegend um „vulnerable“ Menschen kümmern kann. Listen, wer konkret darunter fällt und Hilfe bekommt, gibt es natürlich keine – gemeint sind allgemein Personen, die sich in Krankenhäusern, Altenheimen oder ähnlichen Einrichtungen aufhalten. Der Rest darf wohl, so die unterschwellige Botschaft der Broschüre, nicht allzu rasch auf Hilfe durch Dienste wie Feuerwehr oder staatliche Behörden hoffen.

Statt dessen soll man Radio hören. So wird in der Broschüre mehrmals erwähnt, man solle den Privatsender „RTL“ hören. Die Frequenzen jedoch, auf denen dieser zu empfangen ist (88,9 MHz und 92,5 MHz), sind in der Broschüre nicht abgedruckt. Die Empfehlung, sich einen Gaskocher zuzulegen, wird mit der Warnung versehen, sich vor Kohlenstoffmonoxid zu schützen. Ob man im Katastrophenfall seine Dosenravioli nur im Freien oder bei offenem Fenster aufwärmen soll, erfährt man aber nicht.

Besonders absurd wird es, wenn man sich die Informationen zu einem möglichen Unfall in einem nahegelegenen Kernkraftwerk zu Gemüte führt. Dabei wird auf die Broschüre „Was tun bei einem Atomunfall?“ auf „infocrise.lu“ verwiesen. Das dürfte im Ernstfall aber nur klappen, wenn der Zugang zum Internet nach einem GAU in Cattenom noch funktioniert. Doch selbst, wenn man dieser Broschüre habhaft wird, macht einen das nicht unbedingt schlauer. In beiden Broschüren werden verschiedene Sirenen-Abfolgen und ihre Bedeutung erklärt. In der neuen Broschüre ist zu lesen, dass ein allgemeines „Nationales Alarmsignal“ aus einer Minute „auf- und absteigender Ton“ besteht. In dem Atomunfall-Heftchen wird dasselbe Signal als „Voralarm“ bezeichnet.

Während der Nutzer der Atomunfall-Broschüre in seinen Bunker rennt, verkündet „Lëtz Prepare“ vergnügt: „Gefahr gebannt.“

Das ist verwirrend, aber immerhin nicht lebensgefährlich. Doch es geht noch weiter: Der GAU-Broschüre lässt sich entnehmen, ein „an- und abschwellender Heulton während einer Minute mit zwei Unterbrechungen von jeweils 12 Sekunden“ signalisiere einen „Nuklearalarm“. Hingegen definiert die neue „Lëtz Prepare“-Broschüre genau dieses Signal als „Entwarnung“. Während also der Nutzer der Atomunfall-Broschüre die Beine in die Hand nimmt und in seinen Bunker rennt, verkündet „Lëtz Prepare“ vergnügt: „Gefahr gebannt. Normale Wiederaufnahme der Aktivitäten.“ Das „Haut-Commissariat à la protection nationale“ gab auf Nachfrage bekannt, die Bedeutung der Sirenentöne habe sich geändert. Eine Neuauflage der Atomalarm-Broschüre, in der das korrigiert ist, soll „demnächst“ erscheinen.

Immerhin: Laut der neuen Broschüre trifft man überall auf hilfsbereite Personen. Ein Arbeitskollege nimmt Sie mit dem Auto mit, weil die Züge ausgefallen sind. Die Nachbar*innen haben einen Kamin, an dem man sich wärmen kann. Innerhalb von drei Tagen entsteht sogar ein „Sprachencafé“, bei dem Informationen ausgetauscht werden, weil ja nicht alle Luxemburgisch verstehen. Man darf zwar hoffen, dass die Regierung beabsichtigt, im Katastrophenfall zumindest in allen Landessprachen zu kommunizieren, aber davon abgesehen ist dieses Beispiel eine herzerwärmende Erzählung.

Geht das auch anders? Im schwedischen Stockholm gibt es eine linke Gruppe namens „Preppa Tillsammans“, was auf Deutsch „Zusammen preppen“ bedeutet. In einem Interview mit der Zeitschrift „Analyse und Kritik“ erklärte ein Mitglied der Gruppe, dass die Idee von individuellen Preppen ohnehin eine Schimäre sei – durch Katastrophen könne man nur als Gruppe kommen. Das zeigt, was in der Broschüre viel zu kurz kommt: Man sollte seine Nachbar*innen kennen und mit ihnen besprechen, wie man einander im Falle eines Falles helfen kann.

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