INSTALLATION: Subversive Kommunikation

Wie werden wir in einer globalen Welt manipuliert? Dieser Frage widmet sich das Casino in seiner neuen Ausstellung.

Eine Ausstellung, die nicht auf Anhieb verständlich ist und eine Kakophonie aus unterschiedlichen Gesprächsfetzen, die sich in den einzelnen Ausstellungsräumen und Fluren überlagern – das hat der scheidende Casinodirektor Enrico Lunghi seinen Besuchern mit „Soft Manipulation. Who Is Afraid of the New Now?“ hinterlassen. Aber es ist auch eine der seltenen Ausstellungen, die weniger auf Gefälligkeit und poetische Evokationen baut, sondern einen politischen Kontext auszuloten versucht. Es haben sich rund zwanzig internationale Künstler mit dem Thema Manipulation befasst, und ihre Auseinandersetzung in Form von Installationen, Fotos und Videos ausgedrückt.

In einer globalen Welt nehmen nicht nur die Informationsflüsse, der Warentransport und die Reisebewegungen des Einzelnen zu, sie werden auch unüberschaubarer – so dass man sich fragt, welche Informationen überhaupt noch stimmen und ob sie letztlich nicht nur einem Zweck dienen – nämlich jenem, den Empfänger zu instrumentalisieren. Werden Sachverhalte in der Öffentlichkeit nicht auch hochgeschaukelt, um Angst zu schüren und den Einzelnen – aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus – zu bewegen, seine Freiheit einschränken zu lassen? Und von wem geht diese „softe Manipulation“ aus, die Bedingungen, Barrieren und Alarmzeichen schafft und die ihre Subjekte abtastet? Diesen Fragen gehen die Künstler in ihren Installationen nach.

Dabei ist es erstaunlich, dass das Medium Internet bei den vornehmlich jungen Künstlern als instrumentalisierende Plattform kaum eine Rolle spielt. Im Gegenteil: Es werden viele eher historische „Manipulationspraktiken“ aufgegriffen, etwa jene der Datensammlungen, die im kalten Krieg ihren Ursprung haben.

In „Transcript“ und „Inaudible“ rekonstruiert die amerikanische Künstlerin Jenny Perlin einen Dialog aus den fünfziger Jahren, in dem Freunde sich über ein jüdisches Paar unterhalten – nämlich Julius und Ethel Rosenberg. Ein Gespräch, das damals auch von einem FBI-Agenten heimlich aufgezeichnet wurde, und das mit dazu beitrug, die Rosenbergs der pro-sowjetischen Spionage zu verdächtigten und sie 1953 in den USA hinzurichten. Die reproduzierte Aufnahme der Künstlerin übernimmt dabei auch die Gesprächs- elemente, die der FBI-Agent damals wegen der schlechten Aufnahmequalität eigenmächtig eingefügt hatte. Perlin thematisiert damit die Fragwürdigkeit der Beweislage, die zum Tod der
Rosenbergs führte.

Manipulationsprozesse sichtbar machen will auch der junge polnische Künstler Artur Zmijewski in seiner Videoinstallation „Them“, indem er Vertreter zweier antagonistischer Gesellschaftsgruppen seiner polnischen Heimat aufeinandertreffen lässt. In einem Kunstatelier erhielt jede Gruppe die Möglichkeit, ihre Position mit künstlerischen Mitteln vorzustellen. Die TeilnehmerInnen malten zunächst auf großen Leinwänden ihnen wichtige Werte mit Symbolen und Parolen auf. Auf die Darstellungen der jeweils anderen Gruppen konnte unmittelbar reagiert werden. Hatten die ersten Kommentare noch die Form von Übermalungen, gingen es bald an die Substanz: Mit Messern wurden Leinwände aufgeschlitzt, unliebsame Elemente entfernt und durch andere Symbole ersetzt. Aus dem Spiel wurde sehr bald Ernst: Die Videoinstallation von Zmijewski verdeutlicht wie die anfänglich subversiv-ideologische Manipulation in offene Agressionen umschlägt.

Auch bei Sagi Groner geht es darum, zu zeigen, dass Informationskultur nicht in einem leeren Kontext spielt. Er hat sechs Miniaturmodelle aufgestellt, die jeweils historische oder mythologische Episoden illustrieren und zwar so, dass die ideologische Inszenierung des Ganzen ersichtlich wird: So steht Ariadne im Scheinwerferlicht einer Bühne. Der symbollastige Moment des Niederreißens der Saddam-Hussein-Statue im Irak findet bei Groner vor einer Kulisse statt. Der Blick wird gelenkt – er wird manipuliert. Nichts ist rein zufällig, das scheint Groner ausdrücken zu wollen.

Dass falsche Vorstellungen durch Konfrontation mit dem Gegenüber ein Stück weit aus der Welt geräumt werden können, diesen Gedanken setzte Andreja Kuluncic um, indem sie Gefangene aus Schrassig mit dem Architekten an einen Tisch brachte, der für den Ausbau des Gefängnisses zuständig ist. Statt andere über die eigenen Bedürfnisse spekulieren zu lassen, gibt Kuluncic den Betroffenen das Wort. Die Gefangenen entwerfen ihre eigene Gefängniszelle.

Die Ausstellung „Soft Manipulation Who Is Afraid of the New Now?“ spricht sicher ein wichtiges Thema an. Jedoch ist die Konzeption ohne vorherige Einarbeitung oder einer Führung kaum verständlich – Manipulation ausgeschlossen.

Zu sehen im Casino noch bis 1. März 2009.


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