Die in den „Rapid Support Forces“ zusammengeschlossenen sudanesischen Milizen haben die belagerte Stadt al-Fashir erobert und an der Zivilbevölkerung blutige Massaker mit mutmaßlich Tausenden Toten angerichtet.

Das Dorf Kinin am nordöstlichen Rand der von den Rapid Support Forces eingenommenen Stadt al-Fashir im sudanesischen Darfur: Auf dem Satellitenbild ist deutlich ein von den Milizen als Belagerungsring gezogener Erdwall zu sehen. (Foto: EPA/SATELLITE IMAGE ©2025 VANTOR)
Achtzehn Monate – so lange hielt die eingeschlossene und von Lebensmitteln abgeschnittene sudanesische Stadt al-Fashir einer unerbittlichen Belagerung stand. Doch am vorvergangenen Montag trat das ein, was seit Monaten befürchtet worden war: Die Stadt im Norden Darfurs, bis dahin gehalten von der sudanesischen Armee (SAF), wurde von den angreifenden „Rapid Support Forces“ (RSF) erobert. Etwa 260.000 verbliebene Zivilist*innen fielen damit in die Hände des gefürchteten Zusammenschlusses verschiedener Milizen. Menschenrechtsorganisationen und politische Analyst*innen mussten vom Schlimmsten ausgehen, hatten doch zwei Tage zuvor die RSF schon bei der Eroberung der etwa 700 Kilometer entfernten Stadt Barah Dutzende Zivilist*innen ermordet.
Seither gelangen Berichte über schwere Kriegsverbrechen und systematische Massaker an der Zivilbevölkerung al-Fashirs an die Öffentlichkeit, begangen durch Milizen der RSF. Das Ausmaß der Verbrechen und die Zahl der Todesopfer ist bisher noch unklar, vieles deutet aber darauf hin, dass es Tausende sind, möglicherweise Zehntausende. Von den 260.000 Menschen, die in al-Fashir bis zuletzt ausgeharrt und trotz monatelanger schwerer Hungersnot mit Tierfutter als letzter Nahrungsquelle überlebt hatten, flüchteten bisher nach UN-Angaben nur 62.000 Menschen. Die RSF hatten seit Beginn der Belagerung alles daran gesetzt, die Bevölkerung nicht aus der Stadt zu lassen, seit der Eroberung der Stadt unterbindet die Miliz die Flucht gänzlich und schießt auf alle, die es trotzdem versuchen. Zeugenaussagen und Satellitenaufnahmen von Blutlachen am vormaligen Verteidigungswall um die Stadt belegen das.
Von den Geflüchteten, die es seit der Eroberung bis in die nahe Stadt Tawila geschafft haben, berichten viele von Demütigungen, Schlägen und Folter, von zahlreichen Vergewaltigungen, aber auch von vielen Erschießungen, alles begangen von den RSF. Es gibt Berichte, dass Männer bei der Flucht systematisch von Frauen getrennt worden seien und von diesen Männern seither jede Spur fehle. Angehörige befürchten daher, dass sie Opfer eines systematischen Massakers wurden, vergleichbar mit dem, das in Srebrenica im Bosnien-Krieg geschah. Satellitenbilder nach der Eroberung al-Fashirs, ausgewertet vom „Humanitarian Research Lab“ der „Yale School of Public Health“, zeigen zahlreiche Stellen innerhalb der Stadt, die auf das Vorhandensein von Leichenbergen und großen Blutlachen hindeuten. Nach WHO-Angaben wurden allein im letzten funktionstüchtigen Krankenhaus der Stadt, ursprünglich eine Entbindungsklinik, mindestens 460 Menschen getötet, viele davon waren wohl Patient*innen.
Es gilt als unwahrscheinlich, dass die reichen und gut vernetzten Vereinigten Arabischen Emirate sanktioniert werden, trotz ihrer bedeutsamen Unterstützung der RSF.
Ebenso verbreiten sich seit der Einnahme der Stadt von RSF-Kämpfern hochgeladene Videos in den sozialen Medien, die zeigen, wie jene Menschen erschießen oder mit der Tötung von Zivilist*innen prahlen. Das war selbst der RSF-Führung unangenehm, die zumindest nach außen immer abstreitet, dass ihre Kämpfer Massaker begehen. Der RSF-Anführer Hamdan Dagalo gab in einer Rede Mitte voriger Woche zu, dass es „Misshandlungen“ gegeben habe, die nun angeblich aufgearbeitet würden. Der in einigen Videos eindeutig als an Massakern Beteiligter identifizierte Brigadegeneral al-Fateh Abdullah Idris mit dem Kampfnamen „Abu Lulu“ wurde daraufhin tatsächlich inhaftiert, bislang hatte die RSF-Führung ähnliche Abu Lulu nachgewiesene Kriegsverbrechen in Khartoum und in den Provinzen Süd- und Nordkordofan geduldet.
In seiner Rede nannte Dagalo die Eroberung al-Fashirs eine „Befreiung“, die zur „Einheit“ des Sudan und zu Frieden, Gerechtigkeit und Demokratie führen werde. Man kämpfe gegen terroristische Gruppen und den „Islamischen Staat“ (IS), die dieser Einheit entgegenstünden. Tatsächlich verfestigt die Eroberung al-Fashirs die Teilung des Landes in einen westlichen Teil, gehalten von den RSF und verwaltet von einer nicht anerkannten „Regierung des Friedens und der Einheit“, und den östlichen Teil, gehalten von der sudanesischen Armee unter Militärdiktator Abd al-Fattah al-Burhan, dessen Regierung zwar internationale Anerkennung genießt, aber sich auch auf jihadistische Verbündete stützt wie die in Khartoum einflussreiche Miliz „al-Bara’ Ibn Malik“, die eng mit den Muslimbrüdern verbunden ist.
