Schon gestreamt? Normal People

Die vielseits gelobte Serie reiht sich ein in eine endlose Liste an Erzählungen, die toxische Beziehungen romantisieren und BDSM-Praktiken verteufeln.

Die Beziehung zwischen Marianne und Connell wird romantisiert, obwohl sie äußerst toxisch ist. (Copyright: BBC)

Seitdem die BBC-Serie „Normal People“ am 26. April auf dem Streaming-Dienst Hulu veröffentlicht wurde, wird sie in den höchsten Tönen gelobt – sowohl von Kritiker*innen, die die Romanvorlage von Autorin Sally Rooney kennen als auch von denen, die das nicht tun. Immer wieder ist zu lesen, wie perfekt die Hauptrollen besetzt sind und der Ton des Buches eingefangen wurde. Die Ähnlichkeit zum Roman ist wohl auch darauf zurückzuführen, dass Rooney selbst, zusammen mit Alice Birch und Mark O‘Rowe, das Drehbuch zur Serie verfasst hat.

Seit gestern können die zwölf halbstündigen Folgen von „Normal People“ nun endlich auch in Luxemburg gestreamt werden. Aber sind sie wirklich so sehenswert, wie viele behaupten? Im Zentrum stehen zwei Menschen: Er, Connell, ist ein beliebter, sportlich begabter Schüler, der heimlich gerne liest. Sie, Marianne, ist die beste Schülerin ihres Jahrgangs, sich für keine scharfe Bemerkung zu schade und mutterseelenallein.

Was die Teenager verbindet, noch bevor sie sich richtig kennenlernen: Beide wurden von alleinerziehenden Müttern großgezogen. Und: Connells Mutter putzt an einigen Tagen der Woche das riesige Anwesen von Marianne und ihrer Familie. Als die beiden eines Tages ins Gespräch kommen, ist die Anziehung, die sie füreinander verspüren, immanent. Eine leidenschaftliche Affäre entzündet sich zwischen ihnen.

„Normal People“ zeigt, wie die Leben der beiden immer wieder auseinanderdriften, um sich dann Monate oder Jahre später wieder zu kreuzen. Dass sich ihre Wege mehrmals trennen, ist dabei weniger divergierenden Lebensverläufen geschuldet, als vielmehr Connells Unfähigkeit, Marianne mit dem nötigen Respekt zu behandeln. Hier kommt die größte Schwäche der Serie ins Spiel: Sie will uns die Beziehung von Marianne und Connell als überlebensgroße Romanze verkaufen. Wir sollen mitfiebern, dass die beiden irgendwann doch noch ein Happy End erleben dürfen. Dabei ist das Verhältnis von Anfang an äußerst toxisch: Eine Mischung aus Arbeiter*innenklassenstolz und Unsicherheit verleitet Connell dazu, seine Beziehung zu Marianne geheim halten zu wollen. In der Schule redet er nicht mit ihr und greift nicht einmal ein, wenn sie gemobbt wird. Als die beiden später während ihres Studiums ihre Affäre wieder aufnehmen, verweigert er ihr im Beisein anderer Körperkontakt, reagiert gleichzeitig aber eifersüchtig, sobald ein anderer Mann sie berührt. Zwar ist ihm sein Fehlverhalten aus der Schulzeit mittlerweile bewusst geworden, auf Augenhöhe begegnet er Marianne aber immer noch nicht. Es besteht kein Zweifel daran, dass Connell sich selbst als guten Typen wahrnimmt und die Serie ist sehr darum bemüht, dass auch das Publikum ihn so sieht: Er verliebt sich aller Umstände zum Trotz in die unbeliebte Streberin und sie zu verletzen ist das Letzte, was er will. Immer dann, wenn Marianne mit einem anderen Mann in einer Beziehung ist, wird sichergestellt, dass Connell im Kontrast dazu, wie die deutlich bessere Wahl für sie erscheint.

© Hulu

Wie Marianne mehrmals deutlich macht, gefällt es ihr, dass Connell die Macht in der Beziehung hat. „Du kannst mit mir machen, was du willst“, fordert sie ihn mehrmals auf. Ihm selbst ist es unangenehm, wenn sie das sagt. „You can’t do things that you don’t want or things you don’t enjoy just to make me happy“, erklärt er ihr an einer Stelle. Was im ersten Moment vorbildlich wirkt, ist es jedoch nicht: Connell stört sich nicht daran, dass Marianne ihre Bedürfnisse den seinen unterordnet, er stört sich nur daran, dass sie das so direkt ausspricht. Sein Problem mit einem offenen Umgang mit Dominanz wird ebenfalls an Aussagen deutlich, die er zu einem späteren Zeitpunkt bezüglich BDSM macht: Die im gemeinsamen Einvernehmen vereinbarten sadomasochistischen Praktiken zwischen Marianne und ihrem Freund wertet er als „grauenhaft“, seine nicht-thematisierte Dominanz über Marianne im Alltag empfindet er jedoch als normal. Dadurch, dass die Serie impliziert, dass Mariannes Interesse an BDSM auf ihren Selbsthass zurückzuführen ist, und Connell, indem er sich weigert sie beim Sex zu schlagen, zu ihrem Retter stilisiert wird, reiht sich die Serie in eine endlose Reihe an negativen und unzutreffenden Darstellungen dieser Praktiken ein. BDSM impliziert viel Kommunikation, im Vorfeld vereinbarte Regeln „Aftercare“ und meist auch ein „safe word“. Nichts davon wird in „Normal People“ thematisiert.

Das ist leider nicht die einzige Schwäche der Serie. Connells Gedanken mögen im Roman ausführlich beschrieben sein – in der Serie bleiben seine Handlungsmotive jedoch unbekannt. Das liegt daran, dass er nicht nur nicht mit Marianne über sein Innenleben kommuniziert, sondern, mit einer Ausnahme am Ende der Staffel, auch mit sonst niemandem. Auch die Entscheidung Marianne, die in der Serie immer wieder von sich und anderen als hässlich bezeichnet wird und deren Selbstwertgefühl wesentlich unter diesem Umstand leidet, von einer normschönen Schauspielerin verkörpern zu lassen, ist wenig nachvollziehbar.

„Normal People“ erzählt eine recht konventionelle Geschichte über Lust und Macht. Durch eine Perspektive, die toxische Verhaltensmuster als das darstellt, was sie sind, hätte die Serie etwas an Originalität gewinnen können. So ist sie allerdings nicht mehr als eine gut gespielte, schön anzuschauende, atmosphärische Soap, die schädliche Stereotype reproduziert.

Auf Starzplay.

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