KUNST UND INTERNET: Raumfreie Kunst

Seit zehn Jahren gibt es nun ubermorgen.com, eine Netzseite, hinter der sich ein Künstlerkollektiv verbirgt, das gekonnt mit den Grenzen von Internet und Kunst spielt. Jetzt erschien ein Buch, das ihre Aktionen resümiert.

Politik und Kunst gehören zusammen. Sei es nun gegen Google oder für die Integration von Neonazis: Die virtuelle Kunst ist in diesem Bereich immer ein Stück voraus.

Die Diskussion um die Begriffe der Kunst im Raum, bzw. des Raumes, der der Kunst zusteht, zieht sich durch die gesamte postmoderne Periode – und noch weiter, denn auch heute noch wird der Kunstbegriff oft an die Raumproblematik gekoppelt. Ob es sich nun um neue Räume für – neue oder alte – Kunst oder um die gänzlich andere Frage der Kunst im öffentlichen Raum handelt: Postmoderne Kunst vom Raumbegriff zu dissoziieren, ist quasi unmöglich. Ging es im 19. Jahrhundert noch vornehmlich darum, den adäquaten Rahmen zu finden, in dem der Zuschauer oder Besitzer Kunst genießen kann, so stellt sich die Frage im 20. und vor allem im 21. Jahrhundert anders: Im Zeitalter der Installationen und Videoprojektionen müssen die neuen Kunsthallen sich den räumlichen Bedürfnissen der Kunst anpassen – nicht umgekehrt. Die Zeit der fest vorgegebenen Formate ist ebenso vorbei wie das Zeitalter der dekorativen Kunst, die sich den Räumlichkeiten anpasst.

Dass diese schöne, neue Zeit aber nicht von tiefgreifenden Konflikten verschont bleibt, davon kann der luxemburgische Kunstliebhaber ein Lied singen. Die unsäglich langen Streitdiskussionen über das Mudam oder das ewig unvollendete Projekt Festungsmuseum, aber auch die Fragen der Kunst im öffentlichen Raum haben die eigentlichen Kunst-Debatten der letzten Jahre und Jahrzehnte konstant überlagert. Trotzdem blieb die Frage nach dem Sinn solcher neuer Kunsthallen stets unbeantwortet. Ist das Mudam nun nur etwas Repräsentatives, eine teure neue Designerhülle, die die Leere der luxemburgischen Kulturlandschaft kaschieren soll, oder ist es wirklich ein Ort der künstlerischen Schöpfung, eine Art Zentrum für das zeitgenössische Verstehen der Kunst und – durch sie – der Welt? An dieser Frage scheiden sich die Geister und werden es wohl noch lange tun. Und dies ist sogar auf eine gewisse Art sehr verständlich. Denn diese Diskussionen überlagern nicht ohne Grund die Hermeneutik der zeitgenössischen Kunst und ihres Verständnisses. Gibt es etwas Bequemeres, als sich über ein Gebäude auszulassen, zumal wenn man das, was es beherbergt, nicht versteht?

Freiraum Vs Raumfrei

Solche Sinnfragen sind im World Wide Web gegenstandslos. Hier gibt es nur einen Raum, den virtuellen, und ein jeder kann sich heute dort so einrichten, wie er will. Nur, es gibt im Internet zwar eine Menge Webdesigner und Blogger, sowie hunderttausende Seiten über Kunst, doch kaum Kunst an sich. Wie ist das zu erklären?

Mit dem Aufkommen des Internets bildete sich auch eine große Gruppe von Leuten, die entschlossen waren, diese unendlichen Weiten zu erobern und ihr tägliches Brot damit zu verdienen. Es gab und gibt zigtausende unabhängige Webdesigner, die ihr ganzes Können im Herumwirbeln von HTML-Codes und Flash auf dem Markt anbieten, um vielleicht eines Tages das große Geld damit zu verdienen. Dass dies auch bedeutet, Verlierer und Gewinner zu produzieren, hat wohl kaum jemanden von dieser neuen Generation davon abgehalten, sich und sein Lebensprojekt ins Netz zu stellen. Zu stark war die Verführungskraft des Lebensgefühls, das die Zugehörigkeit zu der neuen „digitalen Bohème“ verhieß, die der deutsche Blogger und Netzaktivist Sascha Lobo in seinem Klassiker „Wir nennen es Arbeit“ beschrieb. Doch machte leider schon der Werdegang dieser prominenten Figur deutlich, dass eine solche Zugehörigkeit nicht ohne finanzielle und persönliche Kompromisse zu haben ist. Wie sonst wäre zu erklären, dass Lobo, der Leithammel der digitalen Bohème, seine spezifische rote Irokesenfrisur sowie seinen guten Namen an die deutsche Telekom und an die SPD verramscht hat?

