Sicherheit in Museen: „Wir sind nicht alle in der Kategorie Fort Knox“

von | 13.11.2025

Seit dem millionenschweren Louvre-Kunstraub im vergangenen Oktober wird vermehrt über die Sicherheit in Museen diskutiert. Dabei seien die Kultureinrichtungen selbst bei verlässlicher Sicherheitsausstattung nicht unbedingt vor Diebstählen gefeit, so Tania Brugnoni, Direktorin des Nationalmuseums für Archäologie, Geschichte und Kunst.

Seit Beginn dieses Jahres leitet Tania Brugnoni das MNAHA. (© GilPe/Wiki Commons)

Spektakulär war der Einbruch in den Louvre am 19. Oktober allemal: Die vier vermummten Täter kletterten kurz nach der Öffnung des Museums über einen Lastenaufzug auf einen Balkon, der sich an der zur Seine gewandten Seite des Louvre befindet, drangen in die Apollon-Galerie ein und erbeuteten Schmuckstücke im Wert von ungefähr 88 Millionen Euro – und zwar in einer Rekordzeit von vier bis sieben Minuten. Die Verdächtigen, die bisher festgenommen wurden, stammen Medienberichten zufolge aus dem kleinkriminellen Milieu. Nach weiteren Schuldigen – darunter den Drahtzieher*innen – wird weiterhin gefahndet, von dem erbeuteten Schmuck fehlt ebenfalls jede Spur.

Der Juwelenraub, der international reichlich Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, befeuert derzeit Diskussionen um Sicherheit und Diebstahlschutz in Museen. Dabei ist der Louvre-Einbruch – entgegen dem, was der Hype um diese sensationelle Geschichte vermuten ließe – alles andere als ein Einzelfall. In den vergangenen Monaten kam es in Frankreich immer wieder zu Diebstahldelikten in Museen. Überhaupt werden laut Tania Brugnoni, der Direktorin des luxemburgischen Nationalmuseums für Archäologie, Geschichte und Kunst (MNAHA), regelmäßig Ausstellungsgegenstände aus Museen entwendet. Obgleich Luxemburg bisher von einem großen Coup verschont geblieben ist, stellt sich für sie dann jedes Mal von Neuem die Frage: Sind wir für einen ähnlichen Fall gewappnet?

Ihre knappe Antwort hierauf lautet: „Ja, aber …“ Die Einschränkung verweist nicht etwa auf spezielle Defizite im Sicherheitskonzept des MNAHA, sondern auf ein grundlegendes Problem, dem sich kein Museum entziehen kann: der Spannung zwischen dem Auftrag, als offene Begegnungs- und Bildungsstätte zu fungieren, und der Pflicht, die Sammlungsobjekte zu schützen. „Man kann nicht für hundertprozentige Sicherheit sorgen, auch wenn man auf verschiedene Strategien zurückgreifen kann, um das Risiko zu minimieren“, erklärt Brugnoni im Gespräch mit der woxx.

Die menschliche Komponente

Ein Museumsstandort des MNAHA: das Fort Thüngen in Luxemburg-Stadt, in dem sich das „Musée Dräi Eechelen“ befindet. (© GilPe/Wiki Commons)

Das MNAHA verfügt nicht nur über zwei Recherchezentren, sondern auch über drei Museumsstandorte: Die „Réimervilla“ in Echternach, das „Nationalmusée um Fëschmaart“ und das „Musée Dräi Eechelen“. Mit 130 Mitarbeiter*innen stellt das MNAHA die größte Kultureinrichtung Luxemburgs dar. Sie folgt, was die genannten Sicherheitsstrategien angeht, den Worten ihrer Direktorin zufolge internationalen Standards, vertraut auf Alarmsysteme und die Überwachung durch Kameras und Personen. „Die menschliche Komponente ist wichtig“, bemerkt Brugnoni. Wobei diese oft dann ins Spiel komme, wenn es nicht um die Vorbeugung von Straftaten, sondern um Schadensbegrenzung gehe.

