Zinnschauer: „Abenteuerlustige Offenohrigkeit”

Ein junger, bärtiger Mann steht mit akustischer Gitarre auf der Bühne. Klar, Singer-Songwriter, sagt man sich – doch dann beginnt der Ton- und Lichttechniker am Mischpult zu schreien, im Raum erklingen ein Schlagzeug und Streicher. Die vierte Wand ist durchbrochen und das Publikum findet sich inmitten einer Performance wieder. „Als würde man Mars Volta auf einer Akustikgitarre spielen”, so beschreibt das Label die Musik der deutschen Band Zinnschauer. Jetzt hat Zinnschauer ihr neues Album „Das Zimmer mit dem doppelten Bestand” herausgebracht. Die woxx 
hat sich mit dem Frontmann und Kopf der Band Jakob Amr unterhalten.

„Das Zimmer mit dem doppelten Bestand” ist das vierte Album der Band, die 2012 gegründet wurde. Erschienen ist es beim Bielefelder Label Kapitän Platte. (Copyright: Dena Tabari und Djulien Izadi-Kooshki.)

woxx: Jakob Amr, Zinnschauer hat das letzte Jahr genutzt, um nach sechsjähriger Pause ein neues Album aufzunehmen. War dies geplant oder ist die Platte spontan entstanden?


Jakob Amr: Im Gegensatz zu vielen anderen Bands, die ihre Pläne absagen mussten, hat Zinnschauer von diesem Jahr ganz krass profitiert. Ich habe Anfang 2020 den Leuten meiner anderen Band, den Leoniden, mitgeteilt, dass ich ganz gerne noch einmal ein Zinnschauer-Album aufnehmen würde. Da wir aber mit dem neuen Leoniden-Album große Pläne hegten, hätte das alles nicht so richtig zusammengepasst. Durch Corona mussten wir unsere Pläne ändern und plötzlich gab es da diese Lücke. Bereits am nächsten Tag habe ich mit meinen Mitmusiker*innen von Zinnschauer gesprochen und mich dann auch gleich eingeschlossen. Ich habe die Songs in einem Monat runter geschrieben. Es musste ganz schnell gehen, was aber auch gut war, weil ich wusste, jetzt kann ich alles kanalisieren, was sich angestaut hat.

Live durchbrecht ihr gerne mal die vierte Wand, das Publikum wird Teil eurer Darbietung. Wie seid ihr auf diese Idee gekommen?


Die Formulierung „die vierte Wand durchbrechen” kommt eigentlich aus dem Theaterkontext, das ist überhaupt nicht unser Hintergrund. Wir waren vor Zinnschauer eher mit Punkbands unterwegs. Aber die Idee passte einfach zu uns. Wir haben alle so eine abenteuerlustige Offenohrigkeit. Und das Gefühl, wenn die vierte Wand durchbrochen wird, ob es in einem Film passiert oder einem Theaterstück, das ist einfach gigantisch und es verliert an Kraft, wenn es nicht in Echt passiert. Deshalb wollten wir unsere Konzerte dreidimensional gestalten. Keiner achtet auf Jonatan Lux, unseren Lichtmann – was wäre, wenn der plötzlich eine Zeile schreit? Dann ist diese Komfortzone des Publikums einfach gebrochen. Man ist plötzlich umzingelt. Wir wollen niemandem Angst machen, aber wir möchten schon erkunden: Was geht überhaupt alles? Was darf alles passieren? Es soll keine zeitgenössische, avantgardistische Performance sein, die Leute abhängt oder erschreckt oder die nicht jeder verstehen kann. Sondern wir möchten die Leute an die Hand nehmen und sie für dieses Abenteuer begeistern.

Findet sich dieser Aspekt eurer Performance auch auf Platte wieder?


In dem neuen Album geht es viel um Zimmer und Räume. Es hat so einen Geometrie/Architektur-Touch. Magnus Wichmann, mit dem wir dieses Album und auch alle anderen Zinnschauerplatten seit 2012 aufgenommen haben, hatte die Idee, dass wir sein Studio, in dem er auch wohnt, komplett mikrofonieren – also auch die Küche, den Flur, das Badezimmer – und wir haben ganz viel mit allen Mikros gleichzeitig aufgenommen. Fast wie eine Audioüberwachungskamera. Ganz am Anfang renne ich zum Beispiel durch den Flur und man hört das dann nur aus dem Mikrofon, das in einem Zimmer auf dem Kopfkissen liegt. So wie ein Kind das Geräusch durch einen Türspalt hören würde. Wir haben versucht, das Räumliche und Echte in einem Stereomix festzuhalten. So konnten wir die Momente, die uns live an Zinnschauer wichtig waren, auf die Platte bannen.

Das neue Album heißt „Das Zimmer mit dem doppelten Bestand” und die neun Songs scheinen eine Einheit zu bilden. Kannst du ein wenig mehr über die Inspiration hinter den Texten erzählen?


