Fotoausstellung
: Umdeutung


Die Villa Vauban ist nicht unbedingt bekannt dafür, zeitgenössische Kunst zu promoten. Umso begrüßenswerter ist daher, dass nun der „Griechenland Zyklus“ des deutschen Künstlers Sven Johne dort zu sehen ist.

Keine Frage, die gefühlt hunderttausendste Edward Steichen Ausstellung in einem luxemburgischen Museum ist wirklich kein Grund, sich auf den Weg in die Villa Vauban zu machen. Auch wenn sich sicherlich einige Meisterstücke des Wahlamerikaners und Exil-Luxemburgers in der Galerie befinden – es ist schwer zu sehen, welche Verbindung diese Bilder mit eher zweitrangigen Ölgemälden eingehen könnten. Es scheint, als sei das schlechte Gewissen Steichen gegenüber, dessen Werke man lange verrotten ließ, eine unerschöpfliche Quelle immer neuer Ausstellungskombinationen geworden.

Wie dem auch sei, die Arbeiten von Sven Johne kontrastieren auf ganzer Linie mit den Porträts und Werken Steichens. Das liegt vor allem daran, dass sie eigentlich nicht als Fotografien an sich gemeint sind. Die Bilder – auf denen immer wieder ein Nachthimmel gezeigt wird und nur im untersten Teil ein Stück der Städte, die Johne besucht hat – dienen hier lediglich als Aufhänger für die Botschaften, die der Künstler unter sie geschrieben hat.

Die Erzählfetzen berichten anekdotisch von den Erlebnissen, die Johne auf einer Griechenlandreise gemacht hat. Wie zum Beispiel: „23. Juni 2012, 00:59 Uhr, Sparta. Schachbrettstadt aus Beton, eingekesselt von den Bergen des Taygetos-Gebirges, glutheiß. Einzig schön sind die Straßenbäumchen, es sind Orangen. Man kann sie pflücken und essen. Downtown dann ein Elektro-Discounter, Klimaanlage eiskalt, dutzende Flatscreens, auf denen dasselbe läuft, eine Rateshow. Viele Anrufer. Im Jackpot sind nur 50 Euro“.

Diese Vorgehensweise entbehrt nicht der Ironie, für die der 1976 in Bergen auf Rügen geborene und in Leipzig ausgebildete Johne ebenso berühmt wie berüchtigt ist. Dem Besucher wird keine Möglichkeit gegeben, die anekdotisch-dokumentarischen Aussagen des Künstlers zu verifizieren und nachzuvollziehen. Dies steht im Kontrast zur vorgegebenen Exaktheit der Geschichten. Johne stellt so einen Zwischenraum her, in dem der Zuschauer seine Fantasie spielen lassen kann und dem Künstler Vertrauen entgegenbringen muss, wenn er das Gesamtkunstwerk adäquat erfassen will.

In den meisten Randnotizen Johnes taucht auch immer wieder die griechische Schuldenkrise auf. Als quasi roter Faden zieht sie sich durch sämtliche Erzählungen und wird noch durch zusätzliche Zitate (ohne Fotos aber in anderen Sprachen wie Französisch oder Englisch) weiter thematisiert. Dabei erscheint diese Fokussierung durchaus nicht als gesucht – die Schuldenkrise ist eben auch Teil der griechischen Identität und des Alltags geworden. Ganz gleich, ob sie sich in den Luxusyachten der Steuerflüchtlinge, dem Zusammenbruch der medizinischen Versorgung oder in Fernseh-Rateshows mit lächerlichem Einsatz manifestiert. Aber auch die Flüchtlinge kommen immer wieder in den Beschreibungen vor – seien es verängstigte afrikanische Straßenverkäufer oder bettelnde Kinder, die für Autofahrer ein Tänzchen aufführen. Auch sie sind ein Teil der Realität Griechenlands geworden. Und ihre Präsenz illustriert vortrefflich das Versagen der europäischen Union an ihrem südlichen Rand.

Johnes Vorgehen erinnert ein bisschen an die Situationnisten der 1960er-Jahre. Auch sie versuchten, verschiedene Medien zu kapern und sie so umzudeuten, dass sie eine politische Botschaft vermittelten, die anfangs nicht intendiert war. So auch in Johnes‘ Bildern. Denn wer denkt dann schon an Flüchtlinge, wenn er den Nachthimmel über Kos betrachtet?

All dies macht „Griechenland Zyklus“ zu einer Ausstellung, die mit einer gewissen Leichtigkeit hochbrisante Themen aufs Tapet bringt und den Betrachter – gerade durch diesen Gegensatz – zum Nachdenken auffordert.

In der Villa Vauban, 
noch bis zum 10. September.

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