BERLINALE: Glanz auf dem Eispanzer

Die 60. Berlinale hat wieder einmal bewiesen, dass sie unabdingbar ist. Wo sonst vereinen sich Hollywood-Glamour und Autorenkino, Minder-heiten und Massengeschmack so gut als in der deutschen Hauptstadt?

Heimliche Star der Berlinale: Bora Altas.

Vom 11. bis zum 21. Februar begrüßte die deutsche Hauptstadt Filmschaffende aus aller Welt zur 60. Berlinale. Am Ende der zehn filmreichen Tage vergaben der Jurypräsident Werner Herzog und seine sechs KollegInnen die begehrten „Bären“. Trotz beißender Kälte und vereister Fußwege verzeichneten die Festspiele einen Zuschauerrekord mit rund 300.000 Besuchern.

Der zähe Berliner hatte seit Sylvester die zweifelhafte Freude, mit dem Eischaos zu leben, während die Besucher der Festspiele ihre Mühe hatten, den Tag ohne schmerzliche Ausrutscher zu überleben. Der Aspahlt Berlins lag unter zentimeterdicken Eis- und Schneeschichten und die Stadtverwaltung tat sich schwer, den Winter zu bekämpfen. Der tapfere Zuschauer musste also zwischen Schneehaufen und auf einer gefährlichen Glatteis-Kies-Pampe manövrieren um die verschiedenen Spielstätten zu erreichen. Doch das diesjährige Festivalprogramm mit über 400 Filmen war es wert, der Witterung zu trotzen.

Im Wettbewerb, der sein Prädikat „International“ erneut nicht gestohlen hat, traten 18 Filme an. Das Programm war in mehrerlei Hinsicht durchwachsen; große Namen standen nicht immer für großartige Filme und es waren vor allem die ruhigen, unaufgeregten, die überzeugen konnten. Dennoch darf auch der strengste Kritiker mit der Auswahl der internationalen Jury unter Werner Herzog zufrieden sein.

Der diesjährige Gewinner des Goldenen Bären für den besten Film kommt aus der Türkei. Semih Kaplanoglus „Bal“ (Honig) begeisterte sowohl die Jury als auch die Kritiker – ein seltenes Vorkommen in der Geschichte eines Festivals, das berüchtigt ist für die manchmal schwer nachvollziehbaren Juryentscheidungen. Doch bei „Bal“ herrschte übereinstimmende Begeisterung. Nach „Yumurta“ und „Süt“ erzählt Kaplanoglu im dritten Teil seiner Yusuf – Trilogie von der Kindheit seines Hauptdarstellers (beeindruckend: der achtjährige Bora Altas) in den Bergen und Wäldern Anatoliens. Ein ruhiger Film, der durch bestechende Bilder und einer unaufgeregten Erzählweise überzeugt.

Der Große Preis der Jury, der „Silberne Bär“, ging an den rumänischen Film „Eu cand vreau sa fluier, fluier“ (If You Want to Whistle, Whistle) von Florian Serban. In diesem bedrückenden Sozialdrama wird das Schicksal des jungen Silviu (George Pistereanu) erzählt, der seine letzte Woche in Jugendhaft absitzt und seine Freiheit noch mal, aus Liebe zu seinem kleinen Bruder aufs Spiel setzt. Auch hier überzeugte ein Film, der auf kunstvolle Spielereien verzichtet um mit seinen realistischen Aufnahmen die Verzweiflung eines gescheiterten jungen Mannes zu zeichnen. Der Alfred-Bauer-Preis, der Filme auszeichnet, die neue Perspektiven der Filmkunst eröffnen, ging ebenfalls an Semih Kaplanoglu.

Ein Mann der in den letzten Monaten vor allem negative Schlagzeilen machte, wurde mit dem begehrten Silbernen Bären für die beste Regie geehrt. Die Rede ist von Roman Polanski und seinem Politthriller „The Ghost Writer“. Erneut kann man die Entscheidung der Jury nur begrüßen. Denn Polanski liefert mit der Geschichte eines Schriftstellers (Ewan McGregor), der engagiert wird, um den britischen Ex-Premierminister Adam Lang (Pierce Brosnan) als Ghostwriter bei seinen Memoiren zu unterstützen, einen grundsoliden Politthriller ab. Im Vorfeld wurde ja zur Genüge über die möglichen Parallelen zwischen dem Minister im Film und Tony Blair spekuliert. Aller Brisanz zum Trotz – auch in Bezug auf laufende Ermittlungen gegen den Regisseur – handelt es sich bei „The Ghost Writer“ wirklich um einen handwerklich gelungenen und spannenden Film.

Unaufgeregte im Mittelpunkt

Im Mittelpunkt jedes Films und somit jedes Festspiels stehen die Schauspieler und der Glam-Faktor eines Festivals misst sich vor allem an der Präsenz von Stars und Sternchen. Auch Berlin tut sein Bestes um große Namen anzulocken und damit den roten Teppich der Galapremieren für Fans und Paparazzi interessant zu machen. Die Liste ist lang und umschloss dieses Jahr auch diverse Publikumsmagnete wie Leonardo DiCaprio, Ewan McGregor, Gérard Depardieu oder auch Bollywoodkönig Shah Rukh Khan. Doch wenn es um die Ehre geht, den Bären für den besten oder die beste DarstellerIn entgegen zu nehmen, reicht Prominenz nicht aus. So wurden dieses Jahr Schauspieler geehrt, die harte, teils dreckige Arbeit leisten mussten und sich ihre Lorbeeren wohl verdient haben.

