Niederlande
: Der Code der Katastrophe

Am kommenden Montag beginnt in den Niederlanden der Prozess um den Abschuss von Flug MH17 über der Ukraine, der 298 Menschen das Leben kostete. Die Hinterbliebenen hoffen, dass den Opfern Gerechtigkeit widerfährt – und sie selbst ein wenig Erleichterung finden.

Leere Stühle, 298 an der Zahl: 
Protestaktion einer Hinterbliebenen-
gruppe vor der russischen Botschaft 
in Den Haag wegen des Abschusses von Flug MH17. (Foto: EPA-EFE/BART MAAT)

Der Aufkleber bringt einen unwillkürlich zum Lachen, trotz allem. Jedes Mal, wenn man wieder vor dieser Tür steht, will sich für einen Moment ein Grinsen einstellen, um dann gleich wieder zu verschwinden. „Oh no not you again!“, steht da. Manchmal kommt einem der Gedanke, er beziehe sich auf all die Journalisten, die in den letzten fünfeinhalb Jahren hier klingelten und warteten, bis Hans de Borst ihnen öffnete.

De Borst ist geschieden und Mitte Fünfzig. Er sieht älter aus als beim letzten Mal, und wirkt doch zugleich vitaler. Er hat dieselbe hagere, sportliche Gestalt, das graue Haar ist genauso voll, doch das Leben des Vaters von Elsemiek scheint in seine Gesichtszüge zurückgekehrt. Vor Jahren waren diese Züge wie eingefroren, Zeichen des unermesslichen Kummers eines Mannes, dem an diesem verdammten 17. Juli 2014 seine Tochter entrissen wurde. 17 war sie, und hatte gerade das vorletzte Schuljahr beendet.

„Willst du Kaffee?“, fragt de Borst. Während er sich in der Küche zu schaffen macht, bleibt Zeit, ein Urlaubsfoto an der Wand gegenüber zu betrachten, in der Größe eines Posters. Ein Mädchen im hellen Sommerkleid am Strand. Beschwingt wirkt sie und leicht. Die Augen strahlen.

Das Wohnzimmer im Haus von de Borst sieht aus wie immer. Helle Fliesen, das schräge Dach holzverkleidet, gemütliche Sitzecke, viel Erinnerung an Elsemiek. In der Ecke steht ihr Klavier. Wie hier gibt es in den Niederlanden viele solcher Wohnstuben. Orte, an denen die Menschen an Bord der Boeing 777, die an jenem Julitag auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur über der Ostukraine abgeschossen wurde, in Bildern und anderen Erinnerungsstücken präsent bleiben.

196 der 298 Getöteten von Flug MH17 kamen aus den Niederlanden, die weitaus größte Gruppe unter den Passagieren. Viele Menschen kennen zumindest über einige Ecken jemand, der in der Maschine der „Malaysia Airlines“ saß. Jedes Mal, wenn in den letzten Jahren ein Untersuchungsbericht veröffentlicht wurde, war „MH17“ das bestimmende Thema im Land. Erst recht gilt das für den Prozess gegen vier Beschuldigte, der am Montag vor dem Gerichtshof beim Flughafen Schiphol beginnt.

„MH17“ ist der Code für eine Katastrophe, die tief ins kollektive Bewusstsein und die Gefühlslage dieses Landes gedrungen ist. Gerade die selbst im Winter freundlich wirkende Reihenhaussiedlung, in der Hans de Borst wohnt, zeigt das auf beklemmende Art. Dieses sehr niederländisches Idyll wenige Kilometer hinter der Küste bei Den Haag besteht aus Backstein, Wasserläufen, ruhigen, breiten Straßen, benannt nach Malern und Komponisten. Der Ort heißt Monster, was auf Niederländisch „Muster“ bedeutet. Eine Mustersiedlung, beispielhaft für all die anderen Wohnungen, in die jemand von Flug MH17 nicht mehr zurückkehrt ist.

An jenem 17. Juli 2014 schaute Hans de Borst in seinem Wohnzimmer „Tour de France“, als er die Nachricht vom Abschuss des Flugzeugs bekam. Etwas mehr als zwei Tage später war er einer der ersten Hinterbliebenen, die für die Öffentlichkeit ein Gesicht bekamen. Dass da ein Flugzeug abgeschossen, knapp 300 Menschen getötet wurden und die Welt danach im Dunkeln tappte über die Hintergründe, war ihm unerträglich. Also schrieb er einen offenen Brief, den er auf Facebook postete. Darin übersetzte er seinen Schmerz in Zynismus: „Vielen Dank, Herr Putin, Führer der Separatisten oder ukrainische Regierung, für die Ermordung meines lieben und einzigen Kindes, Elsemiek de Borst!“ Am nächsten Tag rannten die internationalen Medien ihm die Tür ein.