Nein, Kunst im Internet braucht einen anderen, einen subversiveren und freieren Anstoß. Sie braucht zwar vielleicht keinen spezifischen Raum, aber viele andere kleine Räume, die sich nicht als Kunsträume vorstellen, aber gerade deshalb solche sind. Der geneigte Leser hat schon verstanden: Kunst im Internet ist vor allem ein Spiel mit den Widersprüchen – des Internets selbst, aber auch der Gesellschaft, die sich im Netz spiegelt.

Kunst im Netz: Subversion

Dieses paradoxe Spiel erproben die aus Österreich und der Schweiz stammenden Internetkünstler Hans Bernard und Lizvlx schon seit zehn Jahren – durchaus mit Erfolg, wie einige ihrer Arbeiten zeigen, die nun zum ersten Mal in Buchform erschienen sind. Kunst im Internet ist für sie in erster Linie Subversion. Es geht ihnen darum, die alltäglichen Mechanismen des Internets – und vor allem das Verhalten der User, die vieles als normal ansehen, was nicht normal ist oder sein sollte -, zu hinterfragen. Am spektakulärsten ist ihnen dies bei ihrem Google-Projekt „Google will eat itself“ gelungen, das die beiden Betreiber von ubermorgen.com mit zwei Mitstreitern initiiert haben. Unter der Webadresse www.gwei.com kann jeder User mit ein paar Klicks zur Selbstauflösung von Google beitragen. Und zwar so: Indem die Aktivisten gezielt Werbung auf der Google-Startseite platzieren und anklicken, verdienen sie Geld – nur ein paar Cents pro Klick, aber immerhin. Mit diesem Geld werden dann automatisch Google-Aktien gekauft. So dass am – hypothetischen – Ende der Aktion Google ganz den Aktivisten gehört. Die Aktion ist natürlich eine reine Utopie – die aktuelle Vorrechnung besagt, dass es noch 202.345.117 Jahre dauert, bis „Google will eat itself“ die Supersuchmaschine übernommen haben wird. Trotzdem aber rückt die Aktion ins Licht, wie bestimmend das angeblich freundliche Unternehmen, das sich als Maxime „Do no evil“ auf die Fahnen geschrieben hat, in unserem Alltag geworden ist. Nicht nur, dass wohl die meisten User ohne Google kaum mehr im Internet surfen könnten – mit jedem Klick, den sie ausführen, verschaffen sie den Betreibern der Suchmaschine Informationen und halten, ohne es zu wissen, den Geldmach-Mechanismus des Unternehmens in Gang.

Ein ähnliches Projekt, ebenfalls von ubermorgen.com und Paolo Cirio und Alessandro Ludovico ersonnen, befasst sich mit dem Internet-Versandhaus Amazon und hat den sprechenden Titel „Amazon Noir“. Hier geht es nicht um Klicks, sondern um Urheberrechte: Die Netzkünstler tricksten die Sperre an einer Funktion der Amazon-Seite aus, um an die integralen Texte der dort beworbenen Bücher zu gelangen. Die fragliche Funktion „Search inside books“ – also Suche innerhalb der Bücher – erlaubt es dem normalen Amazon-User, virtuell in den Büchern zu blättern. Ubermorgen.com setzte nun ein selbstgeschriebenes Programm dazu ein, per vielfach wiederholter Aktivierung dieser Funktion Bücher zur Gänze herunterzuladen und sich dadurch deren Kauf zu ersparen. Die Rechnung ging auf: Über 3.000 Bücher wurden bei Amazon auf diese Weise gestohlen und in sogenannte Peer-to-Peer-Netze geleitet, Netze in denen User frei und gratis ihre Dateien austauschen können. Im Juli 2006 drohte der Internet-Riese den Netzkünstlern mit einer Klage – die aber durch ein außergerichtliches Arrangement abgewendet wurde. Amazon kaufte ubermorgen.com ihre Amazon Noir-Software für eine ungenannte Summe ab, und beide Parteien verständigten sich darauf, weder über die Summe noch über ihre Vorgehensweise in der Öffentlichkeit zu reden.

Datenklau mal anders

Ubermorgen.com nimmt sich aber nicht nur die großen Firmen vor, die Netzaktivisten behandeln auch andere Themen, wie zum Beispiel den grassierenden Überwachungswahn. Dies ist am Beispiel von www.anuscan.com zu sehen. Dieses sogenannte Webpainting ist eine Internetseite, die außer dem, was auf ihr steht, nichts zu bieten hat. Mit anderen Worten: Die Links, die man anklicken könnte, sind gar keine und funktionieren auch nicht. Aber trotzdem hat die Seite es in sich, ist sogar, wie die Künstler in einem Interview mit dem Webzine Neural.it hervorhoben, „eine ihrer provokativsten Arbeiten“.

