Robert Schofield: „Menschen suchen nach Geschichten, die eine gewisse Moral beinhalten.”

In seinem zweiten englischsprachigen Roman „The Treasury of Tales” begibt sich der in Luxemburg lebende britische Autor Robert Schofield auf die Spuren der Gebrüder Grimm. Die fiktive Erzählung spielt in Rabenheim an der Mosel, während der siebenjährigen Besatzung des Gebiets durch die französischen Truppen unter Napoleon. Es geht um Tradition, die Moderne und darum, was eine gute Geschichte ausmacht.

„Lesen ist nicht nur ein intellektueller Akt.” Autor Schofield möchte vor allem, dass seine Leser*innen Anteil nehmen am Schicksal der von ihm erdachten Figuren. (Foto: Privat)

woxx: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ausgerechnet die Gebrüder Grimm in Ihrer Geschichte auftreten zu lassen?


Robert Schofield: Vor einigen Jahren verbrachte ich ein Wochenende an der Mosel, in einem Hotel, das früher als Raststätte für Postkutschen diente. Dort konnte ich mir die Gebrüder Grimm bei der Arbeit vorstellen und ich wusste gleich, dass dies der Schauplatz für meine Geschichte sein musste. Zugleich jährte sich das Erscheinen von Grimms „Hausmärchen” zum zweihundertsten Mal und das Thema war in der Presse allgegenwärtig. In einer britischen Zeitung hatte ich einen Artikel über die Entwicklung der Literatur gelesen, welcher überhaupt nicht in Betracht zog, inwiefern die physische Form für die Literatur wichtig ist. In meinem Buch geht es vor allem darum, wie aus der mündlichen Erzähltradition geschriebene Texte wurden. Das Niederschreiben hat, meiner Meinung nach, einen entscheidenden Einfluss darauf, wie eine Geschichte erzählt wird.

Und welchen?


Dadurch wird die Geschichte kodifiziert. Der Märchenerzähler Thomas beschwert sich in meinem Buch übrigens bei Wilhelm Grimm darüber: Sobald man eine Geschichte aufgeschrieben hat, kann man sie nicht mehr verändern. Die Gebrüder Grimm wurden dafür kritisiert, dass die Geschichten durch ihre Niederschrift eine gehobene Form erhielten. Die Sprache veränderte sich, die Abläufe wurden vereinheitlicht.

Gibt es in der Gegenwartsliteratur ähnliche Entwicklungen?


Vor einigen Jahren wurde sehr viel darüber gesprochen, dass physische Bücher durch elektronische Formate ersetzt werden könnten. Dies ist jedoch seither nicht passiert, im Gegenteil. Wilhelm Grimm liebt es, in alten Büchern zu blättern. Auch die Pandemie hat gezeigt, dass Menschen „richtige” Bücher bevorzugen. Es kann sehr tröstlich sein, sich an einem Objekt festzuhalten. Dank der Technologie ist es heute allerdings denkbar, das Format zu erweitern, zum Beispiel Musik direkt in einen geschriebenen Text zu integrieren. Thomas erwähnt dies auch in meinem Buch, als er sich beim Erzählen seiner Geschichten in der Taverne von einem Violinenspieler begleiten lässt. Er macht Wilhelm darauf aufmerksam, dass den niedergeschriebenen Märchen diese zusätzliche Ebene fehlt. Heute wäre das durchaus denkbar, auch wenn diese Möglichkeiten noch kaum genutzt werden.

Was braucht man Ihrer Meinung nach, um eine gute Geschichte zu erzählen?


Die Leser*innen müssen sich vor allem angesprochen und eingebunden fühlen. Lesen ist nicht nur ein intellektueller Akt. Es darf den Leser*innen nicht egal sein, wie die Geschichte ausgeht. Sie müssen nicht unbedingt mit allen Wendungen einverstanden sein, aber sie müssen mitfiebern. Ich bin einmal Zeuge geworden, wie jemand bei der Lektüre eines Buches fast in Ohnmacht gefallen ist, und seither bin ich fasziniert von der Macht, die eine schwarz auf weiß gedruckte Geschichte haben kann. Ich habe versucht, lebendige Figuren zu entwickeln, vor allem die Schwestern Catherine und Marie, mit denen Wilhelm in Rabenheim Bekanntschaft schließt. Ihr Schicksal sollte den Leser*innen nicht gleichgültig sein. Auch wenn die Geschichte vielleicht nicht so endet, wie man sich dies vielleicht erhoffte.

Sie sprechen das Ende der Geschichte an: Der Showdown ist ziemlich spektakulär. Enden Märchen nicht immer mit „Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende?”


Die Geschichte endet so, weil sie so enden musste. Ich kannte das Ende, bevor ich begann, die Geschichte zu schreiben. Es geht um den Konflikt zwischen dem modernen Leben, wie es die Gebrüder Grimm darstellen, und der traditionellen Reaktion auf Hexerei und Aberglaube. Dieser Konflikt kann nur böse enden. Eigentlich dürfte der Schluss nicht überraschend sein, denn fast alle Märchen in diesem Buch enden böse. Viele von Grimms Märchen sind ziemlich düster. Es ging darum, die Menschen davor zu warnen, was passieren würde, wenn sie die von der Gesellschaft vorgegebenen Grenzen überschreiten. Wer tugendhaft ist, wird am Ende mit einem Prinzen belohnt.

Glauben Sie, dass sich die Art, Geschichten zu erzählen und zu konsumieren, durch die modernen Medien, zum Beispiel durch die Streamingdienste verändert hat?


Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich auf der Höhe der Harry-Potter-Epidemie in einen Zug stieg und alle, die dort saßen, das gleiche Buch lasen! Heute gibt es aber so eine große Auswahl an Geschichten, dass jede*r sich aussuchen kann, welche Art von Narrativ sie/er konsumieren und welche Gefühle sie/er empfinden möchte. Ich glaube, dass die Menschen noch immer nach Geschichten suchen, die eine gewisse Moral beinhalten, auch wenn sich diese Moral in den letzten 200 Jahren verändert hat. Man findet nicht viele Erzählungen, in denen der übelste Charakter am Ende belohnt wird. Das passiert im richtigen Leben, aber kaum in den Geschichten. Manchmal schon, dann gibt es einen Antihelden, den alle hassen können. Aber meistens gibt es eine Belohnung für gute Taten und eine Strafe für böse. Wenn ich so darüber nachdenke, dann muss ich mir gleich widersprechen: In gewisser Hinsicht wird in meinem Buch der/die Bösewicht*in am Ende belohnt. Das erklärt sich jedoch durch die Umstände: Es gab eine Invasion, die große soziale Spannungen mit sich brachte, die Figur versucht, sich in dieser vollkommen veränderten Umgebung zurechtzufinden. Sie fühlt sich verlassen und verloren und am Ende möchte sie ihrem Schicksal einfach nur entfliehen.

Nachdem Sie ein ganzes Buch darüber geschrieben haben, was eine gute Geschichte ausmacht: Wie entstehen eigentlich Ihre eigenen Geschichten? 


Ich weiß meistens nicht genau, wo die Inspiration herkommt. Die Geschichte kommt mir einfach in den Sinn und dort köchelt sie dann sehr lange vor sich hin. Ich kann nicht sagen, dass mir das Schreiben eines längeren Werkes Spaß macht. Es ist eher wie ein Zwang. Bei „The Treasury of Tales” hat es mich schon überrascht, wie sehr ich mich mit dieser Geschichte beschäftigt habe. Die Handlung war auch recht schwer zu strukturieren: Ich wollte sichergehen, dass die geschilderten Geschehnisse für die Leser*innen verständlich, aber trotzdem geheimnisvoll bleiben. Ich habe fast sechs Jahre an dem Buch gearbeitet und im Laufe der Zeit wurde es für mich fast zu einer Obsession, wie ich es schaffen könnte, die Geschichte schlüssig vom Anfang bis zum Ende zu spinnen. Bei meinem ersten Roman war es allerdings ein wenig anders: „The Fig Tree and the Mulberry” handelt von einem Mädchen, das im Zweiten Weltkrieg aus London nach Neuseeland evakuiert wird. Obwohl ich natürlich den Roman strukturieren musste, konnte ich auf bekannte Tatsachen zurückgreifen: Es ist die Geschichte meiner Mutter.

Sie wurden für Ihr literarisches Schaffen bereits mehrmals ausgezeichnet. 2020 gewann eine Ihrer Kurzgeschichten den ersten Preis bei einem englischsprachigen Wettbewerb. Wovon handelt sie?


Die Geschichte handelt von zwei Schwestern, eine davon ist eine Journalistin, die über Musik schreiben muss, aber von dem Thema eigentlich keine Ahnung hat. Im Gegensatz zu ihrer Schwester, die sehr musikalisch ist. Die Journalistin bittet also ihre Schwester um gute Ratschläge, nur um diese am Ende komplett zu ignorieren. Es ist eine Geschichte darüber, wie jemand sehr überzeugend über ein Thema schreiben kann, von dem sie/er eigentlich keine Ahnung hat.

Robert Schofield, The Treasury of Tales, Black Fountain Press, 295 Seiten.

Robert Schofield wurde 1963 in Großbritannien geboren und studierte Sprachen in Oxford. Nach einer Karriere im Bankwesen, die ihn von England nach Afrika führte, kam er schließlich nach Luxemburg. Sein Debutroman „The Fig Tree and the Mulberry” wurde 2011 beim Concours littéraire national ausgezeichnet, sein 2013 erschienenes Kinderbuch „The Hoogen-Stoogen Tulip” war für den Lëtzebuerger Buchpräis in der Kategorie Kinderbuch nominiert. „The Treasury of Tales” ist bei dem luxemburgischen Verlag Black Fountain Press erschienen, der auf englischsprachige Literatur spezialisiert ist.

The Treasury of Tales

Black Fountain Press

Wilhelm und Jakob Grimm kommen nach Rabenheim an die Mosel, um in der Klosterbibliothek zu forschen und die wenigen Bücher zu ordnen, welche die französischen Soldaten nach ihren Raubzügen übrig gelassen haben. Wilhelm quartiert sich in einer Taverne ein, auf der Suche nach Geschichten für seine Märchensammlung. Dort macht er rasch Bekanntschaft mit der Dorfgemeinschaft, den Geschwistern Catherine und Marie und dem Märchenerzähler Thomas. Marie kennt sich mit Kräutern aus und scheint in ihrer eigenen Welt zu leben, Catherine musste sich nach der französischen Invasion innerhalb des neugeordneten sozialen Gefüges zurechtfinden und sich den veränderten Machtverhältnissen anpassen. Nach und nach kommt Wilhelm den Geheimnissen des Dorfes auf die Schliche und wird zum Protagonisten seiner eigenen Geschichte.


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