WOHNUNGSLOSE: Die Gesetze der Straße

von | 03.01.2003

Wo die großherzogliche Familie einst ihre Gäste empfing, übernachten heute Obdachlose. Für viele ist der Pavillon am Hauptbahnhof während des Winters die letzte Zuflucht.

„Es ist eine Schweinerei: Ausgerechnet im Winter kamen sie und haben uns auf die Straße gesetzt.“ Patrick macht sich’s auf seinem Feldbett gemütlich, während er erzählt, wie die Stadt Luxemburg die Fenster und Eingänge von leer stehenden Häuser zumauern ließ. Der 22-jährige hat in einem der Squat-Häuser übernachtet – wie viele der bis zu 200 Obdachlosen in Luxemburg. Ein richtiges Zuhause kenne er nicht, sagt er. Aufgewachsen sei er im Heim, danach habe er beim Zirkus gearbeitet und sei durch andere Länder gezogen. „Doch irgendwann bin ich auf der Straße gelandet.“

Seit ein paar Tagen verbringt Patrick die Nächte im „Pavillon grand-ducal“. Der CFL hat das ehemals prunkvolle Gebäude neben dem Luxemburger Hauptbahnhof vorübergehend zur Verfügung gestellt. Früher empfing hier die großherzogliche Familie prominente Gäste, heute schlafen hier Wohnungslose. Die drei Organisationen „Stëmm vun der Strooss“, „Drogenhëllef“ und „Abrigado“ haben den Pavillon für sie kurzfristig in ein Nachtasyl verwandelt – mit 22 Schlafplätzen, einem Extra-Raum für Frauen und sanitären Anlagen.

„Hierher kommen diejenigen, die aus den anderen Strukturen für Obdachlose herausgefallen sind“, erklärt Alexandra Oxacelay. Strukturen, von denen es nach den Worten der „Stëmm“-Leiterin in Luxemburg zu wenige gibt: „Drogenhëllef“ und „Abrigado“ sind zwar Anlaufstationen für Drogenabhängige und in der „Stëmm“ in der Rue du Cimetière bekommen Patrick und die anderen Wohnungslosen etwas zu essen – aber das einzige feste Nachtasyl ist das Foyer „Ulysse“ in Bonneweg.

Übernachten bei null Grad

Die Kapazitäten des „Ulysse“ reichen jedoch längst nicht mehr aus, nachdem die Zahl der Menschen, die auf der Straße leben, in den letzten Monaten dramatisch angestiegen ist. Pascal hat bis vor kurzem im „Ulysse“ gelebt – bis man ihn rauswarf. „Ich war ein bisschen angetrunken und habe mit meiner Freundin gestritten“, sagt der Obdachlose. Danach habe er im Freien geschlafen, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt.

Weihnachten verbrachte Pascal bei seiner Mutter, zusammen mit seinem 13-jährigen Sohn. Früher habe er beim Comptoir des fers et métaux gearbeitet, erzählt der 38-jährige. „Doch die haben meinen Vertrag nicht verlängert.“ Pascal fiel in die alte Heroinabhängigkeit zurück. Zurzeit macht er eine Therapie mit dem Ersatzstoff Mephenon.

Die meisten im „Pavillon grand-ducal“ seien auf Drogen, sagt Alxandra Oxacelay. Dies sei mit ein Grund, weshalb sie anderswo nicht mehr unterkommen, im „Ulysse“ oder in einem der von den staatlich finanzierten Hilfsorganisationen angemieteten Hotelzimmer. Wer dort Drogen konsumiert, fliegt raus. Zwar ist das auch in dem Eisenbahngebäude verboten. Doch im Vorraum kann man wenigstens rauchen. „Man kann den Leuten nicht die ganze Nacht über das Rauchen verbieten“, so Oxacelay.

Es ist kurz nach acht Uhr abends. Der Pavillon ist gerade geöffnet worden. Draußen regnet es, so dass sich der Raum schnell füllt. Die ersten kommen und holen sich ihr Bettzeug beim Wachpersonal ab. Dann suchen sie sich einen Schlafplatz aus. Die 21-jährige Véronique ist zusammen mit ihrem Freund Michel hier. Wie Pascal sind sie drogenabhängig und werden von der „Drogenhëllef“ betreut. „Wir würden gerne eine Therapie in einer Fachklinik im Ausland machen“, sagt Michel. Einzeln sei dies zwar möglich, „aber wir wollen gemeinsam auf Therapie gehen“. Zurzeit sind beide „auf Methadon“.

Auch Véronique und Michel verbrachten lange Zeit in Squat-Häusern. Véronique berichtet, wie dort eine junge Frau von mehreren Männern vergewaltigt worden sei. Die seien mit Schlagstöcken auf die Wohnungslosen losgegangen und hätten sie verprügelt, erzählt sie.

Pflaster statt Lösung

Im Pavillon sorgt derweil ein privater Wachdienst für die Sicherheit. Bis auf ein paar kleinere Handgreiflichkeiten ist es nach den Worten Oxacelays in dem Eisenbahngebäude bisher friedlich geblieben. Für die Sozialarbeiterin sind die meisten, die das provisorische Refugium aufsuchen, bekannte Gesichter. Doch inzwischen seien neue hinzu gekommen.

Die 22 Plätze im Pavillon reichten bei weitem nicht aus, so Oxacelay, die an die Mitverantwortung von Gemeinden und Kirchen appelliert. Obwohl sich immer mehr Organisationen wie das Rote Kreuz und Drop-in anschließen und die Stadt Luxemburg bis Ende März eine Lokalität in der Rue de l’Aciérie zur Verfügung stellt, würden die Probleme nur „zugepflastert“ und nicht gelöst. Doch dauerhafte Lösungen sind gefragt: Schlafplätze für Obdachlose, Möglichkeiten zur Therapie für Drogenabhängige und deren anschließende Integration.

Doch vorerst bleibt der ehemals großherzogliche Pavillon die einzige Bleibe für so manchen aus der Luxemburger Bahnhofsszene – so auch für Patrick: Er hofft, im neuen Jahr einen Platz in einer betreuten Wohngemeinschaft zu bekommen. Morgens um neun, wenn der Pavillon schließt, ist auch er wieder auf der Straße. „Ich akzeptiere die Straße und ihre Gesetze“, sagt Patrick und fügt hinzu: „Aber ohne Drogen und Alkohol.“

Stefan Kunzmann

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