Literatur ist ihre Leidenschaft – vor allem, wenn sie aus guten Texten noch bessere machen darf. Die Lektorin Myriam Reisdorfer betreut Buchprojekte, häufig mehrere gleichzeitig und oft über Monate hinweg. Ihren Beruf übt die studierte Germanistin mit Fingerspitzengefühl und viel Liebe zum Detail aus.

Vor ihrer Tätigkeit als Lektorin studierte Myriam Reisdorfer zunächst Germanistik, dann Luxemburgistik an der Universität Luxemburg. (Foto: Chris Lauer/woxx)
Vom Manuskript bis zur Veröffentlichung liegt oft ein weiter Weg. Das Schöne daran ist, dass man ihn nicht alleine gehen muss. Als Lektorin begleitet Myriam Reisdorfer Schriftsteller*innen bei der Realisierung ihrer literarischen Projekte. Dabei demonstriert die Buchkennerin sowohl Sachverstand als auch Feingefühl – beides ist für die gute Zusammenarbeit mit den zu veröffentlichenden Autor*innen unabdingbar. Denn jede Literatin und jeder Literat bringt eine ganz eigene Persönlichkeit mit und hat ganz individuelle wunde Punkte. Mit schwierigen, leicht zu kränkenden Autor*innen müsse sie sich aber nicht abplagen, sagt die Mitarbeiterin der Éditions Guy Binsfeld, denn solche seien glücklicherweise im Verlagsprogramm nicht vertreten.
Mit der woxx hat sie sich an einem ganz speziellen Ort verabredet: dem Café de la Place in Stadtviertel Bonneweg, das dank seiner Ecklage von zwei Seiten von Sonnenlicht durchflutet wird, wodurch man beim Eintreten gleich in eine warme, behagliche Atmosphäre eintaucht. Das Café ist Teil des Verlagssitzes, hier finden die Angestellten zu Meetings zusammen, doch es werden auch öffentliche Veranstaltungen wie Lesungen abgehalten. Dann sind alle Tische besetzt – und das Publikum scheint durch den großen Wandspiegel noch verdoppelt.
Stimmt es denn, dass Lektor*innen gerne herumkritteln? „Keineswegs“, entgegnet Myriam Reisdorfer ohne zu zögern. „Ich persönlich lobe lieber, das ist klar. Aber wenn ich kritisieren muss, dann tue ich das auch.“ Sie scheue nicht davor zurück, negatives Feedback zu geben, drücke sich aber stets diplomatisch aus, da sie wisse: „Die Texte der Autoren sind ihre Babys, mit denen sie eine lange und intensive Zeit verbracht haben.“ Dementsprechend umsichtig solle der Umgang mit ihnen sein.

Ein Regal voller Neuerscheinungen. Dass viel Arbeit in die Bücher geflossen ist, weiß keine*r besser als Myriam Reisdorfer. (Foto: Chris Lauer/woxx)
Die Arbeit mit Veteran*innen des Literaturbetriebs schätzt die Lektorin, die selbst auch seit neun Jahren Teil davon ist, allgemein als leichter ein. Diese wissen bereits, wie ein Text aufgebaut sein muss, sie berücksichtigen das Layout mit und haben eine konkretere Vorstellung vom Endprodukt, also dem gedruckten Buch. Dann laufe die Zusammenarbeit reibungslos ab, sagt sie. Auch wenn der Austausch zunächst vor allem über E-Mail verläuft, ersetzt nichts das persönliche Gespräch. Ist das Buchprojekt schon bis zu einem gewissen Punkt gediehen, setzen sie und der*die Schreibende sich zusammen, um die Korrekturvorschläge gemeinsam zu besprechen. Das mache das Ganze angenehmer und gehe oft auch schneller, erklärt die Lektorin, die aus jedem Text das Beste herausholen möchte.
Manchmal ist sie mit fünf oder sechs Projekten gleichzeitig beschäftigt, in anderen Phasen sind es nur zwei. Eine Herausforderung, besonders da es in jedem Fall strenge Deadlines zu berücksichtigen gibt und die Betreuungsprozesse gut ein halbes Jahr in Anspruch nehmen können. Die manchmal recht kurzen Fristen seien das, was sie am wenigsten an ihrem Beruf möge, gesteht Myriam Reisdorfer. Und sonst? „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, ich mache meinen Beruf wirklich gerne.“
Die Lektüre muss Spaß machen
Selbst der hohe Workload erschreckt den Profi nicht. Jedes Manuskript, das an den Verlag geschickt wird, landet zunächst auf ihrem Schreibtisch, wobei sich die Zahl an Einsendungen jährlich zwischen 100 und 200 bewegt. Myriam Reisdorfer trennt die Spreu vom Weizen. Sie sortiert jene Dossiers aus, die unvollständig sind oder bei denen sie sieht, dass es „nicht funktioniert“ – weil die Schreibprojekte nicht die nötigen Qualitätsstandards erfüllen oder einfach nicht zum Profil des Verlagshauses passen.
Nach der ersten groben Einschätzung leitet sie die Texte dann an ihre Mitarbeiter*innen weiter. Zwei Lektor*innen kümmern sich um die luxemburgischen Werke, eine Person ist für die französischen Texte zuständig, eine weitere für die deutschen. Ein kleines Team, wie Myriam Reisdorfer selbst sagt. Aber vielleicht würden auch zu viele Köch*innen den Brei verderben, immerhin muss sich die vierköpfige Gruppe über jede einzelne Einreichung einig werden: Erteilen sie eine Absage oder nehmen sie das Manuskript an? Wie schwer fällt eine solche Wahl? Meistens könnten sie ihre Meinungen in der Diskussion auf einen Nenner bringen, erzählt die Lektorin. „Wir können dann schon eine Entscheidung treffen.“ Das letzte Wort aber habe der Verleger und Geschäftsführer Marc Binsfeld – auf sein finales „Go“ warten sie.
Und aus der Autor*innen-Perspektive gefragt: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man die so sehr erhoffte positive Antwort vom Verlag erhält? Bei den Büchern, die auf klassischem Weg von einem*r unbekannten Autor*in eingeschickt würden, seien die Chancen relativ gering, gesteht Myriam Reisdorfer. Das liege meistens an der mangelnden Qualität der Texte. Auch Geschichten, die ihr an sich gut gefielen, bei denen der Arbeitsaufwand für das Lektorat aber zu hoch sei, müsse sie schweren Herzens ablehnen. Eine Erklärung für die Absage könne sie Autor*innen aus Zeitgründen leider nicht immer mitschicken.

