Der Fiat-Konzern will 700 Millionen Euro in Süditalien investieren, aber nur, wenn die Beschäftigten schlechtere Arbeitsbedingungen akzeptieren. Darüber ließ das Unternehmen die Arbeiter abstimmen.

Wollen die Abwärtsspirale des internationalen Wettbewerbs um die miesesten Arbeitsbedingungen aufhalten: Arbeiter von Fiat bei einer Demonstration am 25. Juni in Neapel.
Im Kino der Sechzigerjahre war der Alfa Romeo Spider ein Symbol fĂĽr Freiheit und Dolce Vita. Von dem SportcoupĂ© träumten damals auch viele junge SĂĽditaliener, die in den Norden emigriert waren und dort in den Turiner Fiat-Werken fĂĽr bessere Arbeitsbedingungen kämpften. Um die Abwanderung zu stoppen, beschloss die Regierung in jenen Jahren, in Pomigliano d’Arco bei Neapel die erste Autofabrik SĂĽditaliens zu bauen. Das staatseigene Werk AlfaSud sollte zur nachholenden Industrialisierung des Mezzogiorno beitragen. Doch der Alfa blieb ein cineastischer Traum. Das krisenanfällige Staatsunternehmen wurde Mitte der Achtzigerjahre an Fiat verkauft.
FĂĽr Sergio Marchionne, den CEO von Fiat, ist diese Vorgeschichte bedeutungslose Mythologie. Er lebe „in der Zeit nach Christus“, was davor passiert sei, interessiere ihn nicht. Nach der neuen Zeitrechnung dient der alte Alfa-Mythos bestenfalls zu Werbezwecken, die von den Arbeitern in der Vergangenheit erkämpften Rechte gelten als obsolet. Doch das Konzept, mit dem Marchionne vergangene Woche in Pomigliano die Epochenwende besiegeln wollte, wurde von 36 Prozent der Belegschaft abgelehnt. Mit so vielen Widergängern aus der klassenkämpferischen FrĂĽhzeit hat keiner gerechnet.
Seit zwei Jahren steht in Pomigliano die Produktion still, knapp 5.000 Mitarbeiter befinden sich in „Kurzarbeit“. Erst im April kĂĽndigte Marchionne einen neuen Industrieplan an. Fiat werde 700 Millionen Euro in das Werk in Pomigliano investieren und die Produktion des neuen Panda-Modells aus Polen zurĂĽckholen – vorausgesetzt, es werde durch mehr „Flexibilität“ der Belegschaft im neapolitanischen Vorort dieselbe Produktivität erreicht wie im polnischen Tychy.
Den Gewerkschaften wurde ein „Abkommen“ vorgelegt, das nationale Tarifvereinbarungen, aber auch Grundrechte der italienischen Verfassung auĂźer Kraft setzt. Mit Produktionsbeginn 2011 soll sich die Belegschaft zu einer Sechs-Tage-Woche verpflichten und jeder Mitarbeiter garantieren, bis zu 80 Ăśberstunden pro Jahr zu leisten. Die Arbeitspausen sollen um täglich zehn Minuten verkĂĽrzt, die halbstĂĽndige Kantinenpause an das Schichtende verlegt werden. Vor allem will sich Fiat wegen der hohen Fehlzeiten das Recht vorbehalten, im Krankheitsfall LohnkĂĽrzungen und im Fall von „kollektiver Arbeitsenthaltung“, sprich Streiks, DisziplinarmaĂźnahmen oder sogar KĂĽndigungen vorzunehmen. Die Branchenvertretungen der christlich-konservativen Gewerkschaften CISL und UIL akzeptierten Mitte Juni die Forderungen, die Metallgewerkschaft Fiom verweigerte dagegen die Unterschrift, obwohl sich auch ihr Dachverband, die linke CGIL, bereit erklärte, dem Fiat-Konzept zuzustimmen.
Fiat will in Italien zu denselben Bedingungen produzieren wie in Osteuropa.
Infolge der Proteste der Fiom ordnete Fiat eine Mitarbeiterbefragung an und drohte, die Investitionen zurĂĽckzuziehen, falls keine klare Mehrheit fĂĽr das „Abkommen“ zustande käme. Fiom-Generalsekretär Maurizio Landini nannte das einen Erpressungsversuch. Es habe keinen Sinn, einer Vereinbarung mit „verfassungswidrigem Profil“ zuzustimmen. Trotzdem riet die Fiom ihren Mitgliedern, an der von Fiat angeordneten Befragung teilzunehmen, um sich vor eventuellen Repressalien seitens des Konzerns zu schĂĽtzen.
Arbeitsminister Maurizio Sacconi und Emma Marcegaglia, die Vorsitzende des italienischen Unternehmerverbands Confindustria, erklärten, es sei ihnen unverständlich, wie der Fiom entgehen könne, dass Fiat einen „historischen Trend“ umkehren und eine Produktion aus dem profitableren osteuropäischen Ausland zurĂĽckholen wolle. Dass Marchionne sein Vorhaben ausdrĂĽcklich an die Voraussetzung knĂĽpfte, in Italien zu denselben Bedingungen produzieren zu können wie in Osteuropa, schien ihnen selbstverständlich. Unausgesprochen galt Pomigliano als idealer Ort fĂĽr dieses Exempel, schlieĂźlich wird SĂĽditalien seit jeher als „rĂĽckständige“, irgendwie nicht zum entwickelten Europa gehörende Region betrachtet.
Mit den Protesten der Fiom solidarisierten sich radikale Linke. Die linksliberalen Medien appellierten dagegen an den „Realitätssinn“ oder griffen auf die alte Rhetorik von der Chance zur „Modernisierung“ des Mezzogiorno zurĂĽck. Der Vorstand der CGIL behauptete, man beuge sich den Forderungen von Fiat nur in diesem „spezifischen Fall“, um Arbeitsplätze zu sichern. Die Demokratische Partei vermied jede eindeutige Stellungnahme.
Angesichts dieser Einheitsfront ĂĽberraschte das Abstimmungsergebnis. Die Belegschaft nahm nahezu geschlossen am Referendum teil, doch anders als erwartet lehnten nicht nur die Fiom-Mitglieder das „Abkommen“ ab. Fast doppelt so viele Arbeiter und Arbeiterinnen, die anderweitig oder gar nicht gewerkschaftlich organisiert sind, stimmten ebenfalls mit „Nein“. DarĂĽber hinaus solidarisierten sich am Freitag der vergangenen Woche Hunderttausende während eines landesweiten Streiks gegen die SparmaĂźnahmen der Regierung, zu dem die CGIL schon Wochen vor der Fiat-Abstimmung aufgerufen hatte, unter dem Motto „Wir verhandeln ĂĽber Schichten und Pausen, nicht ĂĽber Arbeitsgrundrechte“ mit der Belegschaft in Pomigliano.
Die Proteste gegen den VorstoĂź Marchionnes zeigen, dass viele Lohnabhängige im Gegensatz zu ihrer allzeit kompromissbereiten GewerkschaftsfĂĽhrung den Konflikt nicht scheuen. Ob sich die Proteste langfristig darauf beschränken, die „WĂĽrde“ der Arbeiter zu verteidigen, oder ob es gelingt, dem moralischen Sieg politische Bedeutung zu verleihen, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. In einem Solidaritätsschreiben forderten die polnischen Metallarbeiter aus Tychy ihre italienischen Kollegen dazu auf, den innereuropäischen Wettstreit um eine möglichst billige Produktion zu beenden und gemeinsam fĂĽr bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen.
Um den Einfluss der Fiom zurĂĽckzudrängen, könnte Fiat versuchen, fĂĽr die neue Produktion einen eigenständigen Unternehmenszweig zu grĂĽnden. Die entlassenen Arbeiter könnten dann zu den im „Abkommen“ fixierten Bedingungen einzeln neu eingestellt werden. Bereits während der Abstimmung zeigte sich, dass der Versuch, Arbeiter, Angestellte und prekär Beschäftigte gegeneinander auszuspielen, erfolgreich sein könnte. Der Soziologe Sergio Bologna polemisierte deshalb auch gegen jene Linken, die das Abstimmungsergebnis euphorisch feierten, als gäbe es nicht seit Jahren Millionen von befristet Beschäftigten, denen die verfassungsrechtlichen Arbeitsrechte de facto nicht zugestanden werden.
Auch der Mailänder Umweltökonom Guido Viale empfahl, den Fiat-Industrieplan in seinen Grundsätzen zu kritisieren: Marchionne plane bis 2014 allein in Italien 1,4 Millionen Autos zu produzieren, mehr als doppelt so viele wie bisher, obwohl der Konzern einen Absatzrückgang von 30 Prozent zu verzeichnen habe. Nicht das Arbeitsrecht sei obsolet, wohl aber das Produkt Auto. Die Linke sollte deshalb nicht für den Erhalt eines überkommenen und umweltschädlichen Automobilwerks kämpfen, sondern für Investitionen in zukunftsweisende Sektoren, wenigstens aber für eine umweltfreundliche Mobilität.
Catrin Dingler ist freie Journalistin und lebt zwischen Rom und Stuttgart.

