Rechtsextreme in den USA: Die Maga-Hitler-Connection

von | 14.11.2025

Der traditionsreiche konservative Think Tank „Heritage Foundation“ steht im Mittelpunkt eines Antisemitismusskandals. Dabei geht es auch um die Zukunft der Maga-Bewegung und außenpolitische Richtungskämpfe in der Republikanischen Partei.

Gehört trotz seiner Entwicklung zum rechtsextremen Verschwörungstheoretiker immer noch zum republikanischen Establishment: Der ehemalige Fox-News-Moderator Tucker Carlson während seiner Rede auf dem Parteitag der Republikaner im Juli 2024. (Foto: EPA/JIM LO SCALZO)

Es war ein weiteres Zeichen dafür, dass bei der „Heritage Foundation“, seit den Zeiten von Ronald Reagan der wohl bedeutendste konservative Think Tank in den USA und wohl der wichtigste Stichwortgeber für die Regierung Donald Trumps, einiges aus dem Ruder gelaufen ist: Anfang November beendete die „National Task Force to Combat Antisemitism“ (Nationale Arbeitsgruppe für den Kampf gegen Antisemitismus) die Zusammenarbeit mit der konservativen Stiftung. Dabei war diese führend daran beteiligt gewesen, die Task Force nach dem 7. Oktober 2023 überhaupt aus der Taufe zu heben. Der Zusammenschluss von Dutzenden konservativen und jüdischen Gruppen hat es sich zum Ziel gemacht, gegen den Antisemitismus der „antiisraelischen, antizionistischen und antiamerikanischen ‚Pro-Palästina-Bewegung‘“ zu kämpfen, wie es damals hieß. Doch nun wolle sich die Task Force auch dem „Kampf gegen die sich im Aufstieg befindliche Plage des Antisemitismus auf der Rechten“ widmen, schrieb deren Vorstand in einer internen E-Mail. Er zieht damit die Konsequenz aus der Unfähigkeit der Heritage-Führung, insbesondere des Präsidenten Kevin Roberts, sich von Antisemiten in der Maga-Bewegung abzugrenzen.

Alles begann mit einem Interview, das der ehemalige „Fox-News“-Moderator Tucker Carlson Ende Oktober mit dem bekennenden Antisemiten, Hitler-Fan und Produzenten von Livestreams Nick Fuentes führte. Carlson hat in seiner Online-Show regelmäßig fragwürdige Gäste, nicht zuletzt führte er ein unkritisches Interview mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Vor einem Jahr sagte der Amateurhistoriker Darryl Cooper in Carlsons Sendung, Winston Churchill sei der eigentliche Bösewicht des Zweiten Weltkriegs, nicht Hitler. Carlson hat damit einigen Erfolg: Den „Spotify“-Podcast-Charts zufolge ist seine Sendung der drittbeliebteste in den USA.

Doch das Interview mit Fuentes war selbst für Carlson ein – offenbar gut kalkulierter – Tabubruch. Über zwei Stunden lang unterhielt er sich freundlich mit dem stets auf Krawall gebürsteten 27-jährigen Neonazi, der sein politisches Bekenntnis einmal so zusammengefasst hatte: „Es ist wirklich nicht kompliziert. Die Juden beherrschen die Gesellschaft. Frauen sollen die Fresse halten. Schwarze müssen ins Gefängnis, zum Großteil. Und dann würden wir im Paradies leben!“

Selbst die extremsten unter den bekannten Trump-Anhängern wirken im Vergleich zu Nick Fuentes gehemmt.

Für Rechte, die ihren Antisemitismus hinter Begriffen wie „Globalisten“ oder Verschwörungserzählungen über „satanische pädophile Eliten“ verstecken, hat Fuentes nur Verachtung übrig. „Es sind die Juden! Die Juden haben die Macht“, hämmert er seinem Publikum seit Jahren in seiner eigenen Online-Show ein. Dabei tritt er auf wie ein rassistischer, frauenfeindlicher Zotenreißer, der gleichzeitig ein klares politisches Programm anbietet: „America First“, aber eindeutig völkisch verstanden.

