Pluridisziplinäre Kunst
: Das Bestiarium des Dr Kantor


von | 22.09.2016

Der russische Maler, Bildhauer, Autor und Essayist Maxim Kantor ist mit einer Doppel-Ausstellung im Neimënster und in der Galerie Simoncini zu sehen. „Das neue Bestiarium“ zeigt ein Sammelsurium von Heiligenfiguren, Fabelwesen, tierischen und menschlichen Ungeheuern, ganz im Stil mittelalterlicher Vorbilder.

1390expoDer Sohn des Kunsthistorikers und Philosophen Karl Kantor begann als 20jähriger zusammen mit seiner Untergrundgruppe „Red House“, die Moskauer Kunstszene aufzumischen; die internationale Szene wurde schnell auf ihn aufmerksam und beschleunigte seinen Aufstieg zu einem der einflussreichsten Künstler Russlands. Kantor lässt sich jedoch ungern von Strömungen vereinnahmen und ist bis heute seinem eigenständigen, unverkennbaren Stil treu geblieben. Seine Ölgemälde bestechen durch ausdrucksstarke Farben und eine kraftvolle Pinselführung, mit der mal unheimlich anmutende Landschaften, dann wieder bedrückend gebrochene Figuren geschaffen werden.

Kantor ist auch bekannt für seine Radierungen und Lithografien. Seit den frühen 1990er Jahren betätigt er sich darüber hinaus literarisch: Er schreibt Romane und ist ebenfalls mit satirischen Theaterstücken sowie politischen Essays hervorgetreten, in denen er zu gesellschaftlichen Themen kritisch Stellung bezieht.

Dieser politische Impetus zeigt sich natürlich auch in seinem bildlichen Schaffen; Kantor nutzt seine Kunst, um Unterdrückung und Leid aufzuzeigen und zu benennen. Dabei benutzt er mitunter eine mittelalterlich anmutende Bildsprache, wie sie auch sehr gut an den Exponaten im prominentesten Teil der Ausstellung, im Lucien-Wercollier-Kreuzgang des Neimënster, zu sehen ist. Die Räumlichkeiten sind ideal für diese verstörende Menschen- und Tierschau, die das Programmheft als „ewige Kreaturen, die in jeder Epoche ein anderes Erscheinungsbild haben“ bezeichnet. So reihen sich Heiligenporträts (St. Thomas d’Aquin, St. Jean Baptiste) und biblische Szenen (Leviathan, L’Arche, Fuite en Égypte) an apokalyptische Visionen (Le printemps brun, Le viol de l’Europe); dabei taucht immer wieder der Drache als Symbol des Bösen auf, begleitet von zahlreichen anderen Tieren und halb-menschlichen Wesen, die der ganzen Ausstellung ein dystopisches Flair geben. Interessant sind auch die Marionetten im Stil Honoré Daumiers, die Märchenfiguren (La princesse) und zeitgenössische Figuren (Le capitaliste) darstellen, aber auch mit dem „Tsar-Président Bicéphale“ ein politisches Clin-d’Oeil wagen.

Nach dem Kreuzgang gilt es, den „escalier baroque“ aufzusuchen, in dem Maxim Kantors Lithografien zu sehen sind. Hier finden sich manche Motive wieder, etwa der enthauptete Johannes der Täufer oder die „Réfugiés“, die vor einem unbenannten Bösen zu fliehen scheinen. Auch hier nehmen die Bilder – zum Beispiel die „Danse macabre“ – mittelalterliche Motive auf und treten so typologisch in Beziehung zu den unheimlichen Kreaturen, die im Kreuzgang begonnen wurde. Das Bestechende liegt jedoch darin, dass es Kantor mit nur wenigen Details in den einzelnen Werken gelingt, eine Aktualität zu generieren und das Unheimliche ins Heute zu transportieren.

Die Kantor-Werkschau wird im Untergeschoss der Galerie Simoncini fortgesetzt. Hier stehen Porträts und Landschaftsbilder im Vordergrund. Das Meisterstück bildet hier Kantors Kunstbuch „The Ballad of Robin Hood“, das Grafiken, Gedichte und Zeichnungen im Stil eines mittelalterlichen Codex verbindet.

Bis zum 2. November.

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