FOTOGRAFIE: Auf der Kippe

Kinder und Frauen wühlen im Müll. Die Momentaufnahmen von Jordis Antonia Schlösser sind eindringliche Dokumente einer anderen EU.

Nachts. Eine Fackel in der Hand, zeigt ein etwa zehnjähriger Junge auf eine Stelle im Müllhaufen in dem er steht. Neben ihm stochert eine Frau, die ein mit Blumenmotiven versehenes Kopftuch trägt, nach Verwertbarem in dem Abfallhaufen aus Plastikflaschen, Dosen, Essensresten und Tüten. Szenenwechsel: Kinder sortieren Müll in große Plastiksäcke und waten in kurzen Hosen durch die schlierige Deponie. Oder: Ein Junge steht in ärmlichen Kleidern im dampfenden Schuttberg, ein Feuer lodert aus Fässern, die im Vordergrund herumliegen. Die Aufnahme wirkt apokalyptisch. Rund zehn Jahre sind diese Bilder alt, die an die müllsuchenden Kinder aus den lateinamerikanischen Favelas erinnern. Nur dass die Aufnahmen diesmal aus der EU stammen. 1998 ist die deutsche Pressefotografin Jordis Antonia Schlösser nach Nordrumänien gereist, um über eine Siedlung und deren Bewohner am Rande der Stadt Cluj zu berichten. Die rund 400 Roma, die hier leben, nennen ihre Siedlung mit ironischem Unterton „Dallas“, in Anlehnung an die bekannte amerikanische Fernsehserie. Doch ihr Dallas liegt mitten in einer Mülldeponie. Eine Wagenladung Müll bedeutet hier Kapital. Vor allem seit dem Ende des Kommunismus und durch die Auflösung der Kolchosen hatten viele Roma ihren früheren Arbeitsplatz verloren und wurden an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

Jordis Antonia Schlösser hat den Alltag dieser Menschen dokumentiert. Dabei verraten ihre Bilder so einiges von der Würde, der Sehnsucht aber auch dem Humor, den die Menschen haben – trotz der unmenschlichen Lebensumstände. „Auf der Kippe – Rumänien, 1998“ ist eine weitere Ausstellung, im Rahmen des „mois européen de la photographie“ und zurzeit im „Hôtel du Parc“ in Clervaux zu sehen ist. Das Besondere der schwarz-weiß Aufnahmen von Jordis Antonia Schlösser, die für bekannte Magazine wie Geo, Stern, Spiegel gearbeitet hat und deren Projekte sie nicht nur in den Mittleren Osten geführt haben, sondern auch nach Westafrika und Kuba, nach Kanada und Australien – ist, dass sie ganz nah am Menschen sind. Ihre Bilder dokumentieren den Arbeitshergang, bei dem schon kleinste Kinder anpacken müssen und mit Harken hinter dem Abfallwagen her laufen, um Brauchbares zu finden.

Aber auch die Sozialstruktur: Es scheinen vor allem Frauen und Kinder im Müll zu arbeiten. Sie hält die Kamera auf die notdürftig aus Plastikplanen, Tüchern und Brettern gebaute Behausungen, in denen Familien auf einigen Quadratmetern zusammen leben – wobei sich drumherum Säcke mit sortiertem Abfall stapeln und Schafe durch den herumliegenden Müll waten. Jordis Antonia Schlösser hat aber auch die poetischen Momente eingefangen, in denen Kinder in einem Haufen aus Plastiktüten Purzelbäume schlagen, eine Frau versonnen mitten in der Deponie auf eine Christusdarstellung blickt, die sie gefunden hat oder rund zwanzig Menschen gebannt auf einen Minifernseher starren. Insgesamt eine wirklich sehenswerte Ausstellung.

Zu sehen im Hôtel du Parc in Clervaux noch bis zum 31. Mai 2009


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