Kulturkadaver

+++ Der erste Diskussionsabend in der Reihe „Casino Debating“ widmete sich am 20. Mai der Reise der Gëlle Fra nach Shanghai und ergänzte den ewigen Streit über die Bedeutung des umstrittenen Denkmals um ein unterhaltsames Kapitel. Für Kunstkurator Jo Kox hat die sinnfreie Aktion die Gëlle Fra zum Dekorationsobjekt degradiert: „Dass die patriotischen Organisationen dies gutheißen, unterminiert ihre Glaubwürdigkeit auch rückblickend auf die Debatte um Lady Rosa.“ Robert Goebbels wollte von der Problematik nichts wissen: „Sowieso weiß ich nicht, was die Symbolik der Gëlle Fra sein soll.“ Der Psychiater Paul Rauchs schlug vor, die Gëlle Fra gar nicht als Symbol zu verstehen, sondern als reines Symptom sich wandelnder luxemburgischer Befindlichkeiten. Nach Shanghai schickte man sie wohl vor allem aus Angst, von China wirtschaftlich nicht wahrgenommen zu werden. Diese konnte den Eifer verdrängen, mit dem 2001 die Unantastbarkeit des „nationalen Symbols“ verteidigt wurde. +++ Zu Tapas, Rotwein und Fado-Klängen zogen zwei Gestalten das Publikum in ihren Bann. „Wie das Geld bekämpfen und das Dasein bezwingen? – Die einzige Methode war es Geld zu erwerben. So trat ich in die Kommerz- und Bankenphase des Anarchismus ein“, erklärt der reiche Bankier einer mal skeptisch, mal spöttisch-kokett, lächelnden Michèle Sinner. Was macht die Faszination aus? Ist es Pessoas sarkastischer Monolog, der scheinbar voller Widersprüche steckt? Ist es Germain Wagner, der den anarchistischen Bankier so überzeugend spielt als wäre es sein Alter Ego? Oder ist es die erleichternde Einsicht, dass man gesellschaftliche Zwänge doch am besten abschafft, indem man sich selbst Freiheit verschafft – eine legitime Erklärung des Anarchismus, die uns Pessoa mit seinem Textchen liefert. Gleich was es ist. In Zeiten von Wirtschafts- und Finanzkrisen und allgemeiner Larmoyanz ist Pessoas anarchistischer Bankier eine erfrischende Abwechslung zum moralisierendem Mainstream. +++ Point de vue musical, la semaine passée était plutôt productive. A condition d’aimer la Kulturfabrik eschoise. En effet, mercredi on pouvait assister au retour triomphal des soeurs Bianca et Cassidy – connus sous le nom de Coco Rosie – qui ont rempli la salle. Ce qui est un vrai exploit en pleine semaine. La musique ludique et déjantée des débuts de Coco Rosie a pris un tournant plus mélancolique entretemps. Ce qui rendait leur performance, comme toujours en compagnie de l’excellent beatboxer Tez, encore plus intense. Peut-être même un peu trop pour certain-e-s. Vendredi, ce fût au tour de Deti Picasso, groupe improbable réunissant des influences folkloriques arméniennes, de la chanson russe et du punk pur et dur. Si cette fois le public n’était pas vraiment au rendez-vous, le potentiel découverte de ce concert s’en trouvait encore réhaussé.


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