Bald darauf lernte auch Premierminister Mark Rutte Elsemieks Vater kennen. In Nieuwegein bei Utrecht traf er mit den Hinterbliebenen der niederländischen Opfer zusammen. Rutte stand unter Druck: Unmittelbar nach dem Abschuss hat er versichert, nicht ruhen zu wollen, bis die Verantwortlichen vor Gericht stehen. Dafür werde er jeden Stein umdrehen. Doch das stellte sich als schwierig dar, da die Abschussstelle im Separatistengebiet lange nicht zugänglich war.

Der erste der Angehörigen, der zum Mikrofon ging, war Hans de Borst. Wie viele andere hier war er zornig und verletzt wegen der TV-Bilder von der Absturzstelle: Betrunkene Separatisten, die um die Besitztümer der Opfer herumstanden. Wäre es ein Flugzeug voller Amerikaner oder Russen gewesen, sagt er bitter, hätte man das Gebiet längst abgesichert und die Leichen geborgen. Dass die niederländische Regierung eher diplomatisch um Zugang ersuchte, dafür hatte er kein Verständnis.

„Wie kann es sein, dass jemand einen Massenmord begeht und damit davonkommt?“

In der Folge rangen die Hinterbliebenen nicht nur mit Trauer und Verlust, sondern auch mit stetiger Unsicherheit. Im Herbst 2015 gab es einen ersten Bericht des niederländischen Sicherheits-Untersuchungsrats, der die technischen Hintergründe von Katastrophen ermittelt. Befund: Eine Flugabwehrrakete des aus Russland stammenden Typs „BUK“ ist für den Abschuss verantwortlich. Die Schuldfrage war nicht Gegenstand des Reports. Trotzdem machte sich Ungeduld im Land breit. Hinterbliebene und Öffentlichkeit wollten die Wahrheit erfahren.

Die Monate und Jahre, die kamen, waren zäh. Wenn Hans de Borst heute zurückblickt, betont er, zufrieden zu sein mit der Informationspolitik der Regierung. „Rutte, der als einziger von damals noch dabei ist, hat uns mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln immer gut geholfen.“ Diese Mittel aber sind beschränkt, und das gemeinsame Investigationsteam der Niederlande, Belgiens, Australiens, Malaysias sowie der Ukraine ermittelte zwar fieberhaft, kommunizierte jedoch erneut monatelang nichts nach außen.

Unter den Hinterbliebenen gab es eine kleine Gruppe von etwa 25 Personen, die sich in dieser Situation Gehör verschaffen wollte. Sie waren bei Parlamentsdebatten anwesend, trafen sich mit dem Premierminister oder Außenminister Stef Blok, schrieben die EU-Außenbeauftragte Frederica Mogherini, die außenpolitische Chefin der EU, an, um mit ihrer Hilfe Radar- und Satellitenaufnahmen vom Abschuss zu bekommen. Die Gruppe nennt sich „Arbeitsgruppe Wahrheitsfindung MH17“. Hans de Borst war von Anfang an Teil dieser Gruppe.

Als im Herbst 2016 ein erster Bericht des „Joint Investigation Teams“ mit Mitgliedern aus Belgien, der Ukraine, Australien und Malaysia erschien, wonach die BUK-Rakete aus von prorussischen Rebellen gehaltenem Territorium abgefeuert und aus Russland geliefert wurde, war das für die Angehörigen eine Erleichterung. „Es tut noch immer jeden Tag weh, dass Elsemieks Mörder damit davonkommen“, hatte Hans de Borst am Abend zuvor noch per Messaging-Dienst geschrieben. Am Tag darauf nennt er den Report „eine klare Geschichte mit wirklichen Beweisen. Es tut gut, dass das Team der Staatsanwaltschaft an der Aufklärung arbeitet.“

Der aufreibende Dauerzustand forderte derweil seinen Tribut. Hans de Borst hatte Konzentrationsprobleme, und für seine Arbeit in einer großen Bank fehlte ihm die Motivation. Feilschen um 0,2 Prozentpunkte, das machte keinen Sinn mehr für ihn. Bei einer internen Umstrukturierung schied er freiwillig aus. Er empfing eine Zeitlang Arbeitslosengeld. Irgendwann schickte ihn das Amt zum Gespräch mit einem Psychiater, wobei es auch um neue berufliche Optionen ging. „Sie können doch gar nicht arbeiten! Sie haben doch schon einen Job“, sagte ihm der Psychiater. Hans de Borst verstand nicht, was er meinte. „Nun, Sie sind permanent Hinterbliebener von MH17. Das ist doch Ihre Arbeit“. Und de Borst fühlte sich ertappt.

