KUNSTHANDWERK: Made in China

Dass Porzellan durchaus spannend sein kann, zeigt eine aktuelle Ausstellung: Von der Form- und Dekorentwicklung des Ming-Porzellans über Wirtschaftsspionage bis hin zu Bierkrügen aus China, erfährt man einiges.

Lange Zeit wurde die chinesische Porzellankunst von Europa in einem Maße rezipiert wie kaum ein anderer Teil der chinesischen Kunst. Das weiße Gold, dessen Ursprünge sich in China bis zur Han-Dynastie (100-200 n.Chr) nachzeichnen lassen, verleitete zu Wirtschaftsspionage und es wurde ab dem 18. Jahrhundert in großem Maße nach Europa verschifft.

Eine interessante und lange vernachlässigte Epoche stellt dabei die Zeit der späten Ming-Dynastie (1600-1644) dar. Die Keramikarbeiten dieser Zeit – genauer rund hundert Exponate des englischen Sammlers Michael Butler – sind im „Musée national d’histoire et d’art“ zu entdecken. Besonders interessant an den ausgestellten Schalen, Vasen, Tellern und Statuetten ist, dass sie in einer Zeit entstanden sind, als die kaiserlichen Aufträge ausblieben. Anfang des 17. Jahrhunderts musste die kaiserliche Manufaktur in Jingdezhen aufgrund finanzieller Schwierigkeiten schließen. Den besten chinesischen Töpfern und Porzellanmalern blieb daher nichts anderes übrig, als private Aufträge anzunehmen. Das geschah, nachdem hier an einer idealen geografischen Stelle seit sechshundert Jahren kaiserliches Porzellan hergestellt wurde. Jingdezhen befindet sich rund 500 km im Landesinneren. Somit war die Manufaktur nicht leicht für Feinde oder Wirtschaftsspione zu erreichen. Darüber hinaus ist die Stadt nicht weit vom Yangtze-Fluss entfernt, welcher sich für den Warentransport eignete. Vor allem aber liegt Jingdezhen im Gebirge, in der Nähe des chinesischen Berges Gaoling: Nicht nur Brennholz für die Öfen stand so zur Verfügung – auch das Kaolin, eine spezielle, eisenarme Tonerde, typisch für das chinesische Porzellan. Das stabile Porzellan von strahlendem Blau-Weiß entstand jedoch erst, nachdem die getöpferten Gefäße aus Kaolin mit Kobaltoxid bemalt wurden, und in einem einzigen Vorgang bei sehr hohen Temperaturen gebrannt wurden.

In puncto Dekor herrschten zunächst dicht bemalte ornamentale und florale Motive vor, in geringerem Umfang auch Tiere. Blumenmotive wie Pfingstrosen, Chrysanthemen oder Lotus stellten die Jahreszeiten dar. Aber auch externe Einflüsse waren schon an den Gefäßen festzustellen: etwa arabische Formen und Ornamente, Einflüsse mit denen die Chinesen schon seit 600 n. Christus konfrontiert waren. Zunehmend spiegelt das Porzellan der späten Ming-Dynastie auch den Einfluss der Europäer wider. Ab dem 17. Jahrhundert kämpften Portugiesen und Holländer um wirtschaftlichen Einfluss in China. Nachdem der Ostindienhandel zunehmend in die Hände der Holländer und Briten überging, kauften die Europäer in großem Stil chinesisches Porzellan ein. Von den niederländischen Häfen aus wurden Fürstenhöfe in ganz Europa mit der beliebten Ware versorgt. Dabei versuchte man einerseits in Europa das chinesische Porzellan vom Stil her nachzuahmen. So beeinflusste es die europäische Fayence-Kunst, insbesondere die Produktion der Delfter Manufakturen. 1709 gelang es dem am Hofe Augusts des Starken in Dresden tätigen Johann Friedrich Böttger das Geheimnis des chinesischen Porzellans zu lüften, woraufhin die Meißner Manufaktur entstand.

Andererseits veränderten sich auch die ursprünglichen Formen und Motive des chinesischen Porzellans, da es speziell für den Export, entsprechend den Wünschen europäischer Auftraggeber gefertigt wurde. So wurde es ab Mitte des 17. Jahrhunderts vom Dekor her luftiger, es kam zu einer Erweiterung der Farbpalette und auch die Motivik veränderte sich: Es etablierten sich Landschaftsmotive, Szenen aus dem Hofleben und der taoistischen Geisteswelt sowie Darstellungen aus Werken der klassischen Literatur. Daneben veränderten sich auch die Formen der Gefäße. Sie inspirierten sich an europäischen Vorgaben. Von daher mag es wenig erstaunen, wenn neben traditionellen chinesischen Vasen Bierhumpen und Senftigel zum Inventar des ausgesellten Ming-Porzellans gehören.

Eine sehenswerte Ausstellung über ein Kunsthandwerk und dessen globalen Siegeszug als Tafel- und Schmuckgeschirr.

Im Musée national d’histoire et d’art bis zum 14. September


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