Vielschichtige Töne: Wir sind lauter

von | 31.07.2026

Die Escher Konschthal präsentiert mit der Ausstellung „état bruit“ eine beeindruckende Sammlung zeitgenössischer Kunst rund um unser Verhältnis zu Lauten, Tönen und Lärm.

Lärmzustand oder Lärmstaat? Die vielschichtige Ausstellung „état bruit“ läuft noch bis September in der Escher Konschthal. (Copyright: María Elorza Saralegui/woxx)

Was bedeutet Lärm? Schließt man die Augen, sind überall Geräusche zu hören. Auf dem Weg in Richtung Museum kommen sie einem nur so entgegen: der laute Verkehr, das Rattern der vorbeifahrenden Züge, von den Terrassen der Cafés mischen sich Plaudertöne mit dem Klirren des Bestecks. Hinter der Kurve, im ersten Stock der Escher Konschthal ist es an diesem Abend jedoch überraschend leise. Ohrenbetäubend ist hier nichts, im Gegenteil: In einem Raum scheint es auf den ersten Blick gar totenstill zu sein. Die auf drei Stockwerken und in etlichen Räumen ausgestellten Werke erschließen sich zunächst langsam. Oft müssen Besucher*innen erst Kopfhörer aufsetzen. Das führt zu einer intimeren Erfahrung, die den subjektiven Titel der Ausstellung passend aufgreift.

So weist „état bruit“, die bis Mitte September läuft, auf die mehrdeutigen Interpretationen von Lärm hin. Sieben zeitgenössische Künstler*innen und Kollektive arbeiten mit Lauten und nutzen Klangbilder als Mittel, um die Welt zu verstehen. Erforscht werden dabei der soziokulturelle Impakt von Lärm, aber auch dessen Nutzung in politischen Machtkämpfen und als emanzipatorisches Identitätsmittel. Mal dokumentarisch, meist experimentell und stark anhand von Installationen inszeniert, bekommen Töne und Laute in den Ausstellungsräumen eine plastische Dimension.

Wer was als „Lärm“ beschreiben darf, wird direkt im ersten Stockwerk in Frage gestellt. Die imposanten Lautsprecheranlagen erspähen neugierige Besucher*innen schon vom Erdgeschoss aus. Dem setzt der Künstler Nik Nowak zahlreiche Fotos, Skizzen und Video-Interviews hinzu und bietet somit einen Einblick in das kulturelle Phänomen des indonesischen „Sound Horeg“ – von Merchandising-Artikeln und Tattoos bis hin zu Musik und Schattenwirtschaft. Sound Horeg, das sind erstmals sogenannte „Sound Trucks“, die im Osten Javas durch das Land ziehen: meterhohe, zusammengebastelte Musikanlagen, die auf Lastwagen oder gar kleine Boote geschnallt werden und traditionellen Erntefesten mit ihren hypermodernen Klängen einen rebellischen Anstrich verpassen. Wachgerüttelt wird dabei jedes Dorf, wie die Videos und Fotos veranschaulichen. Die Video-Interviews von Nowak zeigen außerdem, wie „Lärm“ sich auf informelle Weise ohne staatliche oder religiöse Kontrolle einen gesellschaftlichen Raum erschaffen kann. Was bei den Werken beeindruckt, ist nicht deren Lautstärke – die Anlage in der Konschthal wäre dazu auch nicht fähig, ist sie doch an keine Steckdose angeschlossen –, sondern deren Potenzial. Denn die Anlagen tragen für viele Einwohner*innen auch die Hoffnung auf ein besseres Leben, verdienen sich doch viele mit dem Zusammenbauen der Stereosysteme einen Lebensunterhalt.

Im gleichem Stockwerk macht ein weiteres Werk auf ein rollendes Studio aufmerksam. Dieses kommt allerdings aus dem vergangenen Jahrhundert, und hatte ein Wachrütteln anderer Art als Ziel. Thematisiert werden hier unter anderem das „Studio am Stacheldraht“, eine auf VW-Bussen rollende Lautsprecherstation, die ab 1961 kurz nach dem Bau der Berliner Mauer eingesetzt wurde, um Nachrichten in die DDR auszustrahlen. In der Ausstellung wird aus den historischen Strategien des Kalten Krieges ein experimentelles und hoch fesselndes Musikvideo, das Lärm als Propaganda-Mittel und die maskuline Weltanschauung des „Stärkeren“ in Szene setzt. „Wir sind lauter“, ertönt etwa im Video die Reaktion aus Ost-Berlin auf die mobile Propagandaeinheit.

