Spannender Debütroman: Fragmentarische Annäherung

Zwei kleine Mädchen verschwinden auf der russischen Halbinsel Kamtschatka, aber anstatt eines Krimis macht die amerikanische Autorin Julia Phillips aus diesem Stoff ein sehr präzise geschildertes Kaleidoskop verschiedener Frauenschicksale.

Sorgfalt, die sich ausgezahlt hat: Julia Phillips verbrachte während des Studiums ein Jahr auf Kamtschatka, wo ihr Buch spielt. Zu Recherche-Zwecken kehrte sie noch mehrmals auf die russische Halbinsel zurück. (Foto: © Nina Subin)

Der Anfang von Julia Phillips‘ Roman könnte aus einem Thriller stammen: Die beiden Schwestern Sofija und Aljona werden entführt. Eine Nachbarin hat einen großen Mann in einem dunklen Wagen beobachtet, von dem sich keine Spur mehr findet, obwohl die geografischen Gegebenheiten das Verlassen der Halbinsel sehr schwierig machen. Von diesen Ereignissen geht die Handlung aus, jene stehen aber nicht im Zentrum von dieser. Stattdessen interessiert sich Phillips für die Schicksale der Frauen auf der entlegenen russischen Insel Kamtschatka, die alle unmittelbar oder peripher von diesem Verschwinden betroffen sind.

Da ist Alla, die Mutter, die ebenfalls ihre Tochter Lilja vermisst und hofft, dass deren Verschwinden, welches die Polizei damals für ein Ausreißen hielt, nun neu aufgerollt wird. Oder die Krankenschwester Rewmira, deren Mann als Rettungssanitäter in die Suche nach den Mädchen involviert ist. Dann gibt es Olja, die Jugendliche, die zum ersten Mal Zurückweisung erfährt oder Mila, die ihre Homosexualität nur heimlich ausleben kann.

Diese Fülle an Themen wäre eigentlich ausreichend, um mehrere Romane zu schreiben: Krankheit, Tod, Liebeskummer, Gewalt. Diskriminierung auch, denn Phillips spricht die Vorurteile an, mit denen die Ureinwohner*innen Kamtschatkas konfrontiert sind, auf ihrer Suche nach einem Platz zwischen Tradition und Modernität.

Bemerkenswert ist, wie es Phillips gelingt, genau die richtige Distanz zu ihren Protagonistinnen zu halten. Sie schildert so präzise, dass alle Charaktere durchgehend lebendig erscheinen, sogar Nebenfiguren wirken vielschichtig und real, so wie die Welt, die sie umgibt, das Licht, die Gerüche, die Klänge. Julia Phillips verbrachte selbst ein Jahr auf der nördlich von Japan gelegenen russischen Halbinsel und schrieb mehrere Jahre lang an dem Roman. Diese Sorgfalt der in New Jersey geborenen Autorin zahlt sich aus: Obwohl sie oft nur Bruchstücke erzählt, wirken die Geschichten doch nicht unvollständig; im Gegenteil, sie eröffnen Räume, die es den Leser*innen ermöglichen, ganz in die Romanwelt einzutauchen.

Bemerkenswert ist, wie es Phillips gelingt, genau die richtige Distanz zu ihren Protagonistinnen zu halten.

Nach dem Erscheinen des Romans in Amerika musste sich Phillips vereinzelt den Vorwurf der kulturellen Aneignung gefallen lassen. Sie selbst gibt an, stärker von der kanadischen Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro beeinflusst zu sein als von der russischen Literatur. Ihr Anliegen sei es, verschiedene Frauenschicksale aufzuzeigen, vor allem, die verschiedenen Arten der Gewalt, mit denen Frauen konfrontiert sind. Die „Süddeutsche Zeitung“ fand, dass der feministische Grundgedanke vielleicht nicht ganz schlüssig dargestellt sei, jedoch ist nichts in Phillips’ Roman so eindeutig, als dass man ihn als Pamphlet lesen könnte.

Präzise ist sie aber in den entscheidenden Momenten, wenn sie äußere und innere Konflikte genau beschreibt, ohne sie unbedingt auflösen zu wollen. Und das macht „Das Verschwinden der Erde” zu einem überaus spannenden Buch, wenn auch in ganz anderer Weise als es der Anfang vermuten lässt.

Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Pociao und Roberto de Hollanda. 
dtv-Verlag, 376 Seiten.

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