Was treibt Sie an? Sich aufeinander einlassen

Von klein auf werden uns Spieltrieb, Kreativität und Emotionalität abtrainiert – in den Augen der interdisziplinär arbeitenden Künstlerin Fabienne Elaine Hollwege ein fataler Verlust für eine Gesellschaft. Im zweiten Teil unserer Serie geht es um die Wichtigkeit der Selbst- und Fremdwahrnehmung.

woxx: Was treibt Sie an?

Fabienne Elaine Hollwege: Etwas, das mich antreibt, ist, Ungerechtigkeit zu sehen, wie die Schere in den unterschiedlichsten Bereichen immer weiter auseinanderklafft. In meiner Arbeit versuche ich mich immer wieder mit dieser Problematik auseinanderzusetzen. Gleichzeitig bin ich aber auch von einer Liebe zur Menschheit angetrieben. Ich glaube fest daran, dass ein anderes Zusammenleben möglich ist, sowohl im Umgang miteinander als auch mit der uns umgebenden Umwelt. Dazu müssten die Menschen sich aber Zeit und Raum geben, um über Verschiedenes nachzudenken und konsequent zu handeln. Neugier und der Drang, Wissen zu vertiefen, sind weitere Treibstoffe in mir.

Durch Ihre Arbeit wollen Sie also Denkanstöße geben?

Definitiv. Neben meiner Schauspielarbeit versuche ich eigene Projekte umzusetzen, in denen ich gesellschaftspolitische Anstöße geben will. Wir wissen heute so viel über alternative Arten des Zusammenlebens, aber leider werden von politischer Seite aus selten die nötigen Rahmenbedingungen geschaffen, damit dieses Wissen, wie es besser funktioniert, auch in die Praxis umgesetzt werden kann. Mit besser meine ich unter anderem sozialer, menschlicher, ökologischer.

Was war der Anstoß dafür, dass Sie diese Ungerechtigkeiten wahrgenommen haben und in Angriff nehmen wollten?

In meiner Jugend entstand dieses Bewusstsein nach und nach. Mit 13 Jahren habe ich von einem Tag auf den anderen entschieden, Vegetarierin zu werden, weil ich Massentierhaltung nicht länger unterstützen wollte. Während meines Studiums in Hamburg habe ich in einer politisch aktiven Wohngemeinschaft gelebt. Zu dem Zeitpunkt wurde die rechtskonservative Schill-Partei [Partei Rechtsstaatlicher Offensive; Anm. d. Red.] gewählt und es gingen viele auf die Straße. Immer wieder gab es Straßenkämpfe, weil wieder ein Bauwagenplatz geschlossen werden sollte. Plötzlich befand ich mich in einem anregenden politisierten Umfeld, war aber durch meine Theaterausbildung in den Diskussionen immer wieder hin- und hergerissen, weil ich nicht fand, dass Kunst immer politisch sein müsse, sondern auch einfach „Kunst“ sein dürfe. Mittlerweile glaube ich, dass der Kunst immer auch eine politische Aussage innewohnt. Immerhin will ja mit jedem Werk etwas Bestimmtes ausgedrückt werden.

„Wut ist ja nicht schlecht, zeigt sie einem doch, dass etwas nicht stimmt.“

Wer oder was hat Sie sonst noch geprägt?

Ich bin immer viel mit dem Rucksack gereist und auf diese Weise mit unterschiedlichsten Menschen, Lebensweisen und Kulturen in Kontakt gekommen. Durch das Reisen wird man sich seiner Privilegien sehr bewusst. Was mich neben meinem Beruf ebenfalls sehr geprägt hat, ist die Geburt meiner Kinder. Seitdem setze ich mich mit meiner Rolle als Vorbild auseinander und bin mir der aufkommenden Verantwortung stärker bewusst: Wie lebe ich? In welcher Welt möchte ich leben? Was kann ich den Kindern mitgeben? Auch die Lebensweise meiner Eltern, ihr Blick auf die Erziehung, haben mich geprägt. Dadurch, dass ich meine Kindheit in Luxemburg verbracht habe, aber ab dem Jugendalter in Deutschland aufgewachsen bin, auch der immerwährende Zwist: Wo bin ich wirklich zuhause?

