FOTOGRAFIE: Ankommen in der Fremde

Die Bilder von Gérald Bloncourtfangen in intensiven Moment-aufnahmen die Lebensumstände portugiesischer MigrantInnen Mitte der 60er Jahre in Frankreich ein.

Ein Innenhof. Ein kleiner Junge steht, die Hände in den Taschen, auf einem mit Kreide auf den Boden gezeichneten Spielfeld. Ein Mädchen in der Hocke beobachtet ihn und seinen nächsten Spielzug. „Himmel und Hölle“ heißt das Spiel. Gérald Bloncourt hat diesen Moment Mitte der 60er auf einer seiner Schwarz-Weiß-Fotografien eingefangen. Zwischen Himmel und Hölle situiert sich die gesamte Ausstellung, die zurzeit in der Abbaye de Neumünster zu sehen ist: „Pour une vie meilleure“ dokumentiert den Blick von Gérald Bloncourt auf portugiesische MigrantInnen, die in den 60er Jahren nach Frankreich kamen und in den Elendsvierteln um Champigny lebten. Die Fotos zeugen von den Mühen der Reise von Portugal nach Frankreich und thematisieren die ärmlichen Lebensumstände im Gastland: die Bahnhöfe, die provisorischen Unterkünfte mitten im Schlamm, die harte Arbeit im Baugewerbe, das Gemeinschaftsgefühl unter den GastarbeiterInnen – intensive Aufnahmen einer Bevölkerung auf der Suche nach einem besseren Leben. Denn Portugal hatte in den 60er Jahren wenig zu bieten: António de Oliveira Salazar war bis 1968 Ministerpräsident und Diktator von Portugal. Er hatte den Estado Novo, den „Neuen Staat“ verkündet und eine konservativ-autoritäre Diktatur eingeführt. Salazars Reformen bevorzugten die privilegierten Schichten auf Kosten der ärmeren Bevölkerung. Die bereits 1926 eingeführte Pressezensur verhinderte eine freie Meinungsäußerung. Politische Parteien wurden – sofern sie sich nach dem Militärputsch nicht selbst aufgelöst hatten – verboten. DissidentInnen wurden von Salazars Geheimpolizei ins Exil getrieben, in eines der berüchtigten Gefängnisse gebracht, getötet oder mundtot gemacht.

Gérald Bloncourts Bilder thematisieren dagegen weniger das Leben in Portugal unter der Diktatur als vielmehr den mühsamen Versuch eines Neuanfangs in der Fremde. Im Mittelpunkt seiner Bilder stehen dabei vor allem die Menschen, Erwachsene – aber auch Kinder und alte Menschen, die ihre Heimat aus Not heraus verlassen haben. Seine Bilder geben Anlass, über die wenig thematisierten Lebensumstände dieser Bevölkerungsschichten im Exil nachzudenken – dass vor fünfzig Jahren, die ersten GastarbeiterInnen ihr Leben noch in Elendsvierteln vor den Toren der Städte fristen mussten.

Bloncourt schaut hin. Seine Sensibilität für politische Themen bezieht er dabei auch aus der eigenen Erfahrung: 1926 in Haiti geboren, musste Bloncourt selbst aufgrund politischer Aktivitäten sein Geburtsland 1946 verlassen, um nicht von der militärischen Junta, die die Macht ergriffen hatte, verhaftet zu werden. Eine neue Heimat fand er in Frankreich, wo er ab 1948 als Reportagefotograf bei der Zeitung „L’Humanité“ arbeitete. Viele seiner Reportagen beschäftigen sich mit den Lebensumständen der ArbeiterInnen. Etliche Bilder zeigen Protestierende, besetzte Fabriken, Meetings oder eben Migrantenschicksale.

Die Ausstellung „Pour une vie meilleure“ ist interessant wegen der Intensität der Aufnahmen. Zusätzlich lässt eine vor Ort gezeigte Filmreportage auch ehemalige MigrantInnen zu Wort kommen.

Zu sehen im Centre culturel de rencontre Abbaye de Neumünster bis zum 24. Dezember


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