THEATERFESTIVAL: Perspektiven für die Großregion

Multiperspektivisch, zeitgenössisch, waghalsig. Das deutsch-französische Festival der Bühnenkunst „Perspectives“ katapultiert den Zuschauer vom 21. bis zum 29. Mai in die grenzenlose Welt des zeit-genössischen Theaters.

Ein Mann der gute Figur macht:
Das Figurentheater Tübingen in „Mit riesen-großen Flügeln“.

Im Hintergrund der Bühne ist nur die Silhouette eines Menschen sichtbar, ein Eisball zerbirst auf dem Boden. Starjongleur Philippe Ménard erscheint im Rampenlicht, seine Materie: das Eis; seine Kunst: die „Unjonglierbarkeit“; seine Botschaft: Die ständige Metamorphose zwischen Körper und Identität. Ménard ist, zwischen Eisblöcken hin und her rutschend, verzweifelt auf der Suche nach dem Gleichgewicht. Er jongliert mit Eiswürfeln, umgeben von Kühlschränken wird sein Männerkörper nach und nach zu dem einer Frau. Die Eiswürfel schmelzen, das Eis zerfließt, nichts ist mehr haltbar, die Kunst wird unbeherrschbar, die Identität undefinierbar, die Grenze unsichtbar und alles gerät in Schieflage, in die „P.P.P.“ – „Position Parallèle au Plancher“. Die gleichnamige Zirkusinszenierung (zu sehen am 22. und 23. Mai) lässt den Zuschauer nicht unberührt und mit ihrem Thema, dem Perspektivenwechsel, ist sie eines der Highlights des diesjährigen grenzüberschreitenden deutsch-französischen Festivals der Bühnenkunst, das, zum erwähnten Stück passend, den Titel „Perspectives“ trägt.

„Kunst an Grenzen“ – dieses Motto bleibt maßgeblich für das gesamte Festival. Was kann Grenzen besser überwinden als die zeitgenössische Kunst? Wie können Sprachbarrieren besser umgangen werden als mit der Körpersprache, welche Ausdrucksform wagt sich näher an Grenzen als die Akrobatik?

Breites Angebot und hohes Niveau

So geht das deutsch-französische Festival der Bühnenkunst im wahrsten Sinne des Wortes an Grenzen und darüber hinaus: Über Länder-, Körper- und Schauspielgrenzen in einer scheinbar unbegrenzten Welt der Fantasie. Es ist bereits die 33. Auflage des Festivals, das unangefochten Platz eins der deutsch-französischen Theaterszene beansprucht.

Sylvie Hamard, künstlerische Leiterin des Events kehrt zurück von ihrem ersten Interview-Termin des Tages, der ein langer werden wird. „Das Festival hatte 2006 nur noch 3.000 Zuschauer, letztes Jahr haben wir die 12.000 erreicht. Wir haben wieder eine Anziehungskraft in der Großregion, die wir nicht mehr hatten“, erzählt Hamard. Erfolgsrezept ist vor allem das unglaublich weit gefächerte Programm: Zirkus, Tanz, Theater, Akrobatik, Musik – alles ist in den 26 Bühnenaufführungen vertreten. Seit sie 2007 die Leitung des Festivals übernommen hat, versucht Hamard eine breit gefächerte Zuschauerschaft anzuziehen, ohne dafür das Niveau zu senken: „Viele glauben, dass ein breites Publikum und ein hohes künstlerisches Niveau sich ausschließen. Das ist nicht wahr.“

In der Vielfalt der Stücke sei die aktuelle Entwicklung zeitgenössischer Kunst wiederzuentdecken, so Hamard: „Zur Zeit ist es wirklich so, dass man die Stücke nicht mehr einer Kategorie zuordnen kann. Ist es Theater? Ist es Tanz? Es gibt eine Tendenz, verschiedene künstlerische Ausdrucksformen zu vermischen. Ich finde diese Genreüberschreitung toll, das hat mit künstlerischem Genie zu tun“.

Grenzen werden ausgeblendet

Doch genauso weiß sie, dass die Bühnenkunst der Grenzregion „noch immer auf der Suche ist nach einer stärkeren Identität“. Kulturelle Identität der Großregion? Es ist eine viel – ja zu viel – diskutierte Frage, die gerade in dem übersatten Kulturangebot etwas unscharf wird.