Die Japanerin Shinobu Terajima gewann für ihre beeindruckende Darbietung in Koji Wakamatsus „Caterpillar“ den Silbernen Bären für die beste weibliche Darstellerin. „Caterpillar“ ist ein in höchsten Maßen verstörender Film, der im 2. Weltkrieg in Japan spielt. Die junge Frau interpretiert eine Soldatenfrau, deren Mann im Krieg Arme und Beine verloren hat. Als Kämpferin an der Heimatfront muss sie sich nun ganz ihrem Mann hingeben und für das Wohl des „Kriegsgottes“ sorgen. Dieser ist jedoch nur noch an der Befriedigung seiner niederen Bedürfnisse (Essen, Schlaf, Sex) interessiert. Beiden Schauspielern, und auch den Zuschauern übrigens, wird in diesem manchmal leider unausgegorenen Film vieles abverlangt und Shinobu Terajima gebührt für ihre bewegende Darstellung größter Lob.

Gleich beiden Darstellern des russischen Beitrags von Regisseur Pavel Kostomarov, „Kak ya provel etim letom“ („How I Ended this Summer“), kam die Ehre zuteil, den Silbernen Bären für den besten Darsteller anzunehmen. Grigori Dobrygin und Sergei Puskepalis spielen zwei Männer, die auf einer verlassenen Arktikinsel in einer meteorologischen Station arbeiten. Sobald in dieser Abgeschiedenheit der Samen des Misstrauens gesät ist, wird die Insel zur Falle. Es wird wenig gesprochen in diesem Film, dennoch brillieren Dobrygin und Puskepalis durch Ehrlichkeit bewegende Darbietungen. Dieser Film galt unter Insidern auch als einer der Favoriten auf den Goldenen Bären.

Einstimmigkeit herrschte auch bei der inoffiziellen Bestimmung des größten Reinfalls des Festivals. Selten wird auf Pressevorführungen ein Film ausgebuht: Oskar Roehlers „Jud Süss – Film ohne Gewissen“ erlangte diese höchst zweifelhafte Ehre. Erzählt werden sollte die historisch belegte, tragische Geschichte des Schauspielers Ferdinand Marian, der „gezwungen“ wurde in dem grässlichen Nazi-Film „Jud Süss“ den Juden Joseph Süss Oppenheimer zu spielen. Heraus kam ein peinlicher Film, in dem sich so manch eine Größe des deutschen Film blamiert. Inkongruentes Drehbuch, leidige Regiearbeit und handwerklich verunglückte Schauspieler wussten nur wenige zu überzeugen. Man darf nur hoffen, dass die anderen Wettbewerbsfilme es eher in die Kinos schaffen als dieses „Drama“.

Besser erging es Großmeister
Martin Scorsese : Außerhalb des Wettbewerbs und dafür mit hohem Glam-Faktor wurde die Weltpremiere von „Shutter Island“ gezeigt und mit viel Beifall aufgenommen. Leonardo DiCaprio, Sir Ben Kingsley, Max von Sydow, Mark Ruffalo treten in diesem sehr gelungen Thriller auf, der nicht nur die psychiatrischen Behandlungsmethoden der 50er Jahre hinterfragt sondern auch die Grenzen der Realität austestet.

Neben dem Wettbewerb bietet die Berlinale noch die Kategorien Generation, Perspektive Deutsches Kino, Panorama und Forum an, die vor allem Plattformen sind für Filme, die sonst eher schwer den Weg in die Kinos finden. Aus diesem vielfältigen Angebot heraus wird auch der Teddy-Award vergeben, der an Filme mit schwul- lesbischem Kontext steht. Der diesjährige Teddy für den besten Spielfilm ging an Lisa Cholodenkos „The Kids Are All Right“, der mit Hollywoodgrößen wie Julianne Moore und Annette Bening als Homo-Paar aufwartete. Der Film erzählt auf recht konventionelle Art von den Leiden der Ehe und zeigt auf etwas durchschnittliche Weise dass Sexualität kein einfaches Thema ist.

Auch dieses Jahr wurden die Nebenkategorien ergänzt durch die Reihe Retrospektive, die Klassiker aus 60 Jahren Berlinale-Geschichte auf die großen Leinwände brachte. So durfte man etwa Rainer Werner Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“, Jean-Luc Godards „A bout de souffle“, Nagisa Oshimas „Ai no corrida“ oder Satyajit Rays „Charulata“ in teils neuen Kopien bewundern.

Das wahrscheinlich größte Highlight der diesjährigen Berlinale war die Uraufführung der restaurierten Fassung von Fritz Langs „Metropolis“ aus dem Jahr 1927. 2008 war in einem Filmarchiv in Buenos Aires die verloren geglaubte, ungekürzte Fassung des Filmmonuments gefunden worden. Nach schwierigen Restaurierungsarbeiten ist es gelungen, einen Großteil der Originalversion wieder herzustellen, die am 12. Februar der Welt vorgestellt wurde. Die Weltpremiere wurde mit Live-Musik vom Rundfunk – Sinfonieorchester Berlin begleitet und zeitgleich auf Arte ausgestrahlt.


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