Getriggert wurde der Schreibprozess dadurch, dass ich jetzt in dem Alter bin, in dem meine Eltern mich bekommen haben. Es geht darum, dass man anerzogene, subjektive Gesetze in Frage stellt, oder mal guckt, was der Unterschied zwischen der Welt ist, die es gibt, und der Welt, die ich erlernt habe. Ich bin quasi zwischen zwei Polen aufgewachsen und so bin ich auf die Idee mit dem Zimmer gekommen. Ein Kinderzimmer ist eigentlich der sicherste Ort, ein Ort an dem man sein Bewusstsein findet, zwischen Kindheit und Erwachsensein. Ich habe mich gefragt, wie aus diesem sicheren Ort mit einer gut gemeinten Idee plötzlich ein ganz schräger Ort werden könnte. Dann dachte ich mir: Wenn alle Möbel doppelt vorkommen, ist man plötzlich zwischen Märchenwelt und Albtraum obwohl nur zwei Leute, einem jeweils ein Bett geben wollten und ihre eigene Vorstellung davon hatten, was ihrer Ansicht nach das beste Bett wäre.

Wie geht ihr beim Schreiben der Texte und der Songs im Allgemeinen vor?


Ich suche immer ganz viele Metaphern und erkunde so meine eigenen Emotionen. Für mich war das Schreiben eine Reise, die es mir ermöglicht hat, das Thema für mich besser zu verstehen. Es ist die Reise eines Kindes aus seinem Zimmer heraus. Mein Mitmusiker Sjard Fitter und ich, wir schreiben jeweils die Texte, die jeder am Ende performt. Wir reden immer über alles, auch wenn ich der Ursprung von vielem bin: Die Klaviere, die Gitarren und die Chöre zum Beispiel, all diese Parts kommen von mir. Ich schreibe auch die Partituren für unsere Violonistin Thuy-Vi Nguyen. Aber ich habe bei allem immer Sjard als meinen Berater zur Seite. Wir machen Systemchecks, um zu sehen, ob alles zusammenpasst. Obwohl noch kein Zinnschauer-Album so schnell entstanden ist, haben wir uns über jede Zeile ausgetauscht. Coronabedingt fand das natürlich am Telefon statt, das war schon ein besonderes Schreiben.

„Mit akustischer Gitarre zum musikalischen Limit“

Zinnschauer ist eine einzigartige Mischung: Einerseits hört man ganz deutlich die Einflüsse der alternativen Musik der 2000er heraus, Radiohead oder Mars Volta, andererseits nutzt du sowohl auf Platte wie live ausschließlich die Akustikgitarre und integrierst auch Singer-Songwriter-Elemente.


Die 2000er waren für mich die sensibelste Zeit meiner musikalischen Sozialisation. Da wurden die großen Plätze im Herzen besetzt. Bei mir war das schon immer superbunt. Eine Weile war ich sehr fokussiert auf progressive, sehr verfrickelte und verkopfte Musik, bis ich gemerkt habe, wie kalt ein 7/8 Takt ist, wenn man ihn nur macht, um ihn zu machen. Aber wenn man dieses Verkopfte in einen Kontext packt, wenn zum Beispiel in einem Groove etwas fehlt, so dass man spürt: Huch, ich bin hier gerade in ein Loch getreten, dann kann man mit Mitteln der nichtkonventionellen Kunst ganz viele Plätze erreichen in den Herzen, die noch nicht beschrieben sind. Am Ende soll es einfach emotionale Musik sein. The Mars Volta war die längste Zeit meine Lieblingsband, weil die es auch geschafft haben, musiktheoretisch anspruchsvolle Songs zu schreiben, die aber immer auch sumpfig-depri-emo-verzweifelt waren. Lange Zeit habe ich immer den nächsten Supertrigger gesucht: „Boah, kann der hoch singen”, das will ich auch, oder „Boah, spielt der schnell Schlagzeug”, das will ich auch. Aber ich habe nie unemotionale Musik gehört.

Und woher kam die Idee, auf Platte und live lediglich die Akustik-Gitarre zu nutzen?


Ich wollte einfach versuchen, mit dem Limit einer akustischen Gitarre Songs zu schreiben, die nicht Standard Singer-Songwriter sind, sondern ein bisschen fordernder, für mich, aber ebenso für die Zuhörer*innen. Ich fand auch die Tarnung so schön. Wenn ich mich auf die Bühne stelle mit einem Laptop, sieben Synthies und einem Gong hinter mir, dann weiß jeder, so jetzt kommt etwas, was ich noch nicht erraten kann. Aber das Bild eines Singer-Songwriters ist man so gewöhnt: Jetzt kommt der nächste bärtige Junge, der Lieder übers Meer singt und plötzlich geht das Licht aus und jemand schreit hinter dir. Es ist toll, das Publikum ein wenig auf die falsche Fährte zu führen.

Wie geht es jetzt für euch weiter?


Ich kann seit drei Jahren von der Musik leben und ich fühle mich wahnsinnig privilegiert. Mit den Leoniden hoffen wir, im Herbst wieder auf Tour gehen zu können, wenn das neue Album erscheint. Die vier Jungs von der Band gehören mittlerweile zu meinen besten Freunden und das macht auch wahnsinnig viel Spaß. Wir haben übrigens mit den Leoniden schon mehrmals in Luxemburg gespielt, im Atelier und auf dem Koll an Aktioun-Festival. Ich weiß noch nicht, ob wir „Das Zimmer mit dem doppelten Bestand” auf die Bühne bringen werden. Aber ich bin mir ziemlich sicher: Das letzte Zinnschauer-Konzert ist auf jeden Fall noch nicht gespielt.


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