Dennoch liefert das Festival „Perspectives“ ein konkretes Konzept: „Sinn der Sache ist, die Menschen aus der Großregion dazu zu bringen, über die Grenze zu gehen und dass man ganz einfach für den Nachbarn sensibilisiert wird“.

Dieses Ziel hängt vor allem mit der sprachlichen und räumlichen Dimension des Festivals zusammen, das unter anderem im Staatstheater Saarbrücken, dem Carreau in Forbach, aber auch an ausgefalleneren Orten der Theaterszene in Saarbrücken stattfinden wird.

Der ästhetische Anspruch der ausgewählten Werke, wie das Zirkusstück „P.P.P.“ gleich zu Beginn beweist, geht über das bloße Überschreiten von Grenzen hinaus: Was passiert, wenn die Grenze regelrecht ausgeblendet wird, wenn sie unsichtbar, unwahrnehmbar, inexistent wird, ihre auch Halt gebende Funktion verliert? Es entwickelt sich ein neuer Blick, ein perspektivisches Sehen und Wahrnehmen.

Ein neuer Blick drängt sich in dem erstmals in französischer Version adaptierten Stück „Avec des ailes immenses“ (zu sehen am 25. und 26. Mai) unter Regie von Enno Podehl förmlich auf. „Diese im Grunde ganz unbeschreibliche Kombination aus Menschen, Kostümen, Masken, Stoffen, Sachen, Tönen und Puppen. Belebtes und Unbelebtes dicht bei- und miteinander“, so beschreibt die „Stuttgarter Zeitung“ das magische Verschmelzen der Grenzen. Es ist die poetische Geschichte eines zugleich engelhaften und alten, zerzausten Hühnerwesens, das geradezu vom Himmel fällt, in den Garten einer Familie, dessen fieberkrankes Kind auf wundersame Weise geheilt wird und das fabelhafte Wesen zu einer „Engelattraktion“ werden lässt. Am Ende fliegt dieses dann doch davon und wird zu einem „imaginären Punkt am Horizont des Meeres“. Hier sind Fantasie und Realität ganz nah beieinander und die Existenz von Grenzen, die Orientierung und Halt geben, wird hinterfragt, wenn auch auf eine ganz andere Weise als in dem Stück „P.P.P.“.

Weg mit kapitalistischen Zwängen

Auch die unlebendigen Figuren werden mit meisterhaftem Feingefühl durch die Künstler zum Leben erweckt, die Schauspieler hingegen wirken in fast mechanischer Stille. Auf der Suche nach den Grenzbereichen zwischen Puppentheater und anderen Künsten lassen Frank Soehnle und Karin Ersching vom Figurentheater Tübingen an die Stelle von klaren, statischen Strukturen eine berührend poetische und surreale Mischung von Kunst und Text treten. Der Zuschauer der Großregion findet sich schließlich mit der Frage konfrontiert, die unbewusst bereits gestellt war: was für neue Potenziale werden freigesetzt, wenn Grenzräume verschmelzen und Barrieren durchbrochen werden?

„Es entwickelt sich das Potenzial zur Kritik, zur Infragestellung und zum gesellschaftlichen Wandel“, so würde wahrscheinlich die Antwort René Polleschs lauten, der als Vertreter der Berliner Volksbühne auf dem Festival mit seiner Inszenierung „Ein Chor irrt sich gewaltig“ nicht nur einen sehr politischen Akzent setzt, sondern auch gemeinsam mit der österreichischen Schauspielerin Sophie Rois zu einer Perle des Festivals wird. Pollesch stellt jegliche aristotelische Theaterkonzeption auf den Kopf, es gibt keine Einheit der Handlung, ein Chor tritt immer wieder in verschiedenen Rollen auf, weder Charaktere noch Geschlechter sind definiert. Mit seiner absurden Komödie, die französische Chansonfetzen mit einem dem deutschen Theater so „typischen“ kapitalismuskritischen Vergnügen verknüpft, erteilt er Versuchen, sich dem Publikum anzubiedern eine klare Absage. Sylvie Hamard weiß, dass „der französische Zuschauer nicht alle Referenzen hat, die er benötigt, um Pollesch zu verstehen“. Dennoch ist „dieses Stück eine einmalige Gelegenheit, Pollesch in Frankreich zu zeigen“. In die Inszenierung, die stark durch die französische Seitensprung-Komödie „Un éléphant ça trompe énormément“ beeinflusst ist, fließen vor allem auf musikalischer Ebene französische Elemente ein. Der Regisseur setzt das Theater selbst auf die Anklagebank, es ist nicht mehr nur die Instanz, die den Kapitalismus kritisiert, sondern wird selbst auch Teil dieser unumschränkten Nachfrage-Herrschaft. Dazu der Regisseur in einem Interview: „Das Problem ist, dass beim Theater immer nur abgedeckt wird: War diese Aussage jetzt ein Erfolg oder nicht? Wenn ich im Theater sage, ich bin gegen den Kapitalismus, wird diese Aussage nicht gehört, es wird nur festgestellt, wie viel Erfolg ich damit habe.“