Auf anuscan.com wird eine neue Technologie beworben, die es in Zukunft unmöglich machen soll, Sicherheitsbarrieren auf Flughäfen oder anderen Einrichtungen zu umgehen. Denn genau wie das Auge oder der Fingerabdruck ist auch der menschlische Anus einzigartig. Man braucht also, so die Idee, nur sämtliche Ani weltweit zu registrieren und bei jeder Kontrolle einen Datenstick in den Allerwertesten der zu scannenden Person einzuführen, um deren Identität zu bestätigen. Absurd? Gar nicht so sehr, wie der – glücklicherweise abgewehrte – Vorstoß europäischer Sicherheitsfanatiker, die an Flughäfen sogenannte „Nacktscanner“ aufstellen wollten, beweist.

Andere Aktionen, wie zum Beispiel, das „Bayer Banner“, das immer noch unter www.ubermorgen.com/bayer zu bewundern ist, zielen auf präzisere Feindbilder. Hier ist eine falsche Bayer-Beschwerdenseite erstellt worden mit einem ständig wechselnden Banner des Medikamentenherstellers. Sind die Sätze im Banner anfangs noch harmlos – „1899: We invented and registered Aspirin© as a trademark and became the world’s favorite painkiller“ – so werden sie mit fortschreitender Firmengeschichte – d.h., je länger der User auf der Seite verweilt – immer detaillierter: „1940: about 30.000 slave workers died in our camp; we had more deported to gas chambers“. Im Finale geht es darum, dass Bayer noch immer keine Reparationen gezahlt hat und dies wohl auch nicht mehr tun wird: „NOW: We remember the good times, when we did not have to pay our workers, and could kill the weird ones.“

Firmen mit Nazi-Vergangenheit helfen

Ein weiteres Projekt, das Salz tief in die Wunden deutscher Vergangenheit und Gegenwart streute, ging im Jahre 2001 über die Bühne. Für „NAZI-LINE“, ein soziales und multidisziplinäres Projekt (www.ubermorgen.com/NAZI-LINE), taten sich die Macher von ubermorgen.com mit dem nicht weniger subversiven Theatermacher Christoph Schlingensief zusammen. Hauptanliegen war es, „richtige“ Neo-Nazis auf eine Theaterbühne (Zürcher Schauspielhaus) zu locken, um dort mit ihnen Shakepeares „Hamlet“ einzuproben und aufzuführen. Die AnhängerInnen national-sozialistischer Ideologien sollten auch einmal in den Genuss sozialer Wärme kommen und sich so von ihren Hassvorstellungen befreien. Was auch zum Teil funktionierte: Einer der Mitstreiter betreibt heute ein Exit-Programm für Szeneaussteiger. Parallel dazu erstellten die Aktivisten von ubermorgen.com eine Webseite, auf der Firmen mit Nazi-Vergangenheit ihre Image-Schäden ausbessern konnten. Zumindest wurde es Ihnen angeboten …

Die Aktion sorgte natürlich für heftige Kontroversen – so kam es am 29. April im Wiener Künstlerhaus zu einem Eklat, als die Macher von ubermorgen.com und NAZI-LINE eine Pressekonferenz abhielten: Ein Jungnazi, dem es missfiel, dass seine geliebten Nazi-Symbole verunglimpft wurden, griff die Referenten körperlich an. Bezeichnenderweise traf das darauf verhängte Hausverbot nicht ihn, sondern die Macher der Aktion. Diese erklärten das mit dem Umstand, dass im Verwaltungsrat des Künstlerhauses noch immer mehr oder weniger prominente Altnazis sitzen. Aber auch von der „anderen“ Seite wurde die Initiative angegriffen: So vom Bündnis EXIT, das NAZI-LINE verbot, auf ihre Seite weiterzuverlinken, und zudem das Bündnis „Weisse Rose Düsseldorf“ so unter Druck setzte, dass es aus der Zusammenarbeit mit NAZI-LINE ausstieg.

Dieses letzte Beispiel zeigt auch, dass Kunst im Internet nicht unbedingt in der virtuellen Welt bleibt. Sie zeigt lediglich die Interferenzen und Gemeinsamkeiten auf, die es zwischen realer und virtueller Realität gibt und geben kann. Sie zeigt auf, dass es in Zukunft unmöglich sein wird, Internet-Kunst als solche – nicht den Kunst-Diskurs im Internet – nicht ernst zu nehmen. Dem haben im letzten Jahrzehnt etliche Kunsthäuser Rechnung getragen, indem sie – auf die eine oder andere Weise – ubermorgen.com und ihre Projekte in ihre Ausstellungen integrierten. Bis aber eine solche Ausstellung in Luxemburg zu sehen ist, werden wohl weitere zehn Jahre vergangen sein.

UBERMORGEN.COM: „Media Hacking vs Conceptual Art“, erschienen im Christoph Merian Verlag.


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