Selbst die extremsten unter den bekannten Trump-Anhängern wirken im Vergleich zu Fuentes gehemmt, der seinerseits fast die gesamte restliche Maga-Bewegung als letztlich doch vor den Juden katzbuckelnd darstellt. Er bedient dabei die Untergangsstimmung von rechtsextremen Männern, die sich nicht nur von den „jüdischen Oligarchen“ unterdrückt fühlen, sondern auch als Opfer von Frauen sehen. Deren zu große Macht sei für den Niedergang der USA mitverantwortlich – und dafür, dass junge Männer wie Fuentes kein Interesse daran haben, Familien zu gründen.

So ist Fuentes unter jungen ex- trem rechten Maga-Anhängern zu einem der einflussreichsten politischen Kommentatoren geworden. Stets hält er seine Anhänger, die sich „Groyper“ nennen, dazu an, in ihrem wirklichen Leben ihre wahren politischen Ansichten zu verbergen und stattdessen Karriere zu machen. So sollen sie die Institutionen unterwandern. Das klingt größenwahnsinnig, ist in Teilen des republikanischen Establishments aber offenbar durchaus möglich: Im republikanischen Apparat der Hauptstadt seien 30 bis 40 Prozent der Mitarbeiter aus der Generation Z, also der Leute in ihren Zwanzigern, Fans von Fuentes, warnte der erzkonservative Autor und fundamentalistische Christ Rod Dreher kürzlich.

Von all dem war in Carlsons Gespräch mit Fuentes jedoch kaum die Rede. Kritische Fragen stellte der Gastgeber nahezu keine. Stattdessen wollte er über das sprechen, was seit einiger Zeit immer mehr auch zu seiner eigenen Obsession geworden ist: Israel und die angeblich sklavische Unterstützung für den jüdischen Staat in der Republikanischen Partei. Carlson stellte Fuentes als einen vielleicht kritikwürdigen, aber nach einem Platz in der Trump-Bewegung suchenden jungen Mann dar, der vom konservativen Establishment verstoßen wurde, weil er kritische Fragen über Israel gestellt habe. Jetzt, wo auch unter jungen Republikanern antiisraelische Stimmungen immer stärker werden (bei jungen Demokraten dominieren sie seit Jahren ohnehin), hieß Carlson den verlorenen Sohn quasi wieder in der Maga-Bewegung willkommen.

Offenbar verlangten daraufhin zahlreiche Spender und auch Mitarbeiter der Heritage Foundation von deren Präsidenten Kevin Roberts, sich von Carlson zu distanzieren. Denn Carlson gehört trotz seiner Entwicklung zum rechtsextremen Verschwörungstheoretiker immer noch zum republikanischen Establishment, spricht auf dessen Konferenzen und wurde über den Kauf von Werbeblöcken in seiner Sendung auch finanziell von der Heritage Foundation unterstützt. Roberts Reaktion jedoch war das Gegenteil einer Distanzierung: Er veröffentlichte auf der Plattform „X“ ein Video, in dem er Carlson als „engen Freund“ seines Think Tank bezeichnete. Die „gehässige Koalition, die ihn jetzt angreift, sät nur Uneinigkeit“, sagte Roberts, „Konservative sollten keine Verpflichtung verspüren, reflexhaft eine ausländische Regierung zu unterstützen, egal wie laut der Druck von der globalistischen Klasse und ihren Sprachrohren in Washington wird.“

Seitdem bemüht sich Roberts um Schadensbegrenzung, bezeichnet das Video als „Fehler“ und verspricht, gegen Antisemitismus zu kämpfen. Zahlreiche Mitarbeiter der Heritage Foundation zeigten sich empört über seinen Verrat an den liberalen Traditionen des US-Konservatismus. Aber der Schaden ist angerichtet: Sein Video hat ein grelles Licht auf die Verrohung der Republikaner unter Trump geworfen. Und es führte vor, wie der zu dieser Verrohung fast notwendig gehörende Antisemitismus selbst in republikanischen Institutionen, die jahrzehntelang eine proisraelische Politik vertraten, den ehemaligen Konsens ins Wanken bringt.

Kevin Roberts hatte Ende 2021 die Führung der Heritage Foundation mit der Aufgabe übernommen, den Think Tank auf Trump-Linie zu bringen.

