Mit den 82. Internationalen Filmfestspielen in Venedig wurde kürzlich das älteste Filmfestival der Welt erneut eröffnet. Die glamouröse Veranstaltung am Lido ist mehr als nur ein Fest der Premieren: Sie ist ein Prisma, in dem sich Pomp, Macht und Kunst in immer neuen Brechungen spiegeln.

Schwarze Komödie, historisches Drama oder doch lieber Monsterfilm? Den Besucher*innen der Filmfestspiele in Venedig wird ein buntes Menü an Filmen serviert. (Foto: Marc Trappendreher)
Als die sogenannte „Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica di Venezia“ 1932 gegründet wurde, sollte damit der Film endgültig in den Rang der Künste erhoben werden. Und auch wenn damals noch niemand von „Nation Branding“ sprach, diente die festliche Großveranstaltung gleichzeitig der Selbstdarstellung Italiens. Dass das Festival schon in seiner zweiten Ausgabe die „Coppa Mussolini“ als Preis verlieh, verweist überdies auf den Schatten seiner politischen Instrumentalisierung. Die rationalistischen Gebäude am Lido, noch immer Schauplatz der Vorführungen, sind steinerne Zeugen dieser Vergangenheit.
Das Casino am Lido, das sich nur wenige Schritte von der Adria entfernt gegen den Himmel erhebt, ist ein bedeutendes Beispiel des Modernismus in der Zwischenkriegszeit. Errichtet 1938 im Stil des italienischen Rationalismus, wirkt es auf den ersten Blick fast wie ein Regierungspalast: eine streng gegliederte, helle Fassade, kubische Formen und breite Fensterachsen, die zugleich Schwere und Klarheit ausstrahlen. Doch ungeachtet dieser Vergangenheit war die Mostra stets auch ein Raum der Offenheit. Sie brachte italienische Werke mit internationalen Strömungen in Dialog, war Bühne für Entdeckungen und Kontroversen. Gerade in ihrer Doppelfunktion – zwischen nationalem Schaufenster und künstlerischem Labor – liegt ihre besondere historische Tiefe.
Zwischen Faszination und Abgrenzung
Über Jahrzehnte schwankte das Filmfestival von Venedig zwischen einer distanzierten Haltung zu Hollywood und dessen Bewunderung: Zum einen galt das Kino als künstlerische Ausdrucksform, die sich von der standardisierten Serienproduktion der Filmindustrie deutlich unterschied, zum anderen blieb eine unübersehbare Faszination für Hollywood bestehen. Bis in seine jüngste Vergangenheit hinein hat die Mostra diesen mitunter als Widerspruch wahrgenommenen Umstand produktiv gewendet: Sie öffnete sich den Streaming-Giganten wie Netflix und wurde so zum zentralen Scharnier zwischen der europäischen Filmkunst und der amerikanischen Vermarktungslogik. Nicht zufällig folgen die Oscars dem Takt, den Venedig vorgibt. Gleichzeitig behauptet sich das Festival als kosmopolitisches Forum. Die diesjährige Auswahl der Filme im Hauptwettbewerb bestätigt diese programmatische Haltung. Sie wirkt wie ein Panorama der Gegenwart, in dem geopolitische Verwerfungen, existenzielle Fragen und intime Geschichten ineinanderfließen.
Im Zentrum stehen dabei Filme, die das Verhältnis von individueller Erfahrung und politischer Realität mit unterschiedlicher Tonlage verhandeln. Olivier Assayas bietet mit „The Wizard of the Kremlin“ ein Politdrama, das den Aufstieg Wladimir Putins durch die Augen eines fiktiven Beraters nachzeichnet. Macht, Manipulation und Loyalität bilden die Koordinaten eines Films, der unweigerlich an die brennenden Fragen der geopolitischen Aktualität rührt.
Einen deutlich leichteren, wenngleich nicht weniger melancholischen Ton schlägt Noah Baumbach mit „Jay Kelly“ an. George Clooney gibt einen alternden Hollywoodstar, der sein Leben neu zu ordnen versucht – ein Unterfangen, das an Komik ebenso reich ist wie an Wehmut. Hinter den ironischen Dialogen verbirgt sich eine gutwillig angedachte Meditation über Identität, Vergänglichkeit und das Bild des angegrauten Filmstars, der sich selbst in der Erinnerung zu verlieren droht.