Schadensbegrenzung heißt hier: Personenschutz und die schnelle Kontaktaufnahme mit Ordnungskräften. Aufgrund der potenziellen Lebensgefahr bei einem Überfall steht der Versuch, direkt einzuschreiten und die Täter in die Flucht zu schlagen, für das Sicherheitspersonal nicht im Fokus. Im Falle des Louvre-Diebstahls trugen die Täter zum Beispiel zwar keine Waffen bei sich, waren aber mit gefährlichen Gegenständen wie Winkelschleifern ausgestattet und gingen darüber hinaus brachial vor, indem sie, einmal hineingelangt, Vitrinen zertrümmerten. Museumsangestellte versuchten die Täter trotzdem noch zu stoppen, zogen sich aber schließlich aus Angst zurück, wie aus Presseangaben hervorgeht.

Dass gegen rohe Gewalt überhaupt erst einmal wenig auszurichten ist, ist ein Punkt, der für die Museumsleiterin in der aktuellen Debatte um Sicherheitsmängel in Museen grundsätzlich zu wenig berücksichtigt wird. Doch wie verhindern, dass es überhaupt dazu kommt? „Null Prozent Gefahr gibt es nicht“, unterstreicht Brugnoni. Dennoch können Museen viel tun, um potenzielle Einbrecher*innen abzuschrecken und sich für den Fall der Fälle vorzubereiten – hierzu gehören neben einem angemessenen Personalschlüssel auch die Überprüfung und kontinuierliche Verbesserung der bestehenden Infrastruktur und Sicherheitsmaßnahmen.

Beim MNAHA würden die bestehenden Sicherheitsprotokolle regelmäßig kontrolliert, versichert die Museumschefin: „Wenn die Technologie nicht mehr auf dem neuesten Stand ist, wird sie erneuert und angepasst.“ Bei alledem dürfe man aber auch nicht das rechte Augenmaß verlieren, die Protokolle sollten im Verhältnis zur Größe und zum Bekanntheitsgrad des Museums stehen. „Wir sind nicht alle in der Kategorie Fort Knox“, scherzt die Direktorin. „Wir stellen kein Gold aus und auch keinen Schmuck.“ Das seien die Objekte, die die Kunsträuber*innen am meisten interessierten, denn für andere Dinge, die vielleicht einen größeren historischen oder auch kunsthistorischen Wert besäßen, gebe es nicht unbedingt einen Schwarzmarkt.

Und ihr Blick als Museumsdirektorin auf die teils sensationsorientierte Berichterstattung zum Louvre-Diebstahl? „Wir leben in einer Gesellschaft des Spektakels, diese Definition ist nicht neu“, sagt Brugnoni. „Und spektakulär war es ja schon, nicht? Ich meine, wir haben alle die Lupin-Filme gesehen.“ Ein wenig Gangsterfilm-Atmosphäre im wahren Leben also – führt das mediale Aufsehen um den Einbruch denn dazu, dass wieder mehr Menschen motiviert sind, Ausstellungen zu besuchen? Die Museumsleiterin winkt ab: „Ich glaube nicht. Nun ja, man stellt auch nicht unbedingt eine Verbindung her zwischen dem Louvre und dem Nationalmuseum in Luxemburg, auch nicht als Luxemburger.“

Durch den Juwelenraub im Oktober wurden die mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen im Louvre offensichtlich. Kritik kam vor allem vonseiten des französischen Rechnungshofs, der Anfang November einen Bericht über die Sicherheitsprobleme sowie das finanzielle Missmanagement des Louvre veröffentlichte. Wie im Dokument nachzulesen ist, hat das Museum zwischen 2018 und 2024 für Sicherheitsmaßnahmen nur etwa drei Millionen Euro ausgegeben, obwohl dem Rechnungshof zufolge insgesamt rund 83 Millionen Euro nötig gewesen wären. Stattdessen flossen über 100 Millionen Euro unter anderem in Kunstankäufe. Nach dem Diebstahl, bei dem insgesamt acht Schmuckstücke aus der französischen Kronjuwelensammlung gestohlen wurden, kündigte der Louvre Sofortmaßnahmen an, zu denen die Installierung weiterer Überwachungskameras, die Errichtung von Blockaden an Zugängen sowie die Einstellung eines Sicherheitskoordinators gehören – eine Aufstockung des Sicherheitspersonals ist jedoch nicht vorgesehen. Das Thema Sicherheit, das sich in die Teilbereiche Personen-, Gebäude-, und Objektschutz aufspaltet, liegt beim MNAHA in den Händen eines Beauftragten für Sicherheit. Im Zweiergespann mit der Direktorin Tania Brugnoni bildet er das „Bureau de sécurité“, das wiederum Teil eines zehnköpfigen Sicherheitskomitees ist.

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