Der Vorfall zeigt zudem, in welchem Ausmaß einstige intellektuelle Autoritäten des US-Konservatismus, Think Tanks, Magazine, aber auch das theologische Establishment der evangelikalen Christen (von Carlson als „christliche Zionisten“ und „Häretiker“ beschimpft) an Bedeutung verloren haben. Wer zu den Trump-Anhängern sprechen will, muss das im Internet tun und konkurriert dort mit einer unüberschaubaren Menge von unseriösen Podcastern, rechten Comedians, Verschwörungstheoretikern und anonym Postenden mit grünen Fröschen als Profilbild. Die einflussreichsten politischen Persönlichkeiten sind mittlerweile Entertainer, die es schaffen, täglich mehrere Stunden Videomaterial zu produzieren, mit dem sie ein großes Publikum bei der Stange halten. Das gelingt offenbar Verschwörungstheoretikern oder Krawallfaschisten wie Fuentes sehr gut.

Hinter dem Skandal verbirgt sich allerdings auch ein politischer Richtungskampf der Maga-Bewegung, bei dem neben der Auseinandersetzung darüber, wie völkisch ihr Nationalismus werden soll, auch die außenpolitische Orientierung eine entscheidende Rolle spielt. Kevin Roberts hatte Ende 2021 die Führung der Heritage Foundation mit der Aufgabe übernommen, den Think Tank, eine Hochburg des Konservatismus im Stile Ronald Reagans, auf Trump-Linie zu bringen: Zölle statt Freihandel, Massenabschiebungen statt prinzipieller Offenheit für Einwanderung und so weiter. Auch außenpolitisch sollte mit der bisherigen republikanischen Politik gebrochen werden. Das zeigte sich drei Monate nach Roberts’ Amtsantritt, als Putin den Überfall auf die Ukraine befahl. Zunächst hingen vor dem Heritage-Gebäude noch in Solidarität Ukraine-Flaggen. Doch bald schwenkte der Think Tank um, und ab Mai 2022 setzte er sich dafür ein, dass republikanische Abgeordnete gegen weitere Waffenlieferungen an die Ukraine stimmen. Die amerikanische Tageszeitung „Wall Street Journal“ berichtet, Roberts habe damals seine Mitarbeiter angewiesen, sich die Sendung von Tucker Carlson anzuschauen, der in von Verschwörungstheorien strotzenden Monologen gegen die Unterstützung der Ukraine agitierte.

Diese Kampagne führt Carlson bis heute fort, doch eignet sich das Thema Ukraine nicht mehr so wie anfangs, sein Publikum gegen seinen Lieblingsfeind, das vermeintlich kriegsbesessene „neokonservative Establishment“, aufzubringen. Das gelingt Carlson besser mit dem Thema Israel. Als sich im Sommer andeutete, dass die USA Luftangriffe auf iranische Atomanlagen unternehmen könnten, führte Carlson eine heftige Kampagne gegen die vermeintlichen Versuche, die USA im Nahen Osten in einen Weltkrieg hineinzuziehen.

In seinem Kampf für Appeasement mit dem Iran, Russland und auch China ist Carlson offenbar sogar Fuentes als Verbündeter recht. Dieser spricht regelmäßig von einem „Genozid in Gaza“ und der Brutalität der israelischen Regierung unter Ministerpräsident Benjamin Netanyahu. Und führt dann aus, dass die US-Regierung das mittrage, weil das „internationale Judentum“ die Macht habe.

Paul Dans, der ab 2022 bei der Heritage Foundation das sogenannte Project 2025 leitete, bei dem ein umfassendes politisches Programm für Trumps zweite Amtszeit ausgearbeitet wurde, ist sich sicher, dass es um eine Richtungsentscheidung der Trump-Bewegung gehe: „Es ist ein Kampf um die Zukunft von America First“, sagte er dem Wall Street Journal. „Es geht darum, ob das wieder in die Fänge der neocons, des deep state gerät – oder in die Hände einer neuen Generation von Kämpfern übergeht.“

Paul Simon ist Redakteur der in Berlin erscheinenden Wochenzeitung „Jungle World“, mit der die woxx seit vielen Jahren kooperiert.

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