„Bugonia“ ist eine skurrile Science-Fiction-Schwarzkomödie von Yorgos Lanthimos, in der zwei verschwörungsbesessene Männer, gespielt von Jesse Plemons und Aidan Delbis, eine mächtige Pharmachefin (Emma Stone) entführen, weil sie überzeugt sind, sie sei eine außerirdische Bedrohung für die Menschheit. Die Geschichte, ein Remake der südkoreanischen Kultkomödie „Save the Green Planet!“ (2003), nutzt die surreale Entführung als satirischen Spiegel für aktuelle globale Herausforderungen – von Klimawandel über technologische Macht bis hin zu politischer Paranoia.
Jim Jarmusch kehrt nach sechs Jahren mit einem leisen, doch tiefgründigen Triptychon zurück. „Father Mother Sister Brother“ entfaltet seine melancholisch-komische Magie in drei Episoden, die in New Jersey, Dublin und Paris spielen – jedes Kapitel eine zarte Studie über entfremdete Eltern-Kind-Beziehungen und das Ringen mit unausgesprochenen Gefühlen. Neben Adam Driver, Tom Waits und Cate Blanchett ist auch Vicky Krieps in einem aufgeladenen Wiedersehen mit der distanzierten Film-Mutter Charlotte Rampling zu sehen.
Frankenstein feiert sein Comeback
Guillermo del Toro wiederum greift auf die Urmythen des Kinos zurück. Seine Version von Frankenstein rückt weniger das Monsterhafte als das Tragische in den Mittelpunkt. Oscar Isaac verkörpert den getriebenen Schöpfer, Jacob Elordi die Kreatur, deren Missverstehen zu einer Allegorie auf Hybris und das menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit wird.
Mit „Orphan“ (Árva) liefert László Nemes eine eindringliche, bildstarke Allegorie auf Ungarns Nachkriegsgeschichte – und auf den übermächtigen „Vater“, der in Gestalt Stalins bis in die intimsten Familienverhältnisse hineinreicht. Das Drama, getragen von einem atmosphärisch dichten 35-mm-Bildgewand, erzählt die Geschichte vom zwölfjährigen Andor, der in einem Waisenhaus nach dem gescheiterten Volksaufstand von 1956 lebt. Der Junge muss seine Identität neu definieren, als ein brutaler Fremder behauptet, sein leiblicher Vater zu sein.
Park Chan-wook schafft mit „No Other Choice“ eine rabenschwarze Satire, die als scheinbar skurrile Komödie beginnt und sich zu einem beunruhigenden Porträt gesellschaftlicher Verhärtung entwickelt. Der Protagonist, You Man-su (Lee Byung-hun), verliert nach 25 Jahren seinen Job in einer Papierfabrik – und bastelt einen absurden Plan: Er schaltet potenzielle Konkurrent*innen auf brutale, aber bizarr komische Weise aus, ein verstörender Ausdruck seiner Effizienz und kreativen Kompetenzen. Park nutzt traumartig überzeichnete Szenen und ungemein klarsichtigen schwarzen Humor, um in grotesken Sequenzen die Auswirkungen von Automatisierung und Arbeitslosigkeit auf Individualität und Familie zu zeigen. Gemeinsam bilden diese Werke, auch der historischen Stoffe ungeachtet, eine brisante Landkarte der Gegenwart: von den Machtkämpfen Moskaus über die Wiederentdeckung des Prometheus-Mythos bis zu den Versagensängsten in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft.
Was macht die besondere Aura dieses Festivals aus? Es ist die Fähigkeit, gleichzeitig Spiegel und Bühne zu sein: Spiegel einer Welt, die von Krisen, Ungleichheiten und Hoffnungen durchzogen ist; Bühne für Filme, die Fragen stellen, Debatten provozieren und Emotionen freisetzen – Film als ein Medium der Erinnerung, ein Raum der Empathie und eine Sprache, die trotz nationaler Grenzen verstanden wird. Zwischen den Marmorbauten des Lido, auf dem roten Teppich und in den abgedunkelten Sälen trifft sich die Welt – nicht um Antworten zu finden, sondern um das gemeinsame Fragen zu feiern. So behauptet Venedig seine Rolle als Herzschlag des internationalen Kinos: glamourös, traditionsbewusst und zukunftsoffen. Ein Festival, das die Vergangenheit nicht verdrängt, sondern als Hintergrund nutzt, um die Gegenwart umso schärfer zu beleuchten.