Haben Sie, wenn Sie arbeiten, bestimmte Menschen vor Augen, die Sie damit erreichen wollen?

Eigentlich nicht. Ich bin eher neugierig darauf, wer sich mit diesen Thematiken auseinandersetzen möchte und sich für meine Arbeit interessiert, wer auf welche Weise angesprochen wird, oder auch nicht. Natürlich habe ich auch immer wieder Zweifel und Ängste, gerade wenn ich an persönlichen Projekten arbeite. Schon lange arbeite ich an einem Projekt, das sich gerade durch Kooperationen tatsächlich konkretisiert. Und die Zweifel überkommen einen einfach immer wieder, ich denke, das ist ein ganz natürlicher Teil des Schaffensprozesses. In den meisten Produktionen gibt es diese Krisenmomente und dann geht man durch das Nadelöhr und kann danach meist freier atmen. Im Grunde freue ich mich sehr, dass das Projekt im kommenden Jahr nach draußen darf.

„Man sollte sich immer wieder bewusst werden, dass Luxemburg die Kirsche auf dem Sahnehäubchen einer vielstöckigen Torte ist.“ Im Interview spricht Fabienne Elaine Hollwege über die Wichtigkeit, sich der eigenen Privilegien bewusst zu werden. Foto aus dem Shortfilm „Acheron“ von Thoma Forgiarini

Sind Sie der Ansicht, dass die Kunstszene in Luxemburg elitär ist?

In der Theaterwelt habe ich schon das Gefühl, dass ich oft denselben Menschen begegne, sei es auf der Bühne oder im Zuschauerraum. Es wäre schön und wichtig, wenn diversere, unterschiedlichere Bevölkerungsgruppen angesprochen würden, sei es thematisch oder stilistisch. Spannend finde ich ja auch, interdisziplinär zu arbeiten, weil so das Publikum aus unterschiedlichen Bereichen sich neu mischt. Jugendliche werden als potenzielle Zuschauer leider selten in den Fokus genommen. Dabei wäre es wichtig, ihre Lebensrealitäten künstlerisch zu bearbeiten und sie über verschiedene Wege an Themen wie Pubertät, Sexualität, Scheidung, Tod eines geliebten Menschen, Mobbing und so weiter heranzuführen. Im Grunde wäre das ja ein Geschenk für jeden Lehrer, sich solche Stücke mit der Klasse anzuschauen und die darin behandelte Thematik auf dieser Basis zu besprechen – doch immer wieder hört man, zu viel Schulprogramm würde verpasst. Aber ja, ich habe schon das Gefühl, dass vieles in Bewegung ist, zum Beispiel lief am Escher Theater gerade das Aufklärungsstück „Was heißt hier Liebe?“. Aber dass es ein laufendes Angebot speziell für Jugendliche beziehungsweise junge Erwachsene gibt, wüsste ich nicht.

Inwiefern greifen Sie das Thema Privilegien in Ihrer Arbeit auf?

Hauptsächlich in meinen Workshops mit Jugendlichen. Mir ist es wichtig, den exorbitant hohen ökologischen Fußabdruck zu thematisieren. Man sollte sich immer wieder bewusst werden, dass Luxemburg die Kirsche auf dem Sahnehäubchen einer vielstöckigen Torte ist. Sich nur darauf zu konzentrieren, diese Privilegien zu schützen und andere Lebensrealitäten auszublenden, ist eine große Gefahr für die Gesellschaft.

Worum geht es generell bei diesen Workshops?