In einem deutsch-französischen Kontext zeigt das Stück Polleschs ganz deutlich, wie sehr die Theaterstrukturen sich auf beiden Seiten des Rheins unterscheiden. „Pollesch ist sehr von dem deutschen System eingenommen. Ich bin eher durch das freie französische System geprägt, was er kritisiert, ist in Frankreich nicht wirklich Thema“, schreibt Hamard.

Und gerade hier liegt das Interesse des grenzüberschreitenden Kulturdialogs, der nicht nur gegenseitige künstlerische Inspiration bedeutet, sondern auch eine Begegnung mit anderen kulturellen Strukturen. Während in Deutschland das Ensemble-Spiel im Zentrum des Theaterschaffens steht, gibt es in Frankreich nur mehr fünf vorherrschende Nationaltheater mit einem Ensemble, die restliche Theaterszene basiert auf dem Gastspiel. „Das französische Theater ist ein dauerhaftes Festival“, lacht Sylvie Hamard, sodass in Frankreich zwar (noch) weniger Sicherheit, allerdings mehr Freiheit im Künstler-Milieu gegeben ist. Gerade diese wird von Pollesch reklamiert, wenn er den Kapitalismus auch als „künstlerische Freiheitsgrenze anklagt“. Während das Aufbrechen von Grenzen bei Ménard („P.P.P.“) oder im Stück des Figurentheaters Tübingen („Avec des ailes immenses“) sehr künstlerisch-abstrakt bleibt, wird es bei Pollesch konkret und heißt: Weg mit der Begrenzung des Theaters durch festgefahrene Marktzwänge!

Wenn die zeitgenössische Bühnenkunst auch zum Grenzignoranten wird, so kann eine Grenze doch nur sehr bedingt verschoben werden: Das Live-Theater bleibt das Medium, das sich natürlicherweise am schwerfälligsten exportiert, europäisiert, internationalisiert – der Sprung über die deutsch-französische Grenze in der Großregion bleibt ein kleiner Hopser.

Auf die Straße

Doch der deutsch-französische „Kleinhopser“ kann während des Festivals dieses Jahr erstmals einen Riesensatz wagen, in die zeitgenössische Tanzszene Afrikas, die mit drei verschiedenen Inszenierungen präsent ist und faszinieren wird.

Auch die „Stubenhocker“ werden dieses Jahr gefordert, die gewohnten vier Theaterwände zu verlassen und sich zu Musik und Straßentheater ins Freie zu begeben. Da heißt es regelrecht Aufatmen nach dem sehr gesellschaftskritisch und politisch geladenen „Indoor-Programm“.

Die Künstlergruppe Artonik begibt sich mit der Inszenierung „La Rue est dans le Pré“ unter das Publikum, das zur Bühne wird, es gibt nicht mehr den Künstler und den Zuschauer, sondern alle sind Künstler und alle sind Zuschauer. Alain Beauchet fordert zum Mitmachen auf: „Das Besondere am Straßentheater ist, dass es sich an ein sehr breites Publikum richtet, aber eben auch an ein Nicht-Publikum. Zentral ist der öffentliche Raum, in dem der Zuschauer zum Schauspieler wird. Dabei versuchen wir eine Formel zu entwickeln, die für das größtmögliche Publikum wahrnehmbar und zugänglich ist.“

Er ist überzeugt: „Ohne Sprachbarriere, da alles zwischen Tanz und Musik abläuft, ist das Straßentheater auch das Theater, das sich am meisten exportiert und das am besten geeignet ist, verschiedene Völker einander anzunähern.“

Damit ist das Ziel erreicht und die Formel gefunden, in der alle während des Festivals präsentierten Inszenierungen auf einen Nenner kommen: Wenn Kunst an Grenzen stößt – kann sie zu einer Brücke werden.

Mehr Informationen zum Festival unter www.festival-perspectives.de


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