Was treibt Sie an? Teil einer positiven Veränderung sein

Seit er 16 Jahre alt ist, macht Georges Goerens Musik, anfangs nur in der Band Seed to Tree, seit 2017 zudem als Solokünstler Bartleby Delicate. Wir haben mit dem Singer-Songwriter über politische Kunst und Feminismus gesprochen.

„Als Mann, der nicht das Macho-Stereotyp bedient, versuche ich anderen Männern in meinem Alter eine softere Version von Männlichkeit vorzuleben“, so ein Anspruch, den Musiker Georges Goerens an sich selbst hat. (Fotos: Nicole Olenskaia)

woxx: Am Samstag erscheint Ihre neue EP. Zu diesem Anlass haben Sie im hauptstädtischen Grund eine Kunstaktion geplant. Was hat es damit auf sich? 


Georges Goerens: Mir geht es mit der Aktion darum, auf die neoliberalen Ausbeutungsstrukturen in der Musikindustrie aufmerksam zu machen. Dazu zählt auch Spotify, die Musikern pro Stream 0,3 Cent zahlen. Selbst bei Millionen Klicks, kommt also nicht viel rum. Dabei war man in der ganzen Zeit, in der keine Konzerte gespielt werden konnten, finanziell auf Streamingdienste angewiesen. Das funktioniert aber nach völlig intransparenten Mechanismen und läuft darauf hinaus, dass die 10 Prozent der meistgespielten Artisten 90 Prozent des Geldes von Spotify erhalten. Meine Kunstaktion am Samstag besteht darin, dass ich eine Jukebox aufstelle, in die man Ein-Cent-Münzen einwerfen kann. Ich mache dann solange Musik, wie es auf Spotify dauern würde, um einen Cent zu verdienen.

Das ist eine sehr politische Aktion. Identifizieren Sie sich als politischer Künstler?


Ich hatte immer den Anspruch politische Kunst zu machen, wenn ich dann aber meine Texte lese, stelle ich fest: Man muss schon tief graben, um die politischen Botschaften zu erkennen. Ich weiß nicht, ob das heißt, dass ich an meinem eigenen Anspruch scheitere. Ich bin schon eher konsensorientiert, böse Zungen würden sagen, ich bin gefällig. Wir brauchen in der Kunstszene Gruppen wie Richtung22, die radikale Forderungen stellen. Obwohl ich mich mit vielen davon identifiziere, strebe ich eher eine andere Form von künstlerischem Ausdruck an.

Liegt das daran, dass eine explizit politische Botschaft beim Texteschreiben für Sie nicht prioritär ist? Oder ist da eine gewisse Hemmung, sich zu positionieren?


Ich denke beides. Meine Songs entstehen meist eher intuitiv, in einer zweiten Phase versuche ich dann aber noch, eine subtile sozialkritische Komponente hinzuzufügen. Es reicht mir nicht, nur einen Liebes- oder Break-up-Song zu schreiben, ich bin mir bewusst, dass da Stereotype reproduziert werden. Es ist mir wichtig, dass nicht immer die gleichen Geschichten erzählt werden. Aber, wie gesagt, stelle ich mir oft die Frage, ob die Botschaft am Ende nicht einen Tick zu subtil ist. Das mit der Hemmung stimmt auch. Sie kommt aber nicht daher, dass ich mich nicht positionieren möchte. Es ist eher so, dass ich mich frage: Bin ich eigentlich der, der das sagen sollte? Ich bin mir meiner Privilegien als weißer, heterosexueller cis Mann aus Luxemburg natürlich bewusst. Klar interessieren mich Themen wie Antirassismus, Diskriminierung, Feminismus – und trotzdem frage ich mich, ob es nicht meine Rolle ist, einfach das Maul zu halten. Offensichtlich scheitere ich auch an diesem Anspruch, sonst würde ich keine Musik machen. Da ist also immer dieser innere Zwiespalt. Ich mache weiter, weil ich mir sage: Auch wenn ich vielleicht nicht unbedingt das bin, was die Gesellschaft braucht, bringe ich eine gewisse Sensibilität und Verletzlichkeit mit, die auch Menschen anspricht, die eine ganz andere Lebensrealität haben als ich. Als Mann, der nicht das Macho-Stereotyp bedient, versuche ich zudem, anderen Männern in meinem Alter eine softere Version von Männlichkeit vorzuleben.

Weibliche Künstlerinnen unterstützen, heißt sehr oft, sich selbst zurückzustellen.

Kann Kunst überhaupt unpolitisch sein? 


Ich denke, dass alles, was sich im öffentlichen Leben abspielt, politisch ist. Wenn ich zum unzähligen Mal über eine heterosexuelle Liebesbeziehung schreibe, in der Genderstereotype reproduziert werden, ist das auch eine politische Aussage. Gerade da, versuche ich dann gegenzusteuern, indem ich eine kleine Änderung vornehme. Manchmal wechsele ich in einem Lied zum Beispiel ein Pronomen, sodass es eben nicht mehr um ein heterosexuelles Paar geht.

Hatten Sie dieses politische Bewusstsein auch schon zu Beginn Ihrer Karriere oder hat sich das erst im Laufe der Jahre entwickelt? 