(Foto: Chris Lauer/woxx)
Die studierte Germanistin weiß, was ein gutes Manuskript auszeichnet: „Es muss spannend geschrieben sein, die Lektüre muss Spaß machen. Die Geschichte sollte auch für ein größeres Publikum interessant sein. Und dann kommt es natürlich auf den Stil an.“ Wenn Myriam Reisdorfer sich in ein Manuskript vertieft, hat sie auch immer das luxemburgische Publikum im Kopf: Welches Buch könnte Anklang finden? Das sei schwer vorauszuahnen, sagt sie. Aber bei den Auswahlprozessen lasse sie sich nie einfach nur von ihrem persönlichen Geschmack leiten. „Das ist nicht machbar und auch nicht fair den Autoren gegenüber.“
Die Bestseller des Verlags findet man eher nicht in der Belletristik, sondern in den Bereichen der Sach- und Kinderliteratur. Bücher mit Wanderrouten verkauften sich ganz gut, stellt die Verlagsmitarbeiterin fest, ebenso wie Kinderbücher. Hier seien Auflagen zwischen 3.000 und 10.000 Exemplaren normal. Bei Romanen backt der Verlag deutlich kleinere Brötchen, so werden zwischen 500 und 1.000 Bücher pro Titel gedruckt. Früher hätten sie, je nach Autor*in, über tausend Exemplare verkauft, das sei aber heute nicht mehr der Fall. Haben Kulturpessimist*innen etwa Recht mit ihrer Behauptung, dass Menschen immer weniger lesen? Myriam Reisdorfer glaubt eher, dass es daran liege, dass der luxemburgische Buchmarkt immer größer werde. „Es gibt furchtbar viele Veröffentlichungen. Alleine, wenn man sich die Website bicher.lu ansieht, merkt man, wie viele Bücher jedes Jahr herauskommen“, sagt die Literaturliebhaberin. Der Ursprung für den Verkaufsrückgang bei den einzelnen Titeln liegt demnach wohl bei der Vervielfachung der Auswahlmöglichkeiten und, damit verbunden, der stärkeren Konkurrenz zwischen Autor*innen und Verlagen.
Auch wenn so für die einzelnen Schriftsteller*innen ein weniger großes Stück vom Kuchen übrigbleibt, scheint – das zeigt diese Entwicklung – die Zukunft des Buches jedenfalls gesichert. Myriam Reisdorfer wird also weiterhin genug zu tun haben und als Buchhebamme dafür sorgen, dass literarische Werke das Licht der Welt erblicken. Jedes Mal fiebert sie dabei auf den Augenblick hin, wenn sie ein frisch gedrucktes Buch in den Händen halten darf. Dieser Moment sei bewegend, weil „man so viele Monate an einem Buch gearbeitet hat und genau weiß, wie viel Schweiß und Herzblut man reingesteckt hat.“