Jedes Werk wirft gekonnt neue Fragen auf. Wer oder was schafft sich wie Gehör? Im nächsten Stockwerk, in einem Raum hinter Plastikvorhängen, umkreisen drei auf Leinwänden projektierte Videos die Besucher*innen. Eins nach dem anderen zeigen sie die Herstellung von Alarmsirenen, deren Funktion und deren obsoletes Ende in einem Niemandsland. Sie markieren Grenzen und tragen Botschaften über diese hinaus. Das Werk der Künstlerin Aura Satz steht im Kontrast mit moderneren Ansätzen, eine Bevölkerung vor Gefahren zu warnen, wie die hiesige „LU-Alert“-App. Welchen Alarmschlägen schenken wir heutzutage unsere Aufmerksamkeit? Ist die Krise ein Dauerzustand? Und nehmen wir den Alarmruf dann noch überhaupt wahr?

(Copyright: María Elorza Saralegui/woxx)

Dauerzustand

Weitere Werke erforschen nicht bestimmte Geräusche, sondern deren Abwesenheit. Sie bringen Geschehnisse in unmittelbare Nähe, ohne diese selbst je zu zeigen. So das Künstlerkollektiv Open Group. Mit bissigem Humor lädt dessen Installation Besucher*innen zum Karaoke ein. Statt Madonna und Whitney Houston geben ukrainische Flüchtlinge den Ton an: „Repeat after me. Trrrrrrrrrrr-bwusch-bwusch-bwusch-uuuuuwuuuuwuuuuu. Trrrrrr …“ Bombenangriffe, Raketengeschosse, Explosionen und Sirenen sollen nachgeahmt werden. Das Kunstwerk dokumentiert einen Teil der traumatischen Erlebnisse und gibt es als eindrucksvolle auditive Erinnerung weiter. Schon 2022 drehte Open Group einen ersten Dokumentarfilm mit der gleichen Prämisse, damals noch mit Binnenflüchtlingen in der Ukraine. Im neuen Film, von 2024, befinden sich die Flüchtlinge nun in Krakau, Berlin, Vilnius oder Wien. Die Installation zeigt: Die Bomben und Alarmsirenen tragen die Menschen jedoch genau wie die Bilder immer noch mit sich mit.

Das nächste Werk, von David Brognon und Stéphanie Rollin, wählt einen anderen Weg, um ein Geschehnis zu dokumentieren. Im pechschwarzen Raum ist es vor allem eins: still. Tritt man ein, umhüllt eine*n das Schweigen. Umso stärker wirken zwei grell leuchtende Jukeboxes. Doch auch hier ist keine Musik zu hören, die 1980er-Jahre sind verstummt. Was die beiden Musikautomaten bieten, sind historische Schweigeminuten, und die daraus resultierende Wartezeit. Dass diese Schweigeminuten, die an Unfälle, Attentate, historische Reden erinnern sollen, nicht nur Stille enthalten, ist klar. In der Dunkelheit stockt einem dennoch kurz beim Auswählen der bestimmten Schweigeminute der Atem.

„état bruit“ zieht einen immer wieder in ihren Bann – ob akrobatische Sägen, die mechanisch immerzu das eigene Kabel zu zersägen scheinen oder eine neue futuristische Nationalhymne (wie klingt ein Land?), in der „KI“ die Rolle der folkloristischen und leicht apokalyptisch erscheinenden Komponistin übernimmt. Zwar sind einige Werke schwerer zugänglich, unter anderem das moderne „Grammar of Calculated Ambiguity“ von Gabriela Löffel, ein simples aufgezeichnetes Videogespräch. Darin macht die Künstlerin auf die für Laien schlicht unverständlichen Sprachbegriffe des Finanzsektors aufmerksam – eine Unverständlichkeit, die das bestehende System und deren Profiteure weiter schützt. Trotz Glossar mit hilfreichen Definitionen kann den Besucher*innen das aufgezeichnete Gespräch zwischen Expert*innen doch zu befremdlich erscheinen, um sich tiefer damit zu befassen. Dennoch stimulieren die diversen und verlockenden Auffassungen der Künstler*innen. Gerade in deren Auswahl und originellen Blicke auf „Lärm“ liegt dann auch die Stärke der Ausstellung. Darin, und dass die präsentierten Installationen einen Laute anders erleben lassen, sodass man nach dem Besuch die Klänge der Welt draußen auf der Straße kurz neu wahrnimmt.

état bruit. Konschthal (29, boulevard Prince Henri, Esch-sur-Alzette). Bis zum 20. September. Mi.-So., 11 bis 18 Uhr. Do., 11 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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