Viele derjenigen, die in al-Fashir ausharrten und nun Opfer der Verbrechen wurden, sind Angehörige von nichtarabischen darfurischen Bevölkerungsgruppen wie den Masalit, Fur, Zaghawa und anderen. Diese waren schon während des ersten Darfur-Konflikts in den 2000er-Jahren zwischen dem Staat und Rebellengruppen, die sich aus den Reihen der nichtarabischen Bevölkerung rekrutierten, Opfer schwerer Kriegsverbrechen wie Plünderungen, Folter, Vergewaltigungen, Vertreibungen oder Massakern geworden („Zaungast beim Massenmord“, woxx 911).
Die heutigen RSF sind ein Nachfolger der sogenannten Janjaweed-Milizen, die damals für das islamistische sudanesische Militärregime von Omar al-Bashir die nichtarabischen Rebellengruppen bekämpfen sollten und dabei auf Bashirs Anweisungen hin schwerste Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung begingen. Schon zu Beginn des Konflikts zwischen den RSF-Milizen und der sudanesischen Armee ab März 2023 war es im darfurischen Geneina zu systematischen Massenhinrichtungen durch die RSF-Milizen gekommen, mit mutmaßlich Tausenden Toten, vor allem begangen an der nichtarabischen Zivilbevölkerung. Doch Proteste im Ausland für die Menschen im Sudan seit dem Fall al-Fashirs werden fast ausschließlich von den wenigen Mitgliedern der sudanesischen Diaspora besucht, im krassen Unterschied zu den antiisraelischen Protesten der vergangenen Monate, die viele Millionen Menschen weltweit auf die Straßen gebracht hatten.
Der UN-Sicherheitsrat befasste sich erst am Donnerstag vergangener Woche in einer Dringlichkeitssitzung mit der humanitären Krise im Sudan, nachdem vier UN-Hilfsorganisationen eine Woche zuvor am 23. Oktober, also noch vor der Eroberung al-Fashirs, in einer gemeinsamen Erklärung Alarm geschlagen hatten. Während der Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrats, in der einhellig die Massaker als „Eskalation“ verurteilt wurden, entbrannte ein hitziges Wortgefecht zwischen dem Vertreter des Sudan und dem der Vereinigten Arabischen Emirate, den wohl mit Abstand wichtigsten ausländischen Sponsoren der RSF-Milizen. Der Sudan, repräsentiert von der selbst nur als islamistisch zu bezeichnenden Militärregierung, warf den Emiraten vor, durch deren Unterstützung der RSF „Aggression, schwere Kriegsverbrechen und Völkermord“ zu befördern. Die Emirate hingegen wiesen die Vorwürfe als „Lügen“ zurück und verwiesen neben den RSF auch auf Kriegsverbrechen des Militärs.
Nicht zuletzt dreht sich der Krieg auch um die Kontrolle des Goldabbaus im Sudan.
Der Ruf der UN nach einem sofortigen humanitären Waffenstillstand und einer erheblichen Erhöhung der bislang knappen Finanzmittel für die humanitäre Hilfe im Sudan verhallte weitgehend ungehört, auch wenn einige westliche Staaten sich seitdem dieser Forderung angeschlossen haben und geringe Mengen an Geldern für die Nothilfe im Sudan locker machten (Großbritannien sagte beispielsweise fünf Millionen Pfund zu). Ein Grund für das enorme Ausmaß der humanitären Krise in Sudan ist auch die Tatsache, dass US-Präsident Donald Trump die Aktivitäten der weltweit größten Entwicklungshilfe-Organisation USAID in diesem Jahr drastisch zusammenkürzen ließ.
Trotz der einhelligen Verurteilung des Kriegs im Sudan haben einzelne Mitgliedstaaten der UN bisher noch keine weitergehenden Sanktionen zusätzlich zu schon länger bestehenden individuellen Sanktionen gegen die Anführer der Kriegsparteien erlassen, auch wenn diese bald folgen könnten. Dabei gilt es als unwahrscheinlich, dass die reichen und gut vernetzten Vereinigten Arabischen Emirate sanktioniert werden, trotz ihrer bedeutsamen Unterstützung der RSF und ihrer Rolle als zentraler Umschlagplatz für das Gold beider Kriegsparteien; nicht zuletzt dreht sich der Krieg auch um die Kontrolle des Goldabbaus im Sudan. Auch der ostlibysche de facto-Machthaber Khalifa Haftar, der die RSF über eine Route in der Sahara mit Waffen und Benzin versorgt und dabei gut verdient, hat wenig zu befürchten, da ihn die EU-Kommission hofiert. Deren Vertreter und die europäische Grenzschutzagentur Frontex haben erst Mitte Oktober Gespräche mit einer ostlibyschen Delegation geführt, um, wie der Sender „Euronews“ einen EU-Beamten zitiert, „die Flüchtlingsströme durch Libyen im Einklang mit den Menschenrechtsstandards zu begrenzen“. Diese Rolle hatte auch den RSF genützt, die über Umwege von Millionen an EU-Geldern profitierten, die seit 2016 für den Kampf gegen Fluchtmigration in den Sudan geflossen sind.