Durch das Anne-Frank-Projekt, das ich jährlich in Zusammenarbeit mit dem Zentrum fir politesch Bildung anbiete, kam die Idee für ein Workshopkonzept auf, bei dem es mir darum geht, in Bewegung zu kommen, äußerlich wie innerlich. Mit der Unterstützung vom ZpB und dem Merscher Kulturhaus ist dieses Workshopformat realisiert worden. Es basiert auf Hannah Arendts „Vita Activa“: Was macht uns zu handelnden Menschen und wie kommen wir vom Theoretischen und Intellektuellen hin zu einer Handlung, ins Tun. In diesem Kontext war es mir wichtig, mit den Schülern über Demokratie und die Gestaltung von Zusammenleben zu diskutieren. Ich finde es absurd, wie wenig Jugendliche im Schulalltag nach ihrer Meinung gefragt werden. Stattdessen muss sich jeder einem System unterordnen, das kaum die Entfaltung unterschiedlicher Fähigkeiten zulässt. Wir sprechen viel von Individualität, doch diese systematische Gleichschaltung, wie man zu lernen hat, verwundert mich immer wieder. Anstatt dass Kreativität und Fantasie gefördert werden, verlernen die Kinder das Spielen und Kreativsein, einerseits weil die Meinung herrscht, lernen sei sture Kopfarbeit, andererseits, weil in der Schule kreative Umwege, eine Lösung zu finden, oft unerwünscht sind.

Was geht Ihrer Ansicht nach verloren?

Das Fühlen. Das Sich-aufeinander-Einlassen. Das gegenseitige Verständnis. Unsere Empathie kommt uns durch Konkurrenzdruck abhanden, Ellbogen werden ausgefahren, statt als Klasse miteinander und voneinander zu lernen. In den Workshops mit den Jugendlichen lag mein Schwerpunkt auf gruppendynamischen Spielen. Das war zum Teil völlig neu für die Schüler und es fiel ihnen schwer, sich wirklich auf die Gruppe einzulassen und die anderen wahrzunehmen.

Würden Sie sagen, dass Sie von Wut oder anderen Emotionen angetrieben sind?

Ich würde sagen, Wut und Liebe wechseln sich ab. Staunen, Neugier und Ungläubigkeit gehören aber auch dazu. Der springende Punkt ist, diese Emotionen zu kanalisieren. Wenn ich wütend bin, versuche ich Wege zu finden, konstruktiv damit umzugehen. Wut ist ja nicht schlecht, zeigt sie einem doch, dass etwas nicht stimmt. Gleichzeitig finde ich es schade, in einer Gesellschaft zu leben, die es sich kaum erlaubt, Emotionen nach außen zu bringen. Von klein auf trainieren wir alles: unseren Kopf, unseren Körper. Aber unseren Umgang mit Emotionen? Nie. Statt Kinder ihre Emotionen kennenlernen und ausleben zu lassen, werden sie getadelt. Im Grunde sollten wir frei von der Hierarchie zwischen rational und emotional sein und den ganzen Menschen betrachten. Und hier komme ich nochmal auf den Workshop zurück: Spielen und gerade Rollenspiele eignen sich hervorragend, um den Umgang mit den eigenen Emotionen zu lernen. Neben dem auf den Intellekt fokussierten Unterricht wäre es schön, wenn Spielen und Spaß zum Lernen dazu gehören dürfte.

Fabienne Elaine Hollwege kam 1981 in Luxemburg zur Welt, ist in Deutschland aufgewachsen und seit 2008 sowohl hierzulande als auch in Deutschland als Schauspielerin und Autorin tätig. Zurzeit laufen unter anderem die Vorbereitungen für ihr Projekt „to live heißt leben und Liebe heißt love“, einem interdisziplinären Buchprojekt in Verbindung mit einer musikalischen Performance.

Im Rahmen der Reihe „Was treibt Sie an?“ präsentieren wir einmal im Monat ein Interview mit einer Person, die sich außerhalb einer politischen oder aktivistischen Laufbahn für eine gerechtere Welt einsetzt.

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