Ich hatte immer schon das starke Bedürfnis nach einer Gesellschaftsstruktur, in der alle gleichgestellt sind und die gleichen Chancen haben. In meiner Schulzeit habe ich mich deshalb viel mit Kommunismus auseinandergesetzt. Anfangs war meine Politisierung also mit einem romantischen Gesellschaftsideal verbunden. In meinen Songtexten ging ich immer der Frage nach, wie dieses Ideal erreicht werden könnte. Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, dass die Welt etwas komplexer ist, als ich sie mir mit 16 Jahren vorgestellt hatte. Deshalb wurde ich zunehmend vorsichtiger, was radikale Aussagen angeht. Was ich wirklich vermeiden möchte, ist ein rein performativer Aktivismus: Als hyperprivilegierter Mensch die Marginalisierung anderer Gruppen auszunutzen, um selbst gut dazustehen. Ich will mich also nicht öffentlich als feministischer Singer-Songwriter bezeichnen, wenn dahinter nicht ein tiefgründigeres Engagement steckt. Jemand wie Karma Catena ist da sehr viel besser positioniert, um ein feministisches Sprachrohr zu sein.

Weibliche Künstlerinnen unterstützen kann ja auch eine Form von feministischem Engagement sein. 


Ganz richtig. Ich habe im Hariko eine Zeit lang Kurse gegeben, an denen auch viele Frauen teilnahmen, vor allem geflüchtete, was ja die Hauptzielgruppe vom Projekt Hariko ist. Viele erzählten mir, nicht gerne laut zu reden und deshalb auch nicht den Mut zu haben, sich auf eine Bühne zu stellen und zu singen. Diese Kurse gaben mir das Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles zu tun. Mein Background und meine Erfahrung ermöglichten es mir, ihnen zu helfen. Weibliche Künstlerinnen unterstützen, heißt sehr oft aber auch, sich selbst zurückzustellen. Als Seed to Tree wurden wir einmal angefragt, um auf einem feministischen Event aufzutreten. Da haben wir abgesagt, weil wir das nicht richtig gefunden hätten.

Sie haben gerade Seed to Tree angesprochen, eine Band, die ausschließlich aus Männern besteht. Ist das ein Thema bei Ihnen?


Wir waren anfangs eine Schülerband. Dass wir nur Jungs waren, haben wir überhaupt nicht hinterfragt. Wir waren bei der Bandgründung noch naive Kinder. Mit zunehmender Politisierung ist es immer mal wieder aufgekommen, dass wir nur Männer sind, aber letztlich haben wir es einfach hingenommen. Hätte sich auf organische Weise etwas mit einer Musikerin ergeben, hätten wir das ohne Zweifel befürwortet. Was man uns allerdings vorwerfen kann, ist, dass wir uns nie aktiv um ein weibliches Bandmitglied bemüht haben. Zu sagen, dass man keine Musikerin gefunden hat, die gut genug ist oder zur eigenen Zielgruppe passt, darf keine Ausrede sein. Als ich vor zehn Jahren anfing, war ich auch noch kein wirklich guter Musiker, ich habe mir die entsprechenden Fähigkeiten im Laufe der Jahre angeeignet. Generell ist es ein Armutszeugnis, wie wenig Frauen es in der luxemburgischen Musikszene gibt. Man kann die Zahl an aktiven luxemburgischen Musikerinnen an zwei Händen abzählen. Meiner Meinung nach müssen zwei Dinge sich ändern: Erstens braucht es weibliche Vorbilder in der Musikszene. Zweitens muss sich in der Bildung etwas ändern. In der klassischen Musik ist der Gendergap weit weniger ausgeprägt, bei der Popmusik wird uns allerdings von klein auf vermittelt, dass es sich um eine Männerdomäne handelt.

Sie haben gerade gemeint, dass Sie noch ein richtiges Kind waren mit 16 Jahren. In dem Alter bekommt es aber längst nicht jeder hin, einfach mal eine Band zu gründen, Lieder zu schreiben und regelmäßig zu proben. 


Das stimmt vielleicht. Es hat mich auf jeden Fall stark verändert, in einer Band zu sein. Als Teenager regelmäßig auf einer Bühne zu stehen und von vielen Menschen angeschaut zu werden – das kann dich kaputt machen, das kann dich aber auch stärken. Bei mir hatte es eher den zweiten Effekt. Ich war immer ein wenig schüchtern und unsicher. Durch das positive Feedback, das ich für meine Musik erhielt, wurde meine Persönlichkeit sehr gestärkt. Ich habe dadurch gelernt, besser mit meinen Schwächen umzugehen und resilienter zu werden. Resilienz wird ja nicht immer als besonders positive Eigenschaft wahrgenommen: Es geht darum, durchzuhalten, statt sich für radikale Veränderung einzusetzen. Ich sehe das ein wenig anders: Ich finde nicht, dass wir leiden sollten, bis wir es nicht mehr aushalten. Stattdessen müssen Rückzugsorte geschaffen werden, wo man abschalten und Inspiration sammeln kann, um anschließend Teil einer positiven Veränderung zu sein. Ich bin der Überzeugung, dass Musik – und Kunst generell – eine solche Energiequelle sein kann. Sie hat das Potenzial etwas in Menschen auszulösen, sie zu verändern.

Im Rahmen der Reihe „Was treibt Sie an?“ präsentieren wir einmal im Monat ein Interview mit einer Person, die sich außerhalb einer politischen oder aktivistischen Laufbahn für eine gerechtere Welt einsetzt.

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