Unter allen Angehörigen ist er fraglos einer der aktivsten. Täglich tauscht er sich mit den anderen in der Wahrheitsfindungsgruppe aus. Er organisiert die jährlichen Gedenkfeiern am nationalen MH17-Monument am Flughafen Schiphol mit und Protestaktionen vor der russischen Botschaft in Den Haag. Er fährt nach Brüssel und redet vor den Fraktionen des EU- Parlaments. Umso bemerkenswerter seine Antwort auf die Frage, ob das seinem Charakter entspreche. „Eigentlich nicht. Ich bin eher abwartend. Aber es ist gut, wenn wir uns etwas stärker positionieren.“

Dabei ist der Kontakt mit jenen, die in der gleichen Lage stecken, auch das, was ihm Halt gibt und hilft, wieder einen inneren Antrieb zu entwickeln. Das geteilte Leid hat auch die sozialen Gefüge jener, die zurückblieben, verändert. Hans de Borst hat neue Freundschaften geschlossen, er nahm an einem „MH17-Tennisturnier“ teil – „das ist doch verrückt, aber auch schön!“ Er besuchte andere Eltern, die bei dem Abschuss ihre Kinder verloren haben, in New York oder Newcastle. Wenn er dort mit dem Vater eines englischen Opfers in einem Pub sitzt, sagt er beim Anstoßen schon mal: „Lieber hätte ich dich nie kennengelernt. Aber wo wir uns schon mal kennen, trinken wir besser ein Bier zusammen!“

Im Juni 2019 machte die niederländische Staatsanwaltschaft bekannt, wegen MH17 vier Haftbefehle zu erlassen. Der Prozess solle am 9. März 2020 beginnen. Hans de Borst ist wieder einmal nach Nieuwegein gekommen, ein unscheinbares Städtchen in der Mitte des Landes und der Ort, an dem die Angehörigen in der Regel über neue Entwicklungen informiert werden. „Das verschafft mir fast Erleichterung. Ich betrachte es als ersten Schritt auf dem Weg zur Gerechtigkeit.“

Genau dort, im Eventzentrum von Nieuwegein, will er im Kreis der anderen auch den Prozess verfolgen. Für ein paar Sitzungstage gleich zu Beginn hat er sich als Besucher registriert, beim Gerichtshof in der Nähe des Flughafens Schiphol. Später, im Herbst, will er auch von seinem Rederecht vor Gericht Gebrauch machen. „Da geht es dann um die persönliche Geschichte, und was das alles mit uns gemacht hat.“

Dass der Prozess nun endlich beginnt, sieht Hans de Borst nach all den Jahren des Wartens mit Genugtuung. Eine Verurteilung der Beschuldigten, drei davon mit russischer, einer mit ukrainischer Staatsbürgerschaft, könnte den Hinterbliebenen bei der Verarbeitung der Trauer zu helfen. Doch es geht ihm um mehr: „Der niederländische Außenminister sagte uns einmal, sie seien es uns schuldig, dass der Prozess bald beginne. Einer von uns entgegnete: ‚Das seid ihr der Welt schuldig. Denn wie kann es sein, dass jemand einen Massenmord begeht und damit davonkommt?‘“

Russland lehnt jede Verantwortung für den Abschuss ab und bezichtigt die Ukraine, dafür verantwortlich zu sein. Die Beschuldigten selbst werden bei dem Prozess wohl ohnehin nicht anwesend sein; sie werden in Russland oder in von pro-russischen Rebellen kontrolliertem ukrainischem Territorium vermutet, ihre Auslieferung an das Gericht in Den Haag wäre gemäß russischem Recht gar verboten.

Was für de Borst in jedem Fall bleiben wird, ist das Vermissen seiner Tochter, das sich in so vielen Situationen einstellt. In Alltäglichem, wie beim Zubereiten einer Tasse Kaffee oder Tee, die man gerne zusammen trinken würde. Dem Geräusch, das sie in der Garage machte, wenn sie am Wochenende mit dem Fahrrad vom Haus der Mutter kam, und das de Borst nun seit fast sechs Jahren nicht mehr gehört hat. Der Pausen entlang der Skipiste, im liebgewonnenen Wintersportort in Österreich. Er hat dort irgendwo eine Erinnerungsplakette mit ihrem Namen angebracht und zündet an der Stelle, die er sich dafür ausgesucht hat, manchmal eine Kerze für Elsemiek an. Neulich erst war Hans de Borst wieder zum Skifahren an dem Ort. „Jetzt sitze ich allein auf der Bank. Aber sie ist doch ein bisschen dabei.“

Tobias Müller berichtet für die woxx aus Belgien und den Niederlanden.

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