Die gescheiterte Demokratisierung des Sudan hat den drittgröĂten Staat Afrikas in einen lĂ€nderĂŒbergreifenden BĂŒrgerkrieg gefĂŒhrt, in dem neben sudanesischen Warlords auch Staaten aus aller Welt krĂ€ftig mitmischen.

FlĂŒchtlinge in der sĂŒdsudanesischen Grenzstadt Wunthaou: Unter den Menschen, die derzeit aus dem Sudan hierher fliehen, sind auch viele, die zuvor aus dem SĂŒdsudan in Richtung Norden geflohen sind, nun aber angesichts des bewaffneten Konflikts im Sudan zurĂŒckkehren. (Foto: EPA-EFE/AMEL PAIN)
Was im April mit KĂ€mpfen zwischen den aus Darfur im Westen des Landes stammenden âRapid Support Forcesâ (RSF) unter Mohammed Hamdan Dagalo und der regulĂ€ren Armee in Khartoum begonnen hatte, hat mittlerweile dazu gefĂŒhrt, dass die rivalisierenden Gruppen verschiedene Teile des Landes beherrschen. Dagalos RSF kontrollieren den GroĂteil Darfurs und Teile des Zentralraums bis zur Hauptstadt. Die Armee unter MilitĂ€rmachthaber Abdel Fattah Abdelrahman Burhan hĂ€lt den Norden und Osten und Teile der Hauptstadt. Die aus der ehemals sĂŒdsudanesischen Guerilla âSudan Peopleâs Liberation Movementâ (SPLM) hervorgegangene SPLM-Nord unter Abdelaziz al-Hilu beherrscht den SĂŒden von Kordofan, insbesondere die Nuba-Berge mit ihren vielen kleinen nichtarabischen ethnischen Minderheiten, und wurde im jĂŒngsten Machtkampf zum VerbĂŒndeten Dagalos, wĂ€hrend sich eine andere Fraktion der SPLM-Nord, die von Malik Agar gefĂŒhrt wird, hinter Burhan und das offizielle MilitĂ€r stellte.
Am 17. November verkĂŒndeten schlieĂlich zwei groĂe ehemalige Guerillagruppen aus Darfur, die sich bisher zwischen Dagalo und Burhan neutral verhalten hatten, auf der Seite der Regierungsarmee gegen die RSF kĂ€mpfen zu wollen. Das von Gibril Ibrahim Mohammed gefĂŒhrte âJustice and Equality Movementâ (JEM), das wĂ€hrend des Kriegs in Darfur in den 2000er-Jahren teilweise mit Hasan al-Turabi, dem politischen Ziehvater und spĂ€teren Rivalen des sudanesischen Langzeitdiktators Omar al-Bashir, verbĂŒndet war, und die âSudan Liberation Army/Movementâ (SLA/M) des heutigen Gouverneurs von Darfur, Minni Minnawi, erklĂ€rten nun ihren Eintritt in den ohnehin schon komplexen Mehrfrontenkrieg.
Dabei hatte Minni Minnawi schon bald nach der GrĂŒndung der SLA/M 2001 Teile seiner AnhĂ€ngerschaft verloren. In den folgenden Jahren waren mehrere Splittergruppen der SLA/M aktiv. WĂ€hrend Minnawis SLA/M sich noch mit al-Bashir versöhnte und sich dann auch nach der Revolution von 2019 auf die Seite der MilitĂ€rs stellte, verweigerten andere Gruppen, allen voran die von Abdul Wahid al-Nur gefĂŒhrte Fraktion, auch nach 2019 die Zusammenarbeit mit den MilitĂ€rs.
Al-Nur hatte immer auf einem uneingeschrĂ€nkten Machtverzicht des MilitĂ€rs und einer vollstĂ€ndigen SĂ€kularisierung des Staats bestanden. Seine Fraktion hatte sich immer geweigert, das vom SĂŒdsudan vermittelte âJuba Agreementâ von 2020 zu unterzeichnen. WĂ€hrend sich al-Nur bis heute weder mit Dagalos RSF noch mit Burhans regulĂ€rer Armee verbĂŒndet hat, sondern versucht, eine unabhĂ€ngige AuĂenseiterposition einzunehmen, hat sich eine weitere Abspaltung der SLA/M unter Mustafa Tambour bereits im Juli auf die Seite Burhans und der sudanesischen Armee geschlagen. Zahlreiche weitere Splittergruppen verbĂŒndeten sich entweder mit der Armee oder blieben neutral.
Dass sich bisher keine der relevanten SLA/M-Gruppen mit den RSF verbĂŒndet hat, liegt vor allem an der Vergangenheit Dagalos als Kommandant der Janjaweed. Diese wurden Anfang des 21. Jahrhunderts als irregulĂ€re Milizen des Regimes gegen die insbesondere von nichtarabischen ethnischen Gruppen getragenen darfurischen Rebellen eingesetzt und begingen dabei schwere Kriegsverbrechen. Die RSF haben aber auch in den vergangenen Monaten Massaker an vermeintlichen und wirklichen UnterstĂŒtzer*innen der JEM und der verschiedenen SLA/M- Gruppen begangen.
Die zivilen Aktivist*innen der Demokratiebewegung kĂ€mpfen heutzutage um ihr nacktes Ăberleben.
Seit Monaten kommt es in Darfur immer wieder zu Massakern, EntfĂŒhrungen und Vergewaltigungen. Insbesondere in Westdarfur finden seit Monaten gezielte Vertreibungen von Masalit statt, zuletzt aus der von den RSF eingenommenen Provinzhauptstadt al-Geneina. Am 8. November richteten die RSF im nordöstlich der Stadt gelegenen Dorf Ardamata ein Massaker an, bei dem sie 800 bis 1.300 Zivilistâinnen töteten. Dem UNHCR-Sprecher William Spindler zufolge zogen die KĂ€mpfer der RSF von Haus zu Haus, um systematisch MĂ€nner und Jungen zu töten. Fast eine halbe Million Menschen sind angesichts dieser Gewalt in den vergangenen Monaten aus Darfur in den benachbarten Tschad geflohen, wo sie bloĂ notdĂŒrftig versorgt werden.
Die medizinische Versorgung in Darfur ist seit Beginn des Kriegs fast völlig zusammengebrochen. Eine im September veröffentliche Umfrage mehrerer Hilfsorganisationen wie âUK Aidâ und âUS Aidâ ergab, dass derzeit lediglich 30 Prozent der Siedlungen Darfurs Zugang zu einer grundlegenden medizinischen Versorgung haben. In den FlĂŒchtlingslagern im Tschad ist der Zugang zu medizinischer Versorgung etwas besser. Allerdings gibt es auch fĂŒr diese FlĂŒchtlinge angesichts der humanitĂ€ren Notwendigkeiten andernorts derzeit kaum Mittel. Der bitterarme und selbst instabile Tschad kann die Versorgung kaum gewĂ€hrleisten.
Das bedeutet allerdings nicht, dass es kein internationales Engagement im Sudan gĂ€be. Dieses hilft nur leider nicht der Bevölkerung. Von Anfang an unterstĂŒtzten Ăgypten, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Israel, die beiden rivalisierenden libyschen Regierungen, die USA und Russland unterschiedliche Kriegsparteien im Sudan. Die russische Söldnergruppe Wagner ist auf der Seite von Dagalos RSF aktiv. In den vergangenen Tagen gab es erstmals Belege dafĂŒr, dass ukrainische Spezialeinheiten im Sudan gegen die Wagner-Gruppe im Einsatz sind.
FĂŒr die verschiedenen arabischen Staaten ist der vergleichsweise dĂŒnn besiedelte FlĂ€chenstaat ein wichtiger RĂŒckzugsraum, Rohstofflieferant und potenzieller Nahrungsproduzent. Die Kontrolle ĂŒber die Goldminen in Darfur, die sich Dagalo in den vergangenen Jahren sichern konnte, ermöglicht eine einfache und unkomplizierte Finanzierung seiner RSF. Israel ist wiederum vor allem daran interessiert, den Sudan in den âAbraham Accordsâ zu halten. Am 7. Januar 2021 hatten Sudans Justizminister Nasreddin Abdulbari und US-Finanzminister Steven Mnuchin nach heftigem Druck der USA ein Dokument unterzeichnet, durch das der Sudan der âAbraham-Accordsâ-Deklaration als Signatarstaat beitritt.
Der damit in Aussicht gestellte Friedensvertrag zwischen Israel und dem Sudan konnte jedoch vor Beginn des Gaza-Kriegs in diesem Jahr nicht ausgehandelt werden. Angesichts der derzeitigen Eskalation um Gaza und des Einfrierens des AnnĂ€herungsprozesses mit Saudi-Arabien bangt Israel um die gesamten âAbraham Accordsâ. Sollte der Sudan wieder ausscheiden, wĂ€re dies ein weiterer schwerer RĂŒckschlag fĂŒr das von der Regierung des ehemaligen US-PrĂ€sidenten Donald Trump etablierte Konzept der FriedensschlĂŒsse mit verschiedenen arabischen Staaten.
Das Interesse der USA im Krieg um den Sudan geht allerdings ĂŒber die âAbraham Accordsâ und die Bedrohung durch ein prorussisches Regime hinaus. Die USA betrachten vor allem China, das schon mit dem alten Regime al-Bashirs gute GeschĂ€fte machte, als Gefahr. Der Sudan bildete Ende der 1990er-Jahre gewissermaĂen den Ausgangspunkt des chinesischen Afrika-Engagements. Von hier aus breitete sich der ökonomische und damit auch der politische Einfluss Chinas ins subsaharische Afrika aus.
Versuche der USA, im Mai gemeinsam mit Saudi-Arabien Friedensverhandlungen zwischen den Hauptrivalen anzubahnen, scheiterten. MilitÀrisch scheint derzeit Dagalo im Vorteil zu sein und immer mehr Gebiete unter seine Kontrolle zu bekommen. Die Regierung hat de facto die umkÀmpfte Hauptstadt Khartoum verlassen und regiert die verbliebenen Regionen seit September von der Hafenstadt Port Sudan aus.
Eine Friedenslösung ist durch die Beteiligung neuer Kriegsparteien noch unwahrscheinlicher geworden. Vielmehr ist es geradezu erstaunlich, dass bislang keine jihadistischen Gruppen im Sudan Fuà gefasst haben, um den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung auszunutzen.
Die zivilen Aktivist*innen der Demokratiebewegung kĂ€mpfen heutzutage um ihr nacktes Ăberleben. Es gibt sie noch, gegen die rohe Gewalt der MilitĂ€rs und Milizen sind sie derzeit allerdings machtlos. Einen Frieden der Kriegsherren beurteilte die sudanesische Linke immer skeptisch. Nun geschieht genau das, wovor sie und die Demokratiebewegung immer gewarnt haben: Die Weigerung der MilitĂ€rs, die Macht der zivilen Demokratiebewegung zu ĂŒbergeben, hat den Sudan komplett in den Abgrund gerissen.

