KOOPERATION: „Kulturelle Versorgung gibt Stärke und Würde „

Den Menschen auf den Nomadeninseln in Bangladesch eine Grundversorgung zu verschaffen, das ist das Ziel der NGO Friendship. Die woxx unterhielt sich mit ihrer Direktorin Runa Khan über mobile Krankenhäuser und die Rolle der Kultur in Entwicklungsprojekten.

Runa Khan von der NGO Friendship in Bangladesch.

woxx: In Bangladesch und in Luxemburg gibt es bereits sehr viele NGOs – weshalb noch eine zusätzliche?

Runa Khan: Als ich mit den Menschen von den „Nomadeninseln“ im Norden Bangladeschs arbeitete, wurde mir klar, dass statt normaler Hilfestellung Maßnahmen zur infrastrukturellen Entwicklung erforderlich sind. Mit unserer Idee eines schwimmenden Krankenhauses wurden wir anfangs ausgelacht: Der Direktor einer der größten NGOs in Bangladesch wollte unser Schiff nicht einmal besichtigen, weil es so rostig war. Doch das Projekt funktionierte sehr gut und gewann Pilotcharakter. Für alles, was neu und innovativ ist, ist persönlicher Einsatz vonnöten. Der direkte Kontakt mit den Spendern sorgt für Transparenz, und der Austausch zwischen lokalem Wissen und den Anstößen der Spender ist fruchtbar. In Luxemburg haben wir keine NGO gefunden, welche unsere Projekte in ihre Programme aufgenommen hätte, aber wir arbeiten zum Beispiel mit schwedischen und niederländischen NGOs zusammen und knüpfen Kontakte mit luxemburgischen NGOs.

Stichwort innovative Methoden. Was bedeutet das konkret?

Unsere Gesundheitsarbeit ruht auf drei Standbeinen: Auf den Schiffen werden größere Operationen vorgenommen, mobile Krankenstationen versorgen die verschiedenen Gegenden. Auf den Nomadeninseln, die immer wieder von Überschwemmungen oder gar dem völligen Verschwinden bedroht sind, gibt es sonst absolut keine medizinische Versorgung. Um unser Projekt nachhaltig abzusichern, bilden wir lokale Gesundheitshelfer aus. Auch unsere Schulen sind alle semi-permanent: Wenn eine Insel zerbricht, können wir sie in zwei bis drei Stunden abbrechen und an einem anderen Standort wieder aufbauen. Unsere Lehrer sind Menschen aus den Dörfern, die selbst gerade so eben lesen und schreiben können. Jeden Monat erhalten sie auf dem Festland ein dreitägiges Training.

Wird der Staat da nicht aus seiner Verantwortung entlassen?

Wenn wir darauf warten, dass die Regierung Entscheidungen trifft, sind aus Kindern Leute geworden, und in gewisser Weise sind wir dann mitverantwortlich dafür, dass die Zeit nicht ausgenutzt wurde. Wir geben den Leuten zunächst die grundlegenden Elemente der Gesundheitsversorgung, der Bildung oder der Familienplanung. Anschließend sagen wir: Wir werden nicht bleiben, aber die Regierung bleibt. Wir zeigen euch, an wen ihr euch wenden müsst und auf welche Weise. Am Schluss unserer achtmonatigen Alphabetisierungsprogramme sollen die Menschen in der Lage sein, einen Brief an die Regierung zu schreiben. Zudem veranstalten wir mit ihnen auf dem Festland Workshops, bei denen auch der Distriktskommissar und lokale Bildungs- und Gesundheitsverantwortliche anwesend sind. So wissen die Leute, an wen sie sich zu wenden haben, wenn es einen Landkonflikt gibt, wenn die Kinder geimpft werden müssen usw.

Einer ihrer Sponsoren war Unilever. Die Firma ist bekannt für die Zerstörung von Regenwäldern zum Zwecke der Palmölproduktion.

Es gibt Unternehmen, mit denen wir nicht zusammenarbeiten, etwa aus der Tabak- oder der Waffenindustrie. Doch anstatt Unternehmen wie Unilever oder die französische Carrefour-Stiftung noch weiter abzuschrecken, versuchen wir, ihr Bewusstsein und ihr Engagement zu steigern und sie einzubinden. Gerade im Bereich der Katastrophenhilfe muss man das Geld von dort nehmen, wo es ist, und alle müssen sich bewusst werden, dass sie helfen müssen. Bei Carrefour konnten wir die Unternehmenspolitik nachhaltig beeinflussen, etwa im Bereich der Versorgung der Arbeiter im Falle von Arbeitsunfällen in der Bekleidungsindustrie.

Ein Teil des Projekts besteht in der Herstellung von Miniatur-Repliken alter Segelschiffe. Wie wird diese Aktion lokal aufgenommen?

Diese Menschen lieben ihr Handwerk. Bangladesch ist erst rezent ein „Entwicklungsland“ geworden, als einstiger indischer Staat hat das Land ein reiches kulturelles Erbe: Kunst, Musik, Handwerk. Bangladesch besitzt aber auch eines der größten Flussdeltas der Welt. Auch wenn die Holzboote heute von Metallkonstruktionen abgelöst werden, darf die Vielfalt der alten Techniken, die 2-3.000 Jahre lebten, nicht vor unseren Augen innerhalb weniger Jahrzehnte ausradiert werden.

Es ist eher selten, dass kulturelle Aspekte in Entwicklungsprojekte integriert werden.

Es geht nicht nur ums Überleben: Ein Mensch fühlt sich erst vollständig, wenn er nicht nur mit Lebensmitteln, Einkommen und Gesundheit, sondern auch kulturell versorgt ist. Kultur gibt Stärke und Würde. Wenn die Ärmsten der Armen in langen Reihen um Hilfe anstehen, spielt Würde eine wichtige Rolle. Sie gibt ihnen die Kraft, das Morgen in Angriff zu nehmen. In unseren Flüchtlingscamps in Katastrophengebieten richten wir zum Beispiel auch einen Spielplatz und eine Teestube ein, damit die Leute in dieser schwierigen Situation sich einfach mal hinsetzen und miteinander reden können. Kultur und Humanität gehören zu der ganzheitlichen Orientierung unseres Entwicklungskonzepts.

 

Segelboote aus Bangladesch in Luxemburg
Mit ihren schwimmenden Hospitälern und ambulanten Alphabetisierungsprogrammen wendet sich die Entwicklungs-NGO „Friendship“ seit 1998 an den Teil der Bevölkerung Bangladeschs, der auf Nomadeninseln lebt und immer wieder von Überschwemmungen heimgesucht wird.
Friendship Luxembourg wird am nächsten Donnerstag, den 22. Juli um 18h30 die Ausstellung „Voiles anciennes du Bangladesch“ mit Miniatursegelbooten im Centre culturel Neumünster einweihen, gefolgt von einem Konzert mit klassischer Indischer Musik von Rajrupa Chowdhury und Parimal Chakraborty (Eintritt frei). Die Ausstellung ist geöffnet vom 23.7. bis